Er war auf dem Mount Everest, am Nord- und am Südpol. Nun hat Reinhold Messner über einen tragischen Polar-Helden geschrieben: Hjalmar Johansen
Nicht umsonst ist die Erde nur ungleichmäßig besiedelt. Menschen und Tiere halten sich verständlicherweise am liebsten in lebensfreundlichen Regionen auf. Es liegt aber ausschließlich in der Natur des Menschen, dass er seine Natur überwinden will. So entstanden die Ideen vom Abenteuer, vom Helden und von der Selbsterfahrung. Und so störten sich tatendurstige Männer schon lange an den weißen Flecken, die die Kartografen als Fragezeichen bei der Vermessung der Welt hinterlassen hatten.
Wer als Erster den höchsten Berg bezwungen oder das Eismeer durchfahren hatte, um eine Flagge am Pol zu hissen, konnte auf unsterblichen Ruhm hoffen. Abenteurer wurden zu Volkshelden und erwarben Reichtümer, indem sie ihre Erlebnisse in Vorträgen und Büchern verwerteten. Die Hintergründe der tollkühnen Unternehmungen waren vielfältig: Nationen erhoben Ansprüche auf Territorien, die von ihren Vasallen erstmals markiert wurden, während Akademien den wissenschaftlichen Nutzen der Expeditionen herausstellten. Jahrelang wurde geplant und gerechnet, Schiffe wurden gebaut und Mannschaften für Missionen ungewissen Ausgangs ausgerüstet.
In der Todeszone aber herrscht der Wahnsinn. Da mochte zum Beispiel der nordpolsüchtige Fridtjof Nansen bei seiner Expedition von 1893 noch so viele Messungen im Eis anstellen, um sein kostspieliges Unterfangen vor der Öffentlichkeit zu legitimieren. Allein der Umstand, dass er sein Schiff auf den Namen «Fram», das norwegische Wort für «vorwärts», taufte, offenbarte die literarischen Beweggründe des Polar-Reisenden: Er identifizierte sich mit dem von Jules Verne erdichteten Kapitän Hatteras, der das Eismeer auf der «Forward» zumindest in der Literatur schon erobert hatte.
Um sich seinen Traum zu erfüllen, stapfte Nansen von 1893 bis 1896 durchs arktische Eis, verfehlte den Pol und wurde dennoch zum Helden. «Der Augenblick des Überlebens», schreibt Elias Canetti, «ist der Augenblick der Macht.» Der Preis und zugleich die Voraussetzung dieser Macht, das weiß Canetti auch, sind die Toten: die, die nicht zurückgekehrt sind oder ihre Rückkehr nicht ertragen wollten und deshalb freiwillig starben.
«Überlebt» – so treffend und knapp heißt ein Buch, in dem Reinhold Messner im Jahr 1987 von seinen Besteigungen aller 14 Achttausender erzählt – diesen Kraftakt hatte vor ihm noch keiner vollbracht. Abgefrorene Zehen hielten Messner später von den gefährlichsten Klettertouren ab, nicht aber von Wüstendurchquerungen und Wanderungen zum Nord- und Südpol.
Wir besuchen ihn in moderaterem Gelände. Schloss Sigmundskron findet man leichter als den Nordpol. Ausfahrt Bozen-Süd: Durch den Nieselregen ist die Festung aus dem zehnten Jahrhundert schon von der Autobahn zu sehen. Sie klammert sich majestätisch an einen Bergvorsprung und trotzt der Lastwagen-Karawane, die im Tal stoisch auf den Brenner zurollt. Die Bergwelt ist längst domestiziert, nicht nur hier in Südtirol, der Heimat so vieler berühmter Bergsteiger. Daher fühlt sich Reinhold Messner berufen, den bedrohten Natur- und Erfahrungsraum zumindest museal zu bewahren: In Schloss Sigmundskron ist seit 2006 das «MMM» (Messner Mountain Museum) untergebracht – ein alpinistisches Phantasialand von beeindruckenden Ausmaßen.
In den mittelalterlichen Gewölben und Wehrtürmen finden sich allerhand Memorabilia aus der Geschichte des Bergsteigens, Alpenmalerei und Bronze-Figuren aus dem Himalaya; den Obsessionen seiner höchst privaten Abenteurer-Biografie folgend hat sich Messner hier ein öffentlich zugängliches Denkmal gesetzt. Im Museums-Shop werden seine zahlreichen Bücher verkauft. Doch damit nicht genug: In vier weiteren Baudenkmälern dieser Region residieren Ableger des «MMM» – darunter das Schloss Juval, wo Messner auch wohnt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Messner mit seinem Buch einem «Zero Hero» ein Denkmal setzt.










