Sterbehilfe - „Wir brauchen philosophisch gebildete Ärzte“

Der Arzt und ehemalige Hospiz-Leiter Michael de Ridder spricht sich im Interview mit Cicero Online für die Möglichkeit zur Sterbehilfe aus und fordert ein Philosophicum für Ärzte

Frau in Krankenhaus hinter Schläuchen erkennbar. Sie trägt eine Beatmungsmaske.
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Christoph Seils ist Ressortleiter „Berliner Republik“ von Cicero. Im Januar 2011 ist im wjs-Verlag sein Buch Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien erschienen.

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Frage: Herr de Ridder, brauchen wir ein neues Gesetz zur Sterbehilfe?

Michael de Ridder: Nein. Wir brauchen Ärzte, die verantwortbare Gewissensentscheidungen treffen. Sterbehilfe im Sinne ärztlicher Beihilfe zum Suizid zu leisten, muss, sofern ein aussichtslos kranker Patient dies wünscht, eine individuelle Gewissensentscheidung des Arztes bleiben. Es bedarf dazu weder strafrechtlicher noch berufsrechtlicher Vorgaben.

Wird dem Arzt da nicht eine enorme Verantwortung aufgebürdet?

Zweifellos. Und niemand kann ihm diese Verantwortung abnehmen. Deswegen muss der Arzt seinen Patienten sehr gut kennen: seinen Leidensweg, seine Biographie und seinen Lebensentwurf. Es sollte ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihnen bestehen. Nur dann kann der Arzt eine Entscheidung für seine Beteiligung an der Hilfe zum Sterben vor sich selbst und anderen rechtfertigen. Aber dann soll er auch frei sein von Bevormundung. Im Übrigen: Kein Arzt darf jemals zu einer Suizidbeteiligung genötigt werden.

Aber warum soll der Gesetzgeber die Sterbehilfe nicht rechtlich regeln? Es gibt schließlich Leute, die versuchen, aus der Sterbehilfe ein Geschäft zu machen.

Ich bin ein Gegner organisierter und erst recht gewerbsmäßiger Sterbehilfe. Denn sie ist für mich keine Dienstleistung. Sterbehilfe erfordert einen Dialog und Vertrauen, das sich herstellen muss. Aber der neue Gesundheitsminister, Herr Gröhe, will Suizid-Assistenz nicht allein in ihrer organisierten Form, sondern grundsätzlich unterbinden. Dazu darf es unter keinen Umständen kommen.

Überfordern wir den Arzt nicht, wenn wir die Entscheidung ausschließlich in seine Hände legen?

Keineswegs. Wichtig ist, dass neben dem freiverantwortlich gebildeten Willen des Patienten eine aussichtslose Krankheit besteht. Wichtig ist zudem, dass ihm alle palliativmedizinischen Möglichkeiten zuteil geworden sind oder er Gründe vorbringt, sie abzulehnen. Dann kann für mich die Beihilfe zur Selbsttötung nicht allein gerechtfertigt, sondern sogar geboten sein. Die frei verantwortliche Willensbildung des Patienten ist eine conditio sine qua non. Das heißt für mich, dass Patienten mit primär psychiatrischen Erkrankungen wie beispielsweise Psychosen oder schweren Depressionen für die Suizidbeihilfe ausscheiden. Hilfreich wäre für den Arzt eine Austausch- und Beratungsmöglichkeit, etwa in Form eines bei seiner Ärztekammer angesiedelten Gremiums, an das er sich vertrauensvoll wenden könnte. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass der Arzt dafür eines umfassenden ethischen und psychologischen Rüstzeugs bedarf, um zu einer dem Patienten und seinem Leiden angemessenen Entscheidung zu kommen.

Wird die ärztliche Ausbildung diesen ethischen Herausforderungen gerecht?

Sicher nicht. Bisher nimmt der Ethikunterricht im Arztstudium viel zu wenig Raum ein. Es geht im Medizinstudium nahezu ausschließlich um „Körperwissen“, um Naturwissenschaft. Die Ärzte werden in ihrer Ausbildung kaum darauf vorbereitet, dass sie später in der Praxis vor existenziellen Herausforderungen stehen, nicht allein der genannten Art. Wir brauchen gebildete Ärzte und die haben wir derzeit nicht.

Medizinstudenten sollten also weniger Biochemie kreuzen und mehr Platon und Camus lesen?

Auf diese einfache Formel könnte man es durchaus bringen. Wir brauchen philosophisch ausgebildete Ärzte. Die ärztliche Ausbildung bedarf nicht nur eines Physikums, sondern auch eines Philosophicums.

Ärzte sind doch ständig mit den großen Fragen des Lebens konfrontiert. Krankheit, Leiden, und Tod gehören zu ihren Alltagserfahrungen. Warum beschäftigen sie sich trotzdem so wenig damit?

Sie sind damit konfrontiert, aber sie reagieren in einer bestimmten Weise darauf. Sie reagieren unterkomplex, nicht selten wie Reflexwesen, zum Beispiel dann, wenn ein Arzt jedes verfügbare Register zieht, um ein Leben zu erhalten, unabhängig davon, ob dies dem Wohl und dem Willen des Patienten entspricht. Sterben zuzulassen, fällt den meisten Ärzten immer noch schwer. Zugespitzt gesagt: Man kann dem Dogma von der „Heiligkeit“ des Lebens auch bis zur Unmenschlichkeit anhängen. Das lässt sich auf mancher Intensivstation immer noch beobachten.

Aber braucht der Arzt nicht zumindest einen Leitfaden bei der Sterbehilfe?

Das Gespräch ist das Wichtige. Das findet in der modernen Medizin kaum noch statt. Niemand hat mehr Zeit, dem Patienten etwas zu erklären und sich ihm wirklich zuzuwenden. Mangelnde Kommunikation ist für mich das zentrale Defizit im Gesundheitssystem und im Klinikbetrieb im Besonderen. Das Resultat ist, dass Patient und Arzt hochgradig unzufrieden sind. Da müssen wir Entlastung schaffen. Wir müssen der unendlichen Verschwendung im Gesundheitswesen ein Ende setzen und die Gelder dahin lenken, wo sie wirklich dem Patienten nutzen und letztlich auch dem Arzt.  

Wenn ein Patient den Wunsch äußert, sterben zu wollen, wie interagiert der Arzt mit ihm, wie kommt er dazu, diesen Wunsch als legitim und vertretbar zu bewerten?

Lassen Sie mich mit dem Philosophen Karl Jaspers antworten: „Es gibt eine Grenze, wo Fortleben keine Pflicht mehr sein kann: Wenn der Prozess des Selbstwerdens nicht mehr möglich ist, physisches Leid und Anforderungen der Welt so vernichtend werden, dass ich nicht mehr bleiben kann, der ich bin; wenn zwar nicht die Tapferkeit aufhört, aber mit der Kraft die physische Möglichkeit schwindet. (…) Dem tiefsten Leid kann eine Ende gemacht werden, obgleich und weil die Bereitschaft zum Leben und zur Kommunikation die vollkommenste ist.“
Als Arzt helfend an einem Akt teilzunehmen, der – wie Jaspers es nennt – tiefstes Leid beendet, ist für mich niemals unethisch, vielmehr Ausdruck äußerster empathischer Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten.

Da kommen wir aber auch wieder zu sehr ethischen Fragen und zwar: Wann und wie lange ist das Leben noch lebenswert?

Niemals darf der Arzt über den Wert des menschlichen Lebens entscheiden. Es steht allein dem Patienten zu, über die Zumutbarkeit seines Weiterlebens zu befinden. Der Arzt kann und sollte Empfehlungen geben, aber unter Umständen kommt der Patient zu einer anderen Bewertung. Der Patient darf und soll zu einer selbstbestimmten Entscheidung kommen, die ihm nach unserer Verfassung zusteht. Die Menschenwürde besteht wesentlich in der Verfügung über den eigenen Lebensentwurf und seinen Vollzug. Dies schließt das Lebensende mit ein. Zur Selbstbestimmung aber gehört Verantwortung. Und die bedarf des Dialogs, eines Dialogs mit sich selbst, mit dem Arzt und denen, die dem Kranken nahe stehen.

Aber am Ende gilt der Patientenwille?

Absolut. Der Arzt darf sich niemals über den Willen des Patienten hinweg setzen.

Aber wir haben ja Länder wie die Niederlande oder Belgien, in denen Sterbehilfe in viel größerem Maße erlaubt ist als hier und wir sehen, dass es da auch zu Fehlentwicklungen gekommen ist. Wie verhindert man Missbrauch?

Aus meiner Sicht ist in den Niederlanden und in Belgien Missbrauch in Einzelfällen tatsächlich zu beobachten. Aber Missbrauch ist immer und mit allem und jedem möglich. Es kann daher nicht sein, dass das Missbrauchsargument dazu führt, dem Arzt die Suizid-Assistenz zu untersagen. Vielmehr brauchen wir Wachsamkeit und gewisse Regeln.  

Wenn es am Ende der Einzelne sein soll, dem es obliegen soll, darüber zu entscheiden, ob er sterben will oder nicht, brauchen wir dann nicht eine ganz andere und vor allem intensivere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und mit dem Thema Sterben?

Die gesellschaftliche Debatte dazu ist meines Erachtens im vollen Gange. Tod und Sterben sind in der Gesellschaft keine Tabuthemen mehr. Dazu gehört allerdings auch, dass der Einzelne sich nicht erst dann mit seiner Sterblichkeit und Endlichkeit befasst, wenn er aussichtslos erkrankt ist und sein Lebensende unmittelbar bevor steht.

Ist es nicht paradox, dass wir immer mehr über die Endlichkeit des Lebens reden und gleichzeitig Medikamente entwickelt werden, die ein sehr viel längeres Leben ermöglichen?

Ich bin gespannt, wie sich diese beiden Strömungen in der Medizin und der Gesellschaft zukünftig zueinander verhalten werden.

Michael de Ridder ist Arzt und leitete bis zu diesem Jahr ein Hospiz in Berlin

Auf Cicero-Online finden Sie auch ein Meinungsbild zur Sterbehilfe, wo Sie Ihre Meinung zur Sterbehilfe abgeben können.

 

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