Rücktritt des Mozilla-Chefs

Die Macht der Meinungsverbote

Kisslers Konter: Mozilla-Chef Brendan Eich hat gekündigt, weil er ein Gesetz gegen die Homoehe unterstützte. Doch sein Rücktritt ist kein Triumph, sondern eine Kapitulation vor den öffentlichen Sprachverwaltern

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Unser Autor

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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In der vergangenen Woche hat ein Gedankenverbrecher im Orwell’schen Sinne die Konsequenzen gezogen. Er hat seine Tat eingestanden, seinen Posten geräumt und will künftig ein besserer Mensch sein. Dass die Säuberungsaktion, wie seine Firma nicht müde wird zu behaupten, allein der Einsicht des Delinquenten geschuldet ist, es keinen Druck gegeben habe, bestätigt die Funktionstüchtigkeit des Systems. Der Angeklagte spricht sich selbst das Urteil und vollzieht die Strafe sofort. Die Welt wird schöner mit jedem Tag.

[[{"fid":"61710","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":750,"width":750,"style":"width: 120px; height: 120px; float: left; margin: 5px 10px;","class":"media-element file-full"}}]]Brendan Eich also ist nicht mehr CEO, Vorstandschef der Mozilla Corporation. Er war es eine gute Woche lang. Mozilla hat der Welt einen Browser für das Internet namens Firefox beschert. Experten loben ihn. Brendan Eich ist gelernter Programmierer. Seine Welt besteht aus Software, Datenströmen, Prozessoren. Er ist kein Politiker, er rief weder zu einer Straftat noch zu einem Umsturz auf, und Mozilla stellt keine Weltanschauungen her.

Dennoch trat er zurück, um Schaden von seiner Firma abzuwenden. Beträchtlicher Schaden war schon entstanden: Brendan Eich hatte den Ruf von Mozilla in den Kreisen der LGBT-Aktivisten, der Lesben-Schwulen-Bisexuellen-Transsexuellen-Lobby, gemindert. Denn Brendan Eich hatte vor sechs Jahren 1000 Dollar für den gesetzgeberischen Einsatz wider die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe in Kalifornien gespendet.

Das lehrt uns vieles: Egal, wie lange ein Gedankenverbrechen zurückliegt, da ist immer jemand, der es findet, der es ausgräbt, der es verwenden wird gegen den Delinquenten. Und Delinquent kann jeder werden, der von seinem zivilbürgerlichen Recht auf freie Meinung und politisches Engagement in einem Sinne Gebrauch macht, der vom Common Sense abweicht. Es ist also nicht länger der Schutz abweichender Meinungen, an dem sich die Vitalität einer Demokratie bemisst. Nein, der Demokrat der Spätmoderne muss ein Gesinnungstäter sein, und über die öffentlich erlaubten Gesinnungen ist immer schon entschieden.

Die Räume des Sagbaren schwinden
 

Natürlich darf, streng genommen, auch 2014ff. jede und jeder denken und meinen und reden und sagen, was sie will und wonach ihm der Sinn steht. Er muss aber, sollte er die eigenen vier Wände verlassen, mit steigenden Folgekosten rechnen. Brendan Eich, ein Mitbegründer der Mozilla Foundation, war vor sechs Jahren offenbar der irrigen Auffassung, er dürfe als Privatmann ein politisches Projekt unterstützen und parallel seine Firma repräsentieren. Das war ein Irrtum. Das Private wird unter den Bedingungen der Netzöffentlichkeit und des Radikallobbyismus sofort politisch. Immer dann nämlich, wenn das veröffentlichte Private der veröffentlichten Moral zuwiderläuft. Dass diese wiederum mit der Moral vieler Menschen kollidieren kann, steht auf einem anderen Blatt.

Man muss kein Pirinçci und kein Sarrazin sein, um zu erkennen: Hier läuft etwas grundsätzlich schief. Demokratie und republikanischer Geist werden von der Grundbedingung freiheitlichen Zusammenlebens zur Bringschuld für jene, die es anders sehen. Es gibt sie wieder, die Dissidenten, die partout nicht einsehen wollen, was gut für sie und für die Gesellschaft ist und die auf letztlich neomarxistischem Weg eingehegt werden müssen. Man schlage nach bei Gramsci und dessen Konzept einer Hegemonialkultur. Heute kann es reichen, den Forderungen der LGBT-Lobby reserviert gegenüberzustehen, um die Rechnung präsentiert zu bekommen: Umsatzeinbußen, Rufminderung, Shitstorm. Peinlich schnell stellte sich die Mozilla Foundation auf die Seite der Empörten.

Was wird morgen der Fall sein, dies- und jenseits des Ozeans? Aus welchen Quellen kann sich eine derart ausgehöhlte, ausgeplünderte Demokratie regenerieren? Republikaner wachsen nicht auf Bäumen, Vernunft liefert kein Online-Händler. Die Räume des Sagbaren schwinden tatsächlich. Nicht, weil immer weniger gesagt werden dürfte. Sondern weil das öffentliche Reden immer strenger reglementiert wird von Pressuregroups und Sprachverwaltern verschiedener Couleur. Irgendwann werden wir gutgelaunt und sehr erregt, doch stumm durch die Straßen ziehen.

 

 

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