Orientierungshilfe für Familien - Schwafelkirche in Selbstauflösung

Die „Orientierungshilfe“ der evangelischen Kirche zum Thema Familie räumt mit konservativen Werten auf. Der Protestantismus entfernt sich damit nicht nur von seinen christlichen Wurzeln, er macht sich damit gar zum Jünger eines grün-besserwisserischen Zeitgeistes

Die Bibel hat in der modernen evangelische Kirche schlechte Karten
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Das wäre also klargestellt: Familie ist, wo mindestens zwei Personen für eine Zeit beliebiger Dauer zusammen leben, ohne sich eine Rechnung zu schicken. Und Jesus war jener dufte Typ, der seinen Jüngerinnen und Jüngern ein klares Gebot hinterließ. Sie sollten tun, wonach ihnen der Sinn steht, aber immer geschlechtergerecht handeln.

So lautet die Kurzfassung der heftig diskutierten „Orientierungshilfe Familie“ des „Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Sie basiert auf einer affirmativen Ethik im Jenseits von Norm und Moral. Der beklagenswerte Zustand der protestantischen Universitätstheologie war ein wunderbarer Nährboden für diese nachlaufende Akklamation des Bestehenden. Die EKD ist zur Kirche des Zu-spät geworden, zur Kirche des gestrigen Trends, zur Schwafelkirche.

Die Begriffe werden von ihr gebogen, dass es quietscht und schmerzt. In der besagten „Orientierungshilfe“ wurde aus Verantwortung „Verantwortlichkeit“, sehr alte nennt man „hochaltrige“ Menschen, Mütter werden geschätzt ob ihrer „Feinfühlichkeit und Responsivität“, was immer das sein mag, Männer hingegen erst wieder dann, wenn sie der „neuen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern“ zustimmen, ihre „Beruflichkeit“ überdenken und so die „Chancengleichheit und Fairness innerhalb der Familie“ vorleben: Familie als Arbeitsgemeinschaft mit getrennt geführten Zeitkonten.

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Schlechte Karten hat naturgemäß die Bibel. Sie muss sich vorwerfen lassen, „einem überholten Rollenverständnis“ anzuhängen. Sollte man sie in den Gottesdiensten überhaupt verwenden? Wäre es nicht ehrlicher, sonntags das Parteiprogramm von „Bündnis 90/Die Grünen“ zu verlesen, die Kollekte der 15-Prozent-Partei zu spenden und statt der Kirchen- eine Lebensberatungssteuer einzuziehen? Im Rahmen einer solchen Lebensberatung stuft die „Familienschrift“ gerne das Scheidungsverbot Jesu zum unverbindlichen Appell zurück. Jesus habe lediglich „die Paare und Eltern an ihre Verantwortlichkeit“ erinnern wollen. Schade, dass der dufte Typ offenbar nur ein Wortedrechsler war, der es letztlich nicht so gemeint hat, ein Easy-Going-Smiling-Boy mit total viel „Feinfühlichkeit“ und jeder Menge Spaß im Gepäck. Erlösen muss der Mensch sich selbst.

Sehr zu Recht legte der zornige Theologe Klaus Berger unlängst ein Buch über „Die Bibelfälscher“ vor. Die Frage der Stunde lautet: Wie soll man einer Kirche trauen, die der Bibel nicht traut? Und die an die Stelle der Gelehrsamkeit das naseweise Bescheidwissen des Pennälers setzt? „Heute wissen wir“, heißt es frohgemut in der „Orientierungshilfe“. Da erhebt sich die Frage: Was aber wird die EKD morgen wissen? Lohnt es sich, die Schrift ernst zu nehmen, wenn sie doch nur der Schaum dieser Tage sein kann, der aktuelle Irrtum? Morgen wird die EKD ganz andere Tollheiten für Wissen ausgeben. Vielleicht die „responsive Polygamie“ oder die „verantwortliche Mensch-Tier-Partnerschaft“, bis dass ein neuer Nervenreiz sie scheide? Ein Bündnis acht verschiedener bekenntnistreuer evangelischer Gruppen erklärte prompt seinen Widerstand: „Christen sollen bei der Bibel und den reformatorischen Bekenntnissen bleiben und nicht Irrwegen der EKD folgen.“

Symptom der Schwafelkirche ist auch die nicht enden wollende Publikationsflut der Landesbischöfinnen und -bischöfe. Unterhalb von Margot Käßmann, der Königin der Soforteinfühlung, drängelt sich die zweite Liga. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm posiert in kurzem Hemd auf dem Cover eines Gesprächsbandes, dessen Ko-Autor der eigene Sohn ist. Mehr Kumpel, mehr Lässigkeit geht nicht. Im Innern erzählt Vater Heinrich, Glück bedeute, „nicht aus der Knappheit leben“ zu müssen und dabei „die Frage sozialer Gerechtigkeit“ zu berücksichtigen. Die biblische Schöpfungsgeschichte sei „für ökologische Fragen von heute von großer Bedeutung“. Jesus wiederum war die „personifizierte Kraft der Beziehung“ und ein „ganz besonderer Mensch“, ein „Prophet“ und „ethischer Lehrer“, der „als Sohn Gottes bezeichnet wird.“ Glücklicherweise habe die feministische Theologie den „patriarchalen Gehalt“ der biblischen Texte relativiert. Die Kirche besitze „eine ungeheure Bedeutung für die soziale Infrastruktur“.

Der amtierende Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, plaudert derweil in Buchform mit seiner Ehefrau. Er erklärt uns, was er schwierig findet, was ihn bewegt, wofür er „ganz viel Verständnis“ hat und warum es „Querdenkerinnen und Querdenker“ brauche, auch unter „Christinnen und Christen“: damit die „Spreizung der Einkommen“ abnehme. Da sei, so Nikolaus Schneider, „eine sozialstaatliche Systematik von Recht und Gerechtigkeit“ gefragt. Auch der Einsatz für „Reduktionsziele bei den Welthandels- und Weltklimakonferenzen“ sei Christenpflicht.

In größeren Scharen als die katholische Kirche verlassen derzeit Menschen die evangelische Kirche. Ist es ein Wunder? Mit der EKD ist keine Ökumene und selten ein Glaube, wohl aber ein Staat zu machen – ein Staat ganz nach dem Geschmack der 15-Prozent-Partei mit der Lizenz zur Weltverbesserung. Immerhin: Sollte es 2017, im Jahr des sogenannten Reformationsjubiläums, noch genügend Mitglieder in den evangelischen Landeskirchen geben, steht der einzig sinnvolle Inhalt des Gedenkaktes nun fest. Die EKD wird die Glocken läuten lassen, ihre Pfarrerinnen und Pfarrer auf die Kirchtürme treiben, und von oben herab wird es über das ganze Land schallen: „Martin Luther, vergib uns.“

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