Messias Snowden

Wider die elitäre Whistleblower-Religion!

Die Stilisierung von Edward Snowden zum Märtyrer der Wahrheit ist ein Symbol für die Krise des kritischen Journalismus. Die zunehmende Verehrung von Whistleblowern ist eine Begleiterscheinung der Politikverdrossenheit

NSA, Edward Snowden, Freiheit
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Unser Autor

Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena, 2015). Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Die Welt hat einen neuen Messias. Gewissermaßen über Nacht wurde Edward Snowden, ein bis dahin gänzlich unbekannter Systemadministrator, der für die National Security Agency der Vereinigten Staaten von Amerika tätig war, zu einem modernen Heiligen befördert, der „uns“, wie vielerorts zu lesen war uns ist, von unserem Unwissen über die miesen Praktiken der USA „erlöst“ hat.

Ob Snowden mit seinen Enthüllungen tatsächlich zum Helden werden wollte oder eher wie die Hauptfigur in Monty Phytons „Leben des Brian“ in diese Rolle hineingedrängt wurde, ist unerheblich. Die Affäre hat sich längst medial verselbständigt. Snowden behauptet, das einzige, was er fürchte, sei, dass sich nichts verändere. Da er aber die ihm vorliegenden Informationen außerhalb jeglichen politischen Rahmens veröffentlichte und auf seiner anschließenden Odyssee um den halben Globus in Staaten Zuflucht sucht, in denen eine nicht minder gefährliche Interpretation von Privatsphäre vorherrscht, stellt sich die Frage, was sich denn seiner Meinung nach und wie verändern solle. Von einer freiheitspolitischen Konsequenz ist im Verhalten von Snowden, dessen selbstgewählter Codename mit „Verax“, dem „die Wahrheit Verkündenden“, nicht eben Demut ausstrahlt, jedenfalls wenig zu entdecken.

Interessanter aber als die persönlichen Motive Snowdens sind die Motive und Hintergründe seiner öffentlichen Seligsprechung. Es scheint, als brauche insbesondere die liberale Öffentlichkeit solche Aktionen einzelner, um überhaupt noch den Anschein eigener Beweglichkeit zu erwecken. Tatsächlich aber zeugt die zunehmende Verehrung von Whistleblowern vom glatten Gegenteil: Sie ist, ähnlich dem gesteigerten Kampf gegen Korruption, eine Begleiterscheinung der Politikverdrossenheit, die Politik zunehmend als reines Teufelszeug und als Spiel böser Mächte versteht, dem die einfache Bevölkerung ähnlich einer dumpfen Schafherde nichts entgegenzusetzen hat – solange kein Erlöser sie „aufklärt“.

Diese letztlich sehr elitäre Sicht grassiert insbesondere in den politischen Medien, die den Anspruch daran, durch eigene Argumentationen und Recherchen Zusammenhänge ans Licht zu bringen und durch das Verbreiten tatsächlicher Standpunkte irgendetwas bewirken zu können, seit langem aufgegeben haben und stattdessen in permanenter Lauerstellung dem nächsten ihnen exklusiv gelieferten Skandal zum Füllen von „Live-Tickern“ oder Sondersendungen entgegenfiebern. Was einst der inhaltlich argumentierende politische Journalist in Zeiten höher entwickelter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen war, ist in der heutigen Welt der oberflächlichen Skandalisierung der betont unpolitische und sich einzig seinem Gewissen verpflichtet fühlende Enthüllungsreporter. Er wirft der Welt ein Bündel Informationen vor die Füße, ohne diese selbst überhaupt in einen inhaltlichen Kontext einbauen zu wollen, der über das Betonen der Unmoral hinausgeht.

