Olympia - Sie wollten sich nicht verarschen lassen

Sportfunktionäre sind nach dem Olympia-Entscheid mächtig sauer auf den Pöbel – und haben diesen mit teils deftigen Schimpfworten bedacht. Dabei sollte man den Münchnern dankbar sein, dass sie uns diesen Mafia-Zirkus ersparen

Auf einem Stimmzettel für die Münchner Olympia-Bewerbung ist ein blaues Kreuz bei "Nein" gesetzt
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Das Ergebnis war eindeutig: keine Olympischen Winterspiele in München. In insgesamt vier Bürgerentscheiden haben sich am Sonntag die Einwohner der bayerischen Landeshauptstadt, Garmisch-Partenkirchens sowie der Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land gegen eine Austragung des sportlichen Großereignisses in ihren Heimatgemeinden entschieden. Und zwar mit einer Ablehnungsquote von bis zu 59,7 Prozent. Erstaunlich sind weniger die Skepsis und Ängste der Bürger vor diesem – von einer außerhalb der Rechtsordnung stehenden Organisation veranstalteten – Megaevent. Sondern vielmehr die Reaktionen diverser Sportfunktionäre auf eine demokratische Wahl.

Gerd Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, ließ im Eifer des verlorenen Gefechts gleich jede Contenance fahren und sich zu folgenden Satz hinreißen: „Auf Deutsch gesagt, die Bayern haben keinen Arsch in der Lederhose.“ Denkwürdig ist auch die wutschnaubende Empörung eines gewissen Franz Beckenbauer, seines Zeichens Fußball-Legende und bayerisches Nationalheiligtum: „Das wird ihnen noch einmal leidtun!“

Die Rache des Don Franzl?


Leidtun wird den gescholtenen Bürgern womöglich eher, dass sie es je zugelassen haben, einer solchen Person quasimonarchische Weihen zuzubilligen. Denn so sprechen allenfalls Leute, die sich durch einen Volksentscheid tatsächlich ihrer fußballkaiserlichen Allmacht beschnitten sehen. Obwohl die Diktion von wegen „noch einmal leidtun“ dann doch eher an den Jargon eines Mafiapaten erinnert, der sich hintergangen fühlt.

Wie wird die Rache des Don Franzl also aussehen? Er wird ja kaum jeden einzelnen Landsmann, der gegen Olympia gestimmt hat, mit einer Betonplatte an den Füßen in der Isar versenken können. Ob er am Ende die heimatliche Scholle aus Trotz und Abscheu vor einer derartigen Respektlosigkeit sogar verlässt, etwa ins benachbarte Österreich? Ach nee, geht ja gar nicht, da wohnt er ja schon längst. Ist dort steuerlich ja auch um einiges günstiger. Aber für eine Beleidigung des zurückgebliebenen Pöbels (der am Ende auch noch die Zeche zahlen soll) reicht es allemal. Einmal Kaiser, immer Kaiser.

Da stellt sich also tatsächlich die Frage, was den olympiaskeptischen Bayern demnächst so leidtun soll. Womöglich die Tatsache, dass sie einfach keine Lust darauf hatten, sich auf eine halbkriminelle Vereinigung einzulassen, die ihren Milliarden teuren Wanderzirkus neuerdings am liebsten in von diktatorischen Regimes beherrschten Ländern haltmachen lässt, weil dort jeglicher Widerstand der Bevölkerung gegen die kommerzielle Ausbeutung ihrer Region sich nicht in freien Wahlen manifestiert, sondern praktischerweise gleich im Keim erstickt wird? Oder werden die Bürger des Freistaats es bitter bereuen, dass sie den „Host-City-Vertrag“ mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) dann doch lieber nicht in ihrem Namen unterschreiben lassen wollten?

Eigentlich kaum vorstellbar, denn so ein Host-City-Vertrag ist eine prima Sache. Wenngleich auch nur für eine Seite, nämlich für das IOC. In einem Rechtsgutachten des Regensburger Jura-Professors Gerrit Manssen werden diese Dokumente ziemlich unmissverständlich als „Knebelverträge“ bezeichnet, die das IOC mit seiner „unkontrollierten Monopolstellung“ für „teilweise rechtlich groteske, den Vertragspartner einseitig belastende Regelungen“ nutze, „die jedem Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl widersprechen“. Unter anderem deshalb, weil das IOC sich einseitige Änderungen des Vertragsentwurfs bis zum Abschluss vorbehält.

Angesichts derartiger Klauseln muss man sich weniger über das Abstimmungsverhalten der bayerischen Bürger wundern. Sondern vielmehr darüber, dass Münchens Oberbürgermeister Christian Ude bereit gewesen wäre, ein solches Regelwerk überhaupt zu paraphieren (in Kiel ist gerade seine Amtskollegin aus weit geringerem Grund zurückgetreten).

Aber um solch läppisches Juristen-Kleinklein dürfte es dem Sportmonarchen Beckenbauer auch gar nicht gegangen sein. Er meint wahrscheinlich eher die wohltuenden Nebeneffekte zugunsten des Volks, für das vom großen Tisch der Olympioniken ja gewiss Krümel in Hülle und Fülle herunterfallen. Man kennt das ja von früheren Veranstaltungen.

Aberwitzige Drohungen perlten an den Münchnern ab


In Albertville zum Beispiel wurde für die Spiele von 1992 eine Arena mit 35.000 Plätzen gebaut und hinterher wieder abgebrochen; die Skisprungschanzen verursachen jährliche Instandhaltungskosten von bis zu 300.000 Euro, bei der Olympiahalle fällt für den Unterhalt das Doppelte an. In Lillehammer, Austragungsort des Jahres 1994, mussten hinterher zwei große Skianlagen an Investoren verschenkt werden, um einen Bankrott zu vermeiden. In Nagano, wo man sich vier Jahre später mit dem IOC auf Olympia einließ, werden die Bewohner noch mindestens ein Jahrzehnt lang unter dem Schuldenberg leiden, der wegen der Sportfestspiele angehäuft wurde. Und so weiter und so fort. Das Prinzip ist aus der Finanzindustrie sattsam bekannt: Gewinne privatisieren, Verluste auf die Allgemeinheit abwälzen.

Wie sagte der Eisschnelllauf-Bonze Gerd Heinze noch gleich? Die Bayern hätten keinen Arsch in der Lederhose? Ich glaube, die Bayern haben vielmehr klar gemacht, dass sie nicht bereit sind, sich von in Allmachtsphantasien schwelgenden Sportfunktionären verarschen zu lassen. Mit entsprechender Nonchalance dürften sie auch die aberwitzigen Drohungen ihres Fußballkaisers an sich abperlen lassen. Dass das IOC irgendwelche Konsequenzen aus dem Wahldebakel der Olympiaunterstützer ziehen wird, ist nicht zu erwarten – schließlich gibt es auf der Welt genügend Regimes, die sich ein bisschen vermeintlichen Prestigegewinn nur allzu gern auf Kosten ihrer Bevölkerung erkaufen wollen.

Aber zumindest Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, sollte standhaft genug sein, um endlich aus seiner Partei auszutreten. Der Mann ist nämlich Gründungsmitglied der Grünen. Und niemand anderem als den bayerischen Grünen ist es maßgeblich zu verdanken, dass die Verschwendung von Steuergeldern in olympischem Ausmaß rechtzeitig verhindert wurde. Und zwar, wie es sich gehört: an der Wahlurne.

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