Modernisierung des Islams - Religionen zivilisieren sich nicht von selbst

Kolumne: Grauzone. Westliche Beobachter rufen den Islam gern zu einer Reformation auf. Damit soll sich die Religion von ihrem mittelalterlichen Weltbild entfernen und sich selbst einen Modernisierungsschub geben. Doch das kann gar nicht gelingen

Muslime beten im Gebetsraum der DiTiB-Moschee in Stuttgart.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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Alexander Grau

Der Islam braucht eine Reformation. Da sind sich die meisten westlichen Beobachter einig – und ein paar säkulare mohammedanische dazu. Erstarrt in einem mittelalterlichen Weltbild, gefangen in einer archaischen Ethik und einzementiert in überkommenen sozialen Strukturen braucht der Islam – so die beliebte Diagnose und Empfehlung – dringend eine Art zweiten Luther, jemanden, der die mittelalterlichen Fesseln sprengt und den islamischen Gesellschaften intellektuell den Weg in die Moderne ebnet.

Schön gedacht und aus protestantischer Perspektive auch schmeichelhaft. Doch bedauerlicherweise beruht die Hoffnung auf eine islamische Reformation auf falschen Grundannahmen. Das fatale Ergebnis: Das Erstarken des islamischen Fundamentalismus und seine Erfolge in den letzten Jahrzehnten werden grundlegend missverstanden. Daran wiederum knüpfen sich falsche Hoffnung und naive Erwartungen.

Doch der Reihe nach: Für Apologeten einer islamischen Reformation, wie etwa der Politologin Ayaan Hirsi Ali, steht der Begriff „Reformation“ für einen Modernisierungsschub, für Individualismus, für Emanzipation von althergebrachten Strukturen, für Freiheit und Befreiung, für die Überwindung religiöser Dogmatik und Buchstabengläubigkeit. Die christliche Reformation des 16. Jahrhunderts, so die stillschweigende Grundannahme, habe die verhärtete und beengte Gedankenwelt des Mittelalters aufgebrochen und der Neuzeit, also Wissenschaft, Aufklärung und Vernunft den Weg bereitet. Und genau eine solche Reformation habe der Islam nötig.

Modernisierung durch kapitalistisches Wirtschaften
 

Das ist wohl so. Doch leider geht diese Hoffnung auf eine islamische Reformation von einem falschen Verständnis der christlichen Reformation und ihrer Motive aus. Den Protestanten des 16. Jahrhunderts ging es um alles Mögliche, ganz sicher aber nicht um einen beherzten Aufbruch in eine von Emanzipation, Selbstbestimmung und wissenschaftlichem Denken geprägte Gesellschaft.

Die lutherische und reformierte Orthodoxie der Voraufklärung war kein Deut freiheitlicher als die Lehre ihre katholischen Kollegen. Im Gegenteil: Der Altprotestantismus der Reformatoren war im Kern reaktionär, ging es doch um die Erneuerung der ursprünglichen Botschaft des Evangeliums und eine Rückbesinnung auf die Kernbestände des christlichen Glaubens – gegen jede weltliche und historisch bedingte angebliche Verformung der biblischen Botschaft.

Das Ergebnis waren strenge Kirchenzucht, das Pochen auf die Objektivität des Kircheninstituts und ein entsprechend autoritäre, rigorose Führung und Überwachung der Gläubigen durch die Geistlichkeit – von Modernität im Sinne von Freiheit und Selbstbestimmung keine Spur.

Die Modernisierung der europäischen Gesellschaften erfolgte nicht durch die Reformation, sondern durch wissenschaftliche Aufklärung, durch kapitalistisches Wirtschaften, die neuzeitliche Nationenbildung und die koloniale Erschließung der Welt.

Behält man das im Blick, wird klar, dass der Aufruf zu einer islamischen Reformation auf einer komplett falschen Diagnose beruht.

Auf dem Weg zurück zum Ursprung
 

So bitter es klingen mag: Der Islam braucht keine Reformation, seine Reformation ist im vollen Gange. Ihr Wittenberg ist Kairo, ihr Luther heißt Hassan al-Banna, ihr Calvin Sayyid Qutb und ihr Thomas Müntzer Abu Bakr al-Baghdadi. Die Religionskriege, die sie auslöste, toben seit siebzig Jahren. Ihr Ziel ist ein Gottesstaat, das Kalifat.

Wie einst die christliche Reformation, so ist auch die islamische ein Aufbegehren gegen Verweltlichung und eine schleichende Entfremdung von der „eigentlichen“ Offenbarung. Auch die islamische Reformation will zurück zu den Ursprüngen der Schrift. Und auch die islamische Reformation strebt eine strenge Erneuerung vorgeblich traditioneller Werte und Sitten an.

Es ist in der Tat bedrückend: Die Motive der islamischen Reformatoren, der Muslimbrüder, Salafisten und Dschihadisten aller Art, unterscheiden sich von den Anliegen der frühen christlichen Reformatoren kaum. Auch ihnen geht es um einen apokalyptischen Endkampf, die finale Auseinandersetzung mit diabolischen Mächten, mit degenerierten, vom Glauben abgefallenen Eliten, Ketzern und falschen Lehren – und natürlich um den heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen. Und wie ihre christlichen Vorgänger, garnieren die islamischen Reformatoren ihre Rhetorik mit antisemitischer und antikapitalistischer Rabulistik.

Ein Produkt der Aufklärung
 

Keine Frage: Die Anliegen von Ayaan Hirsi Ali und den anderen Befürwortern einer islamischen Reformation sind all zu berechtigt. Ihre Forderungen nach einem modernen Islam, der sich freimacht von dem Aberglauben an eine wörtliche Schriftauslegung, der religiösen Individualismus zulässt und persönliche Freiheit – all das ist ohne jeden Zweifel zu begrüßen.

Sie übersehen dabei allerdings, dass die Moderne in Europa kein Produkt der Reformation war. Erst die Aufklärung hat den Protestantismus zum Bannerträger der Moderne, von historisch-kritischer Forschung und nüchterner wissenschaftlicher Analyse geformt.

Religionen zivilisieren sich nicht von selbst. Sie müssen von außen zivilisiert werden: durch Aufklärung, wissenschaftliches Denken und gesellschaftliche Emanzipationsprozesse. Das war beim Christentum so, das wird beim Islam nicht anders sein.

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