Daher ist Snowden mitsamt seinen Enthüllungen auch so gut verdauliches Futter für die nach inhaltlichem Profil lechzenden Medien. Sie werfen kein neues Licht auf die Wirklichkeit und liefern auch keine innovativen Erklärungen für Zusammenhänge und Missstände. Stattdessen werden die Informationen rasch in die bestehenden Vorurteilssysteme und Verschwörungstheorien eingebaut. Ähnlich geht auch die Politik mit den Enthüllungen um: Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzt die Angelegenheit, um in ruhiger Missbilligung der US-amerikanischen Abhörpraktiken die besonnene Vertreterin des ach so um die Privatsphäre ihrer Bürger besorgten aufgeklärten deutschen Staates zu mimen.

Währenddessen versucht die kurz vor der Bundestagswahl zunehmend verzweifelt agierende Opposition, über die polternde Verurteilung der USA und der angeblichen „Mitwisserin“ Merkel alte Anti-Amerikanismen zu aktivieren, um doch noch das Unmögliche – ein passables Wahlergebnis – möglich zu machen. Es ist beeindruckend, wie erfolgreich es der Politik gelingt, das Thema so zu behandeln, als lebten wir noch im Kalten Krieg. Wie gut passt es da, dass ausgerechnet der russische Präsident Vladimir Putin dem Whistleblower Asyl angeboten hat. Die Zunahme dieser realitätsfernen und verschwörerischen Sicht auf die Wirklichkeit ist auch der Grund, warum uns die ganze Affäre zuweilen an Romane im Stile von „Sakrileg“ von Dan Brown erinnert: Obwohl die Enthüllungen Snowdens hochaktuelle Fragestellungen aufwerfen, denken wir, das alles schon einmal gehört oder gelesen zu haben.

Aber was haben wir wirklich Neues durch die Enthüllungen Snowdens erfahren, was wir nicht schon vorher gewusst haben oder hätten wissen können? Dass Regierungen ihre jeweiligen Wahlbevölkerungen aufgrund fehlender Tuchfühlung zunehmend mit Angst und daher umso intensiver beäugen und in Ermangelung jeglichen Vertrauens in die eigene politische Haltung und deren Überzeugungskraft auch vorgeblichen „Freunden“ nicht über den Weg trauen? Wie naiv muss man sein, um davon überrascht zu sein, dass die spätestens seit dem 11. September 2001 zutiefst verunsicherte und orientierungslos agierende Weltmacht USA das Zerbröseln der alten westlichen Bündnistreue zum Anlass nimmt, auf der Suche nach den neuen unsichtbaren Feinden in alle Richtungen zu ermitteln? Und selbst wenn Kanzlerin Merkel von den Praktiken der US-Geheimdienste wusste: Wer kann ernsthaft die Empörung der Sozialdemokraten darüber für authentisch halten, die ihrerseits eine Regierung anstreben, die den gläsernen und bis in Privateste durchreglementierten Bürger anstrebt?

Wenn wir uns erfolgreich gegen Überwachung, Ausspionierung und Bevormundung zur Wehr setzen wollen, reicht es nicht, uns darüber zu empören und diejenigen als „Aufklärer“ zu feiern, die uns das berichten, was wir ohnehin wissen. Was wir brauchen, ist keine Whistleblower-Religion, sondern eine neue und aufgeklärte Kultur, die darauf basiert, dass die Menschen selbst in der Lage und willens sind, Zusammenhänge zu durchschauen und zu gestalten. Eine solche Kultur kann nur entstehen, wenn die Menschen sich untereinander nicht mehr gegenseitig als Bedrohung erachten, sondern sich mit Achtung und Vertrauen begegnen und dadurch erkennen, dass die gegenwärtige Überwachungs- und Kontrollkultur – und mit ihr alle Spitzel, die „guten“ wie die „bösen“ – nicht nur individuelle Freiheit zerstören, sondern auch jedes konstruktive gesellschaftliche Miteinander.

Matthias Heitmann ist freier Publizist. Seine Website findet sich unter www.heitmann-klartext.de.

 

 

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