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 > Oksana Sabuschko: Feldstudien über ukrainischen Sex

Salon

Kurz und BündigOksana Sabuschko: Feldstudien über ukrainischen Sex

Von Jan Bürger7. September 2009
Schrift:

Liebe schützt vor Angst, weiß die junge Dichterin, Angst andererseits zerstört die Liebe – ein Teufelskreis, aber nicht der einzige.

Liebe schützt vor Angst, weiß die junge Dichterin, Angst andererseits zerstört die Liebe – ein Teufelskreis, aber nicht der einzige. Denn diese Dichte­rin stammt aus «einem Land von Beamten in hängenden Hosen und schuppenbedeckten Sakkos, einem Land von verfetteten Schriftstellern, die nur in einer Sprache lesen können und nicht einmal das beson­ders häufig tun, einem Land von käferartigen Geschäftsleuten mit Adleraugen und den Gewohnheiten ehemaliger Komsomolzen-Sekretäre» – sie stammt aus der Ukraine und ist die Heldin des deutlich autobiografisch gefärbten Romans «Feldstudien über ukrainischen Sex» von Oksana Sabuschko. Noch vor fünf Jahren war die Ukraine im Wes­ten kein Thema. Zuweilen fiel das Stichwort Tschernobyl, darüber hinaus aber schien für das flächenmäßig zweitgrößte europäische Land wenig Platz in westlichen Köpfen – kein Zufall, dass Juri Andruchowytsch sein erstes auf Deutsch erschienenes Buch «Das letzte Territorium» nannte. War das Wissen über Polen und das Baltikum außerordent­lich rudimentär, so galt die Ukraine als das Letzte, wofür man sich interessierte. Doch dann kam die Revolution im Januar 2005, und plötzlich diskutierte ganz Europa über die ungeheuerlichen politischen Machenschaften dortzulande. Der Alltag der 47 Mil­lionen Einwohner der ehemaligen Sowjetrepublik hingegen bliebe ohne das besondere Vermögen der Belletristik, Vorstellungen von einer ebenso nahen wie fremden Region zu vermitteln, weiterhin unbekannt. Dies gilt auch für das dunkle Portrait der Ukraine, das die 1960 geborene Oksana Sabuschko aus Kiew in ihrem bereits 1994 entstandenen Debüt-Roman entwirft. Zwischen Liebes- und Größensehnsucht, zwischen – Sabuschko drückt sich nicht zimperlich aus – Pisse, Pathos und Poesie entfaltet sich die Tirade der Erzählerin. Sie ist dem Angebot einer amerikanischen Universität ins Exil gefolgt und findet sich vereinsamt in einer trostlosen eat in kitchen wieder. Dort setzt sie zur Generalabrechung mit ihrem gewalttätigen Gatten und ihrer verrotteten Heimat an, zu einer aus der Art geschlagenen Vorlesung über das Intim­leben der Ukraine. Der Titel des Romans beschreibt zugleich dessen Form: Sabuschko parodiert die akademische Rede, um die Hoffnungslosigkeit ihrer Heldin hemmungslos auszustellen: «In der Psy­chia­trie nennt man das wohl Opferverhalten, doch ich kann nichts dagegen tun, so hat man mir’s beigebracht; überhaupt ist alles, was die Ukrainer über sich erzählen können, wie oft und auf welche Art
und Weise man sie geschlagen hat – eine Information, die natürlich für Außenstehende von geringem Interesse ist, nur wenn du weder in der Familien- noch in der nationa­len Geschichte etwas zusam­menkratzen kannst, gewöhnst du dir allmählich an, gerade da­rauf stolz zu sein …» Ohne Larmoyanz zeichnet Sabuschko die Ukraine als den Abtritt Europas, als das nackte Leben, das stillschweigend geopfert wird. Für die Bewohner dieses Landes gäbe es nur eine Möglichkeit, aus dem Teufelskreis ihrer ewigen Benachteiligung auszubrechen – den Suizid. Oder zumindest die Fortpflanzungs-Verweigerung: «Sklaven sollten keine Kinder in die Welt setzen.» Kein Wunder, dass die «Feldstudien» in der Ukrai­ne zum Skandalerfolg wur­­den. Und wenn es mit rech­ten Dingen zuginge, müss­ten sie zehn Jahre danach auch uns ein Licht aufstecken.


Oksana Sabuschko
Feldstudien über ukrainischen Sex
Aus dem Ukrainischen von DAJA.
Droschl, Graz 2006. 174 S., 19 €

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