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Oliver Killing/DGM

Neue Musik - Plädoyer für den Traditionsbruch in der Klassik

Zeitgenössische klassische Musik leidet unter Liebesentzug. Wer daran etwas ändern will, sollte neue Pfade beschreiten. Aus einem Konzert bei den Dresdner Musikfestspielen lässt sich ein Vier-Punkte-Programm ableiten

Alexander Kissler

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Nun gut, sagt sich das kritische Bewusstsein, es war ein elitäres Vergnügen. Vielleicht vierhundert Menschen haben sich im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele die New Yorker Philharmoniker gegönnt. Das Gläschen Secco aus dem Rheingau kostete fünf, die Karte bis zu 155 Euro. Völlig kostenlos war der Livestream des Konzertes im Internet. Außerdem, beharrt das kritische Bewusstsein, dominierte in Dresden diese für ein Klassikpublikum übliche Melange aus teuren Parfums, schicken Kleidern, Küsschen hier, Küsschen da. Schauspieler Bill Murray, der gerade im Harz einen Spielfilm an der Seite George Clooneys dreht, saß in der ersten Reihe.

Andererseits: Diese Melange ist in München oder Wien konzentrierter, mit einer Tendenz hin zur Monokultur, der Sekt nicht billiger, die Lippe steifer. Und keineswegs kann mit einer amüsierfreudigen Vierhundertschaft gerechnet werden, wenn das Programm ausschließlich aus Neuer Musik besteht. Leonard Bernsteins „Serenade nach Platos ‚Symposium‘“ wurde durch Joshua Bells Solovioline veredelt und bekannte sich vor allem im Adagio zum spätromantischen Erbe auf Samuel Barbers Spuren. Den Hauptteil des Abends bestritten mit Christopher Rouse und Magnus Lindberg, die beide anwesend waren, hierzulande fast kaum bekannte Komponisten. Lindbergs Hauptwerk „Kraft“ war eine dreißigminütige Expedition in den Kontinent des Lärms: Industrial noise, für den nicht zufällig die „Einstürzenden Neubauten“ Pate standen. Der Finne Lindberg hatte deren Musik Mitte der 1980er Jahre in Berlin kennen gelernt.

Dirigent Alan Gilbert sprach im Anschluss von neuen Wegen, die Lindberg der Musik weise, indem er sie als „physische Landschaften“ auffasse. Melodien suchte man vergebens in der symphonischen Schwerstarbeit für die rund einhundert Musiker. Man sah diese immer wieder den Raum durchmessen, als wär‘s ein Theaterstück. Bläser schwärmten aus auf Treppen, Perkussionisten bezogen Position in den vier Himmelsrichtungen, das Mischpult für den Klangdesigner stand im Rücken des Publikums, sodass diesem sich der Dirigent sporadisch zuwandte. Schlaginstrumente sonder Zahl wanderten durch die Hände. Dazu rechneten Stoßdämpfer, Türpfosten, Kühlbehälter. Lindberg selbst gab den mal feixenden, mal angespannten Berserker an wechselnden Schlagzeugen, verschmähte auch den riesigen Gong nicht, mit dem die Gewitter anhoben.

Sie alle hatten ihren Hauptspaß. Laute warfen Echos, Echos wurden zu Lauten. Der Dirigent zischte und schnalzte, „tschuck-tschipp“, „soktscha-bumm“, ehe zwei Harfen und eine Klarinette fast eine Melodie im Wechselspiel entwickelt hätten, im zarten Getuschel aber strandeten. Oder gerade so sich fanden? Maximale Stille wurde aus schroff aufeinander geschichteten Klangflächen geboren, kein Triller blieb unerwidert. Jeder Rhythmus nahm sich wichtig, um dann doch, mäandernd, verzweigend, verzweifelnd, von der Bühne gedrängt zu werden, sich verpuppte, verjüngte und manchmal doch starb. Der Komponist, im weißen Arbeiterkittel wie einige der Mitstreiter, pustete mittels Plastikschlauch in ein kleines Bassin, dem Luftblasen und Wassergurgeln entstiegen.

Zwischendurch tanzte, ohne dass die Partitur es verlangt hätte, eine Luxuskarosse kreisend im Trichter hinter der Bühne nach oben. Ort dieser gesamten „Kraft“-Einheit war eine Autowerkstatt, die „Gläserne Manufaktur“, in der Volkswagen den „Phaeton“ fertigt und davon während des New Yorker Gastspiels nicht abließ. Diente, fragt das kritische Bewusstsein, das ganze Spektakel dem Imagegewinn eines multinationalen Konzerns?

Es galt der Kunst. Sie triumphierte über alle Einwände hinweg, die Einwände des Publikums eingeschlossen, das mit solchen Lärmkaskaden gewiss nicht rechnete. Niemand verließ die Halle vor der Zeit. Das Außergewöhnliche bezwang die Hörroutine. Darum könnte es sein, dass die oft zu Recht an Liebesentzug leidende Neue Musik von Abenden wie diesen lernen kann, woran es ihr andernorts gebricht: An der Freude vor allem, auf die sie ein Anrecht hat wie jede andere Musik. Neue Musik gedeiht nicht nur als des Griesgrams schlimmere Schwester. Sie darf auch den Schalk im Nacken tragen und die Selbstironie.

Zweitens hat Neue Musik im Prokrustesbett der Abonnentenpflege schlechte Karten. Wer sie einzwängt für sechseinhalb Minuten zwischen Haydn und Brahms, wird nie für sie begeistern. Sie sollte sich stattdessen zum Besonderen, Raren, Eigenständigen bekennen, Zeit fordern, Zeit schenken. Drittens sollte auch der Raum, in dem sie stattfindet, nicht überdeterminiert sein durch die Geschichte des populären Repertoires. Lindberg und vermutlich auch Rouse hätten in der nahegelegenen Semperoper abgeschmackt gewirkt. In der „Gläsernen Manufaktur“ wuchsen sie auf frischem Grund, weil sie ihn sich neu erobern konnten. Er war ihr eigenes Amerika.

Und viertens: Neue Musik darf lärmen, schreien, schelten, schweigen, sollte aber nicht nur eine Klangfarbe kennen. Der Wechsel ist’s, der fasziniert, der Rhythmus ist’s, der Wandel will und Wandel bringt. Dann könnten, dann werden mehr neugierige Ohren dem Neuen auch trauen.

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