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Salon

Politik im TatortIn mörderischer Gesellschaft

Von Klaus Raab31. Oktober 2012
picture alliance
Tatort,ARD,Fernsehen,Drehbuch,Realität,Fiktion
Realität oder Fiktion? Der „Tatort“ spiegelt die Befindlichkeiten der Nation
Schrift:

Jeden Sonntagabend um 20:15 Uhr sitzt die halbe Republik vor dem Fernseher und starrt auf sich selbst. Denn was in der populärsten deutschen TV‑Reihe verhandelt wird, ist nicht weniger als die Befindlichkeit der Nation. Klaus Raab hat sich auf Spurensuche begeben, um den erstaunlichen Erfolg des „Tatort“ zu ermitteln. Und stieß dabei auf seltsame Zeugen

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Wenn sich das Fadenkreuz aufbaut, das Schlagzeug einsetzt, wenn der Mann über den nassen Asphalt spurtet, kurz: sonntags zur heiligen Zeit, da muss der SPD‑Politiker Ralf Stegner manchmal doch zu einem Termin. Einige Dinge lassen sich auch vom Sonntag nicht wegorganisieren, Wahlabende zum Beispiel. Aber zum Glück, sagt Stegner, gebe es ja noch den Rekorder. Er zeichnet auf, lückenlos, Blum, Ballauf, Borowski. Und die alten, Trimmel, Haferkamp, Schimanski, stehen eh in seinem Regal. Stegner hat sie alle, 852 Filme, 1970 bis 2012.

Ralf Stegner, Chef der schleswig-holsteinischen SPD, ist kein Genusspolitiker, er selbst wirkt im Fernsehen, als hätte er Büroklammern gefrühstückt. Aber er hat sich keinen Moment gewundert, dass man ihn zum Tatort befragen will, zu der Beziehung von Politik, Gesellschaft und dieser Sendung mit dem ungeheuren Erfolg. Er hat zu sich nach Hause eingeladen, nach Bordesholm südlich von Kiel. Stegner hat eigentlich Urlaub, aber das ist ein Termin, bei dem er bei sich und seiner Leidenschaft sein darf, er trägt Poloshirt und Hausschuhe.

Bildergalerie: In mörderischer Gesellschaft

In der Person Ralf Stegner trifft sich beides: Als Politiker hat er leidvoll erfahren, wie schwierig es ist, das Publikum für sich zu begeistern. Und zugleich gehört er im Falle des Tatorts selber zu den Begeisterten dieses Krimis, dieser über die Langstrecke gesehen mit der Tagesschau erfolgreichsten Sendung des deutschen Fernsehens. Sechs bis elf Millionen Zuschauer sehen sie sich an, Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr, nur unterbrochen von einer Sommerpause, die aber von Wiederholungen überbrückt wird und die jetzt auch schon wieder vorbei ist. Der Tatort ist ein Phänomen. Wie verhält es sich zwischen ihm und der gesellschaftlichen Debatte, wie beeinflussen sie sich? Und warum werden die Zuschauer dieses Krimis partout nicht überdrüssig?

Aufnahmegerät läuft. Also, Herr Stegner? „Was an wichtigen Themen in der Gesellschaft verhandelt wird, kommt im Tatort vor“, sagt er. „Er ist ein Stück Bundesrepublik Deutschland.“ Ein Satz ist das, den sich kein Drehbuchautor besser ausdenken könnte, um einen Politiker als jemanden einzuführen, der volksnah sein will und zugleich tief genug im Berufsjargon verwurzelt ist, um das Land bei der Staatsform zu nennen. „Die Republik“, sagt Stegner, „wird darin nicht nur aus München, Hamburg oder Berlin beschrieben“, wie sonst üblich, „sondern auch aus Saarbrücken, Stuttgart, Frankfurt, Münster, Hannover und, was weiß ich, Ludwigshafen. Das ist schon Darstellung bundesrepublikanischer Realität.“

Da ist ein häufig benutztes Tatort- Stichwort: Realität.

Und tatsächlich scheint vieles von dem, was man sieht, real. Nehmen wir Kiel. Wenn jemand, der noch nie in der Stadt war, erklären müsste, wie Kiel ist, was würde ihm einfallen? Der Tatort. Gut, und dann noch Ralf Stegner. Er hat für die SPD die Landtagswahl 2009 gegen den Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen, CDU, verloren und beim nächsten Mal in einer SPD-Mitgliederbefragung gegen den heutigen Ministerpräsidenten Torsten Albig. Aber man kennt dieses Gesicht. Wenn Stegner im Fernsehen auftaucht, weiß man sofort: aha, Kiel. Obwohl er in Süddeutschland aufwuchs, wo seine Eltern eine Gastwirtschaft hatten, in der sie sonntags schon in den siebziger Jahren den Tatort zeigten. Kiel, das ist sein Gesicht, das sind die Gesichter von Kubicki, Carstensen, Albig, früher Simonis, noch früher Engholm und Barschel.

Ansonsten ist da der Tatort: Da ist das Moor im Wald, zu sehen in „Borowski und das Mädchen im Moor“. Dann hätten wir da das Meer und irgendwo dahinter Schweden; beides weiß man aus „Borowski und der coole Hund“. Und dann ist da diese grüne flurbereinigte Unendlichkeit, wie sie sich im Tatort- Fall „Borowski und der stille Gast“ am 9. September andeutet.

Der Tatort macht das Bild von Kiel. Und nichts von dem, was der Tatort zeigt, ist falsch. Betrachtet man Kiel aus der Totalen, auf einem Satellitenbild zum Beispiel, sieht man das, was man in den Filmen sieht: das Meer vor der Haustür, drum herum grüne Flächen, und irgendwo Baumansammlungen, zwischen denen sich ja wohl irgendwo ein Moor befinden wird. Schweden ist rechts oben.

Seite 2: Warum die meisten Tatort-Kommissaren wirklich da draußen herumlaufen könnten

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