Noch unberechenbarer als das Musikgeschäft ist das Filmbusiness. Aber genau das führt manchmal zu Momenten wahren Glücks. Warum ein Sturm über Chicago zur rechten Zeit kommen kann und Mia Farrow einfach großartig ist
Während ich diese Zeilen schreibe, ist mein neuntes Musikfestival im amerikanischen Savannah voll im Gange: Über 100 Konzerte in 17 Tagen in allen Musikgenres sowie Bildungsveranstaltungen und Aufführungen für mehr als 20?000 Kinder aus dem gesamten Bundesstaat Georgia.
Zum Glück hat in den Jahren, seit ich für das Gelingen in Savannah mit verantwortlich bin, kaum einer abgesagt. Außer Klaus Maria Brandauer damals, vor meinem allerersten Konzert. Ich war endlich dazu gekommen, meine Idee umzusetzen, „Beethoven“ in Form eines Text-Musikabends auf die Bühne zu bringen. Drei Tage vor der Aufführung klingelte in Vancouver, wo ich ein Konzert zu spielen hatte, mein Handy: Brandauer sei heftigst erkrankt, er läge mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Ich rief umgehend Rob Gibson, den Direktor des Festivals, an. Wir entschieden uns dafür, spontan nach einem Ersatz zu suchen. Und während Rob und ich uns die Finger wund wählten, wurde uns schnell klar, was für ein anderes Geschäft die Filmbranche und wie uninteressant man als Musiker für einen großen Schauspieler ist, besonders für einen Hollywood-Star. Und vor allem, wie unhöflich die Agenten im Filmbusiness sein können.
„Hallo, was wollen Sie? Wer zum Teufel ist Beethoven?!“ Die meisten Agenten interessieren sich nur für die nächste große Filmrolle und eine Millionengage. Deshalb lautete die erste Frage, wenn die Agenten nicht sowieso gleich aufgelegt hatten: „Wie viel?“ Doch nach einer Weile kontaktierte uns eine Produzentin aus Los Angeles: „Wir haben es weitergegeben. Was halten Sie von Dennis Hopper oder Aidan Quinn?“ Ich sagte, „es geht um Beethoven, es muss ein Beethoven sein“. „Brian Dennehy.“ Das ging schon mehr in die richtige Richtung. „Und Mia Farrow.“„Ähm … Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, es geht um Beethoven.“ „Hören Sie, Honey, Sie haben zwei Tage Zeit, wollen Sie sich jetzt etwa beschweren?“ „Nein!“, sagte ich schnell. „Wen wollen Sie haben?“
Ich sagte, ich brauchte Bedenkzeit und würde zurückrufen. Fünf Minuten später rief sie aber wieder an. „Mia Farrow macht es“, sagte die Dame. „Moment, Sie wollten doch warten, bis ich …“ „Nein, ich habe einfach angerufen, und Mia war zuerst dran.“ „Das ist ja toll, aber ich muss es mit dem Festival klären.“ Sie: „Das haben Sie falsch verstanden, wir haben es angeboten, sie hat es angenommen, das ist es.“ „Aber wir haben nichts Schriftliches.“ „Honey, bei uns gibt es nichts Schriftliches. Wenn man einen Hollywood-Star fragt und Sie nennen eine Gage und er sagt zu, dann ist es endgültig. That’s Showbusiness.“
Wir hatten sie Mittwochnachmittag erreicht, das Konzert war Freitagabend. Aber eines war klar: Mia Farrow konnte nicht Beethoven sein. Das Stück musste umgeschrieben werden. Am nächsten Morgen stieg ich vollkommen unverrichteter Dinge ins Flugzeug Richtung Savannah. Wie konnte ich nur aus Beethovens Stimme eine Frauenstimme machen, ohne dass alles umgeschrieben werden muss? Immer wieder ging ich die Bücher durch, und plötzlich entdeckte ich ein Kapitel über Beethovens Haushälterinnen und dass niemand es je lange ausgehalten hatte, außer einer Frau Streicher, die bis zum Schluss bei ihm blieb. Da wusste ich, Mia Farrow wird Frau Streicher sein! Auf diese Weise konnte ich ganze Textblöcke stehen lassen und musste nur für die veränderte Situation neue Dialoge und Übergänge schreiben. Nach der Zwischenlandung in Chicago fand ich 15 Nachrichten auf meiner Mailbox:
„Wo ist der verdammte Text? Wenn wir den Text nicht bald haben, will sie abspringen!“ Ich hastete in die Lounge am Flughafen, dort gab es WLAN, die Dame vom Bodenpersonal sagte mir, ich hätte noch 50 Minuten bis zum Abflug. Ich bat sie: „Hören Sie, es ist ein Notfall, ich muss hier in der Lounge bleiben, bis zum letzten Moment. Tun Sie mir den Gefallen.“ Und dann passierte ein Wunder: ein Sturm über Chicago! Der Abflug verzögerte sich um mindestens zwei Stunden. Ich jubelte, das war der schönste Sturm meines Lebens. Ich konnte den Text fertig schreiben und ihn Mia Farrow mailen.
In der Zwischenzeit verbreitete sich die Nachricht, dass Mia Farrow nach Savannah gekommen war, wie ein Lauffeuer. Ganze Fernsehteams fuhren vor, um einen Blick auf den Star zu erhaschen. Als wir anfingen, konnte Mia schon ein paar Seiten auswendig, am Nachmittag die Hälfte und am Abend fast den ganzen Text, über 40 Seiten. Sie war großartig. Nach dem Konzert zog sie sich zurück. Alle anderen gingen essen, und wieder einmal fragte ich mich, ob das wirklich alles wahr gewesen war.











