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 > Meine Woche ohne Uhr

Salon

Festival im IndianerreservatMeine Woche ohne Uhr

Von Mafalda Millies29. Juli 2012
Wikipedia
Burning Man,Nevada,Wüste,Festival,Seebett,Back Rock,Reno
Black Rock City im Jahr 2005, NASA-Bild
Schrift:

Wie sähe ein Leben ohne Uhr aus? Mafalda Millies hat es ausprobiert: Eine Woche lang legte sie Armbanduhr und Handy beiseite. Sie besuchte das US-Festival „Burning Man“ in einem Indianerreservat mitten in der Wüste, wo die Teilnehmer ein anderes Zeitgefühl kennenlernen sollen. Ein Erlebnisbericht

Seite 1 von 2

Der Bootssteg zieht sich mitten durch die Wüste, rund hundert Meter lang. Hier und da verwittern ein paar Rettungsringe, ein großes Schild warnt: „No Swimming“. Quietschende Blechlampen schaukeln im Wind. Eine junge Frau im nassen Bikini läuft den Steg vor und trägt ein Surfbrett unter dem Arm. Ganz vorn reicht mir ein alter Seemann Angeln und Köder, dazu einen großzügigen Schluck Rum direkt aus seiner Buddel.

Fische gibt es hier aber nicht, auch keine Wellen für die Surferin. Denn der See in der Black Rock Wüste im Nordwesten der USA ist längst ausgetrocknet.  Frau und Fischer sind nur Showelemente.

Auf dem Seebett des prähistorischen Lake Lahontan, im heiligen Land der Paiute Indianer, treffen sich jedes Jahr im September bis zu 50.000 Menschen, um aus dem Nichts eine Traumoase zu erschaffen: das Festival „Burning Man“. Sie kommen aus dem Silicon Valley, aus Los Angeles, Deutschland und Israel. Für eine Woche entsteht hier eine hufeisenförmige Stadt von etwa fünf Kilometern Durchmesser, die drittgrößte des Bundesstaats Nevada. An jenem Abend wird diese Stadt für mich und meine vier Freunde  zur neuen Heimat.

Bildergalerie: Burning Man

In der „Black Rock City“ lasse ich den Rest der Welt hinter mir: Meine Uhr muss ab, es gibt keine Elektrizität, das Handy hat keinen Empfang, kein World Wide Web weit und breit. Bye-bye, Verpflichtungen. Bye-bye, Realität. Bye-bye, Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Die 300 Dollar teure Eintrittskarte löse ich an einer kleinen roten Schranke. Ein splitternackter Mann bedankt sich und umarmt mich. Zu dem Ticketteam gehören noch ein weiterer Mann und zwei Frauen. „Willkommen zuhause“, rufen sie mir zu.

Burning Man ist kein gewöhnliches Festival mit VIP-Bereich