Mülltrennung, Solarkollektoren, Nachhaltigkeit gehören zur typisch deutschen, ideologischen Maskerade des Möchtegern-Bürgertums. Dabei definiert sich wahres Bürgertum über den Geist, nicht über das Materielle
Im neuen Buch von Christian Thielemann las ich kürzlich den Satz: „Das Wort ‚gutbürgerlich’ bedeutete in meiner Jugend nicht nur den Majoran zu Weihnachtsgans, sondern Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner.“ Man muss kein unbedingter Fan von Thielemann sein (und nein, ich bin es auch nicht!), um doch den Kern Wahrheit herauszufischen, der in diesem Satz liegt. Bürgerlichkeit definiert sich nämlich nicht übers Materielle, sondern über den Geist. Das ist nicht nur kultiviert, es hat auch einen sozialen Hintergedanken. Geistige Kultur nämlich kostet nichts. Sie ist die einzige legitime Wurzel des Bürgerlichen.
Das hat auch historische Gründe. Die moderne deutsche Bürgerlichkeit, die zum Vorbild für ganz Europa wurde, hat ihre Ursprünge im 18. Jahrhundert. Die Kultur der deutschen Klassik und Romantik, ob in Literatur, Malerei oder Musik, ist hervorgegangen aus klein- und kleinstbürgerlichen Verhältnissen. Im Deutschland des späten Ancien Régime gab es, anders als in den reichen Nachbarstaaten Holland, Frankreich und England, kein relevantes Besitzbürgertum; die Blüte des deutschen Geistes wuchs empor aus weitgehend mittellosen Pastoren-, Schulmeister- und Handwerkerhaushalten. Das aber gab ihr erst ihren Schwung und ihre Größe, der bald ganz Europa begierig nacheiferte.
Das Bürgertum heute, das inzwischen 90 Prozent der Gesellschaft umfasst, hat sich hiervon weitgehend entfernt. Bürgerlichkeit ist ursprünglich und wesenhaft etwas Auratisches, heute wird sie ideologisch definiert. Schon das ist falsch. Bürgerlich ist nicht, wer für oder gegen einen Bahnhofsneubau auf die Straße geht (wobei das ein legitimes politisches Anliegen ist, zumal Stuttgart 21 tatsächlich ein großer Schwindel ist), sondern wer einen Sinn hat für das, was das Leben im Innersten ausmacht und erhält: für das Schöne.
Ebenso wenig lässt sich Bürgerlichkeit über Konsum oder Besitz definieren. Durch laktosefreie Milch und Solarkollektoren auf dem Dach kann man sich weder Moral noch Kultur kaufen. Nachhaltigkeit ist eine Ideologie, nicht die schlechteste vielleicht, aber keine bürgerliche Haltung. Doch das ist typisch deutsch: die ideologische Maskerade, mit der man sich Absolution von seinen Moral- und Kultursünden erhofft, quasi ein Emissionshandel im Privaten. Die Mülltrennung ist das reinigende Ritual einer gottlosen Gesellschaft, das täglich vollzogen werden muss, auch wenn jeder im Ort weiß, dass der Abfall in der nächsten Kreisstadt ja doch zusammengekippt und verbrannt wird (und, o Wunder, die Wälder sind immer noch nicht gestorben und die Weltmeere sind immer noch nicht über die Küstenufer getreten). Doch das zählt für den Ökospießer von heute nicht. Was zählt, ist nicht der Geist, sondern der Buchstabe des Gesetzes, dem sich so bequem gehorchen lässt, weil es so viel leichter ist, Papier von Plastik zu trennen, als endlich seinem Mann zu sagen, dass man seit zwei Jahren fremdgeht, oder mal damit aufzuhören, die eigenen Kinder zu schlagen.
Kultiviert ist nicht, wer Kalorien zählt und „nur Bio“ kauft (was, wie wir wissen, weder besonders gesund noch schön macht und ohnehin eine Veranstaltung für Besserverdienende ist), sondern wer genießen kann: ob es nun Boeuf Hohenlohe ist oder ein Hamburger. Dass die meisten so genannten Bürger von heute keine Bürger sind, sieht man am besten daran, dass sie nicht mehr frei handeln können (war im ursprünglichen Sinne, in der griechischen Polis nämlich, den Kern von Bürgerlichkeit ausmachte), sondern dass sie nicht mal mehr einen Bleistiftanspitzer kaufen können, ohne mit dem Verkäufer eine halbe Stunde lang über den Holzgehalt zu diskutieren.
Daran übrigens, einfach den Konsum einzuschränken, denkt keiner dieser Möchtegern-Bürger; dabei wäre das der direkte Weg zu mehr Nachhaltigkeit und der einzige Weg zu echter Bürgerlichkeit: die Beschränkung auf das, was einem gefällt und gut tut und was man wirklich braucht. Wenn man endlich einsähe, dass eine Tasse Kaffee am Morgen vollkommen ausreicht, könnten wir uns den ganzen Fair-trade- und Green-wave-Zirkus sparen.
Nächste Seite: Christian Fürchtegott Gellert, Immanuel Kant, Friedrich Schiller – alles arme Schlucker














22 Kommentare