Für die Zeitmesser sind die olympischen Spiele ein Aufwand der Superlative: Mehr als 450 Spezialisten sind in London am Start. Sie messen die Hunderstelsekunde, die den Sieger von der Silbermedaille trennt. Peter Hürzeler, ehemaliger Direktor von Omega Timing, kennt ihre Geheimnisse
Die olympischen Winterspiele in Garmisch-Patenkirchen, 1936: An der Start- und Ziellinie standen zwei Männer und maßen die Zeiten der Rennfahrer mit synchronisierten Stoppuhren. Ihre Ergebnisse schrieben sie auf Zettel, und wenn sich ein Häufchen angesammelt hatte, steckten sie es einem Skifahrer in die Tasche, dass dieser es zum Rennbüro bringe. Irgendwann gegen Abend konnten die Athleten ihre Resultate einsehen.
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Fotoelektrische Zellen messen die Zeiten der Athleten bei den olympischen Spielen. Druckempfindliche Startblöcke erfassen die Reaktionszeit von Sprintern, GPS-Systeme verfolgen die Segelregatten, Zwischenzeiten und Ranglisten erscheinen innerhalb von Sekunden auf den Bildschirmen.
Der Mann, der die Hundertstelsekunde misst, die den Sieger von der Silbermedaille trennt, heißt Peter Hürzeler, ehemaliger Direktor von Omega Timing. Bei bisher 24 olympischen Spielen war der Uhrenhersteller der offizielle Zeitmesser, bei 15 davon war Hürzeler dabei. In Moskau 1980, in Athen 2004 und auch in London, 2012. Er ist ein gemütlicher Mann, mit Brille und schütterem Haar.
Herr Hürzeler, als Sie vor 43 Jahren Ihre Arbeit bei Omega Timing begannen, hätten Sie sich je erträumt, dass sich die Zeitmessung so weit entwickelt?
Nein, das konnte ich mir nie vorstellen. Wir dachten immer, jetzt haben wir das Maximum erreicht. Das gibt es aber nie, auch heute sind wir noch nicht am Ende, es gibt weitere Fortschritte.
Welche Fortschritte gibt es dieses Jahr in London?
Wir haben ein gewisses Niveau der Zeitmessung erreicht, riesige Schritte gibt es nicht mehr. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Peking 2008 hatten wir eine Zielfilmkamera mit 800 Bildern pro Sekunde. Diese Kamera filmt die ersten acht Millimeter der Ziellinie. In London macht unsere Kamera 2000 Bilder pro Sekunde. Das Bild hat dann eine noch bessere Auflösung. Das sieht der Zuschauer von außen nicht.
Welche Errungenschaft hat die Zeitmessung grundlegend verändert?
Vor genau 50 Jahren, in Helsinki, konnten wir zum ersten Mal am Fernseher die Zeit einblenden. Das grenzte damals an ein Wunder. Von diesem Moment an wurde der Zuschauer auch zum Zeitmesser. Vorher erhielt das Publikum einfach ein Resultat. Jetzt konnte es den Start, den Schluss und alles dazwischen mitverfolgen.
Im Schwimmsport haben Sie die automatische Anschlagmatte mitentwickelt. Sie wurde erfunden, weil die Zeitrichter mit ihren Stoppuhren Fehler machten…
Diese Schwimmplatten gab es ab 1967. Als ich sie 1971 an den rauen Beckenrand ankleben wollte, musste ich so lange da kauern, dass ich mir auf der Fußsohle einen Sonnenbrand holte. Ich konnte kaum laufen! Da sagte ich mir: Wir müssen etwas machen. Wir entwickelten Platten aus neuem Material und neuer Dicke. Waghalsig wie wir waren, haben wir sie 1976 an der Europameisterschaft in Schweden gleich ausprobiert. Zum Glück haben sie sehr gut funktioniert.
Was ist Ihre größte Angst bei der Vorbereitung?
Ob alles fertig wird. In Athen 2004 haben sie am Tag des ersten Rennens noch die Geländer gestrichen. Das macht mich nervös, weil wir uns dann nicht richtig vorbereiten können. In London sind noch Sachen offen. Die Engländer sind etwas kompliziert. Sechs Monate hat es gedauert, bis sie uns die Erlaubnis gaben, im Schwimmbad unsere Anschlagplatten zu befestigen. Sie sagten, wir dürfen nicht in den Beckenrand bohren. Dabei machen wir das auf der ganzen Welt.
Was ist für Sie der schönste Moment eines olympischen Spiels?
Wenn das letzte Rennen fertig ist, wenn alle Resultate da sind, wenn alles zu 100 Prozent funktioniert hat. Während den Spielen bin ich immer auf Draht, das geht nicht spurlos an einem vorbei.
Also keine Zeit, um während den Spielen den Sport zu genießen?
Ich kann zum Glück immer wieder ein Spiel oder ein Rennen schauen. 2004 schaute ich Roger Federer in Athen beim Verlieren zu, 2008 in Peking verlor er schon wieder, als ich dabei war. Dieses Jahr werde ich nicht mehr zu seinem Spiel gehen, damit er mal gewinnt.
Das Interview führte Gita Topiwala











