Ihren Twitter-Account betitelte sie „Kaufe nix, ficke niemanden". Sibylle Berg, die erbarmungsloseste Schriftstellerin deutscher Sprache und Autorin von zehn Romanen und zwölf Theaterstücken, nimmt die Dinge jetzt gelassen. Ein Portrait
Auf der Dachterrasse des „Grieder les Boutiques“, dem Luxuskaufhaus an der Bahnhofstraße, schaut man auf die Kuppeln der Zürcher Altstadt, dazwischen strahlen die Alpen in beruhigendem Frühsommergrün. Anstelle von „danke“ sagt man hier „merci“ und spricht das Wort wie „mercy“ aus, den englischen Begriff für Gnade. Sibylle Berg sitzt vor einem grünen Tee, in einer schwarzen Knautschsatinjacke von Rick Owens, das erdbeerblonde Haar zu einem langen Zopf gebunden. Die zapfenförmigen Säulen, die die Terrasse begrenzen, nennt sie hartnäckig „Phalli“ oder „Eicheln“ und die handverlesenen schwulen Kellner „schöne junge Fleischhappen“.
Gerade hat sie ein Theaterstück fertig geschrieben, hat deswegen Rückenschmerzen und würde gerne sterben. Und wo wir schon dabei sind: Klüger und reicher wäre sie gleich auch gern. Seit einer Woche verfolgt sie die Liveübertragung der Schachweltmeisterschaft in Moskau. „Ich glaube, diese Schachspieler regen sich nicht mehr auf“, sagt sie. Ausweichmanöver. Sie muss sich erst einmal ein Bild von ihrem Gegenüber machen. Sie lächelt.
Berg ist eine der meistgelesenen Kolumnistinnen Deutschlands, eine Autorin, Reporterin und Dramatikerin, für die sich die Kollegen seit fast zwei Jahrzehnten fantasievollste Labels ausdenken. Als „Designerin des Schreckens“ wurde sie bezeichnet, als „moralinsaures Monster“, „über Leichen latschende Schlampe“, „Höllenfürstin des Theaters“, „Kassandra des Klamaukzeitalters“, oder, schon etwas origineller, als „Hasspredigerin der Singlegesellschaft“. Liegt es vielleicht daran, dass Menschen, die so etwas schreiben, Bergs mittlerweile zehn erfolgreiche Romane und zwölf Theaterstücke einfach nur nicht verstehen?
Dass sie die Mitleidlosigkeit ihrer literarischen Stimme verkennen und ihren Zivilisationsekel für eine zynische Attitüde halten? Dass sie sich auf die Füße getreten fühlen, wenn Berg darüber rätselt, „wie Männer es immer wieder schaffen, an die Spitze zu kommen, allein weil sie es eben wollen“? Oder daran, dass solche Leute glauben, es handle sich lediglich um eine kalkulierte Provokation, wenn sie anstelle von „Sex“ über „Geschlechtsverkehr“ schreibt, ihren viel gelesenen Twitter-Account mit „Kaufe nix, ficke niemanden“ übertitelt und mit leichter Hand behauptet, dass die heutzutage vermittelte Idee der Liebe nur ein „Marketinginstrument“ sei, um „Waschmittel zu verkaufen“?
Es ist kein Zufall, dass es sich bei vielen von Bergs größten Kritikern um Männer handelt, die regelmäßig gerne darauf verweisen, wie seltsam ihr Gesicht auf den Autorenfotos aussieht und wie dünn sie in ihren gelegentlichen Talkshowauftritten wirkt. Berg scheint ein Weiblichkeitsbild zu verkörpern, mit dem viele nicht umgehen können.
Vielleicht auch, um dieser Geschlechterfalle zu entkommen, hat sie einen Hermaphroditen zur Hauptfigur ihres Ende Juli erscheinenden Romans gemacht. Drei Jahre hat sie daran gearbeitet. Ein Wälzer, ihr bisher längstes Buch. Der Hermaphrodit heißt Toto, wurde in der DDR geboren, einem „Land, in dem alte Nationalsozialisten Kommunismus spielten“, und von seiner alkoholkranken Mutter so genannt, weil er sie an ein Hündchen erinnerte. „Das Baby sah zu wenig nach Nichts aus, als dass sie es einfach hätte ignorieren können“, heißt es im Roman. Im Heim wird Toto von einer faschistoiden Stasifunktionärin gequält und für ein bisschen frischen Spargel als Arbeitstier an eine saufende Bauernfamilie verkauft. Nachdem er es irgendwie in den Westen schafft, wird er immer mal wieder krankenhausreif geschlagen, ob in der Hippiekommune, im Obdachlosenheim, in der Bar, wo er in traurigstem Falsett singt, oder in der Fabrik, in der er kurzzeitig arbeitet.
Lesen Sie weiter, wie Berg Honecker erklärte, ausreisen zu wollen...











