Thomas Bernhards „Alte Meister“ in einer Comic-Fassung? Dem Zeichner Nicolas Mahler gelingt das mit Bravour. Er eröffnet damit die erste Comic-Reihe des ehrwürdigen Suhrkamp Verlags.
Seit über dreißig Jahren sitzt der Musikkritiker Reger jeden zweiten Tag, außer montags, auf derselben Bank im Kunsthistorischen Museum Wien: Er sitzt im sogenannten Bordone-Saal vor Tintorettos „Weißbärtigem Mann“, dem einzigen von den Alten Meistern im Haus, der ihm ohne Makel erscheint. Tizian? Rubens? Dürer? Das sind für Reger lediglich Dilettanten. Außerdem ist der Bordone-Saal der einzige Ort in diesem Museum, der eine für Reger angenehme Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufweisen kann. So sitzt er hier also tagein, tagaus und kritisiert und erregt sich über die Musik, die Malerei und die anderen Künste; aber auch über die Welt im Allgemeinen und sein Heimatland Österreich im Speziellen.
Seit über dreißig Jahren wird Reger dabei von dem Saaldiener Irrsigler bewacht, einem unterwürfigen Klops von einem Mann mit einer sehr langen Nase. Auch Reger hat so einen Klopskörper, doch verhüllt er ihn in einer schwarzen Kardinalskutte. Er ist kein unterwürfiger Klops, er ist ein grimmiger, ein gefährlicher Klops. Ganz anders als wiederum sein neuer Freund, der Privatgelehrte Atzbacher: Dieser ist eine Hagelstangenfigur, eine unsicher wirkende, schlaksige Type mit einer Nase, die noch länger ist als alle anderen Nasen in diesem Comic.
„Alte Meister“ heißt dieses lakonisch erzählte und minimalistisch gezeichnete Werk, das der Wiener Comic-Zeichner Nicolas Mahler nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Bernhard verfertigt hat. Die Grimmigkeit der Reger’schen Tiraden, die Verklemmung des einander umkreisenden Trios aus Kritiker, Verehrer und Wärter und die langsam erblühende Zärtlichkeit zwischen dem verpanzerten Reger und dem jungen Atzbacher hat Mahler kongenial übersetzt: in sparsam getuschten, aber gerade darin besonders berührenden Karikaturen. Auch die Gemälde an den Museumswänden entstellt er zur Kenntlichkeit: Tizians „Nymphe und Schäfer“, gleich auf der ersten Seite zu sehen, wirkt bei ihm wie von Wilhelm Busch; und der „Weißbärtige Mann“, immer wieder im Bild, erwacht aus der sparsamen Schraffur bald zu einem sonderbar bewegten Leben.
„Alte Meister“ ist die erste Comic-Veröffentlichung im Suhrkamp Verlag: Es ist der erste Teil einer Reihe, für die der Frankfurter Journalist Andreas Platthaus deutschsprachige Zeichner und Zeichnerinnen zur Adaption literarischer Werke eingeladen hat. Als Nächstes wird die Berliner Comic-Autorin Ulli Lust den Roman „Flughunde“ von Marcel Beyer interpretieren. Suhrkamp ist der letzte und bedeutendste der klassischen Buchverlage, der sich nun auch den Comics zuwendet. Für viele ist das ein Zeichen dafür, dass diese lange Zeit von der literarischen Welt als trivial verachtete Gattung endgültig in den Olymp der Hochkultur aufgenommen ist. Zum Auftakt der Reihe nun also Nicolas Mahler und Thomas Bernhard: Das erweist sich als eine grandiose Kombination.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie eine Frau Mahler beeinflusste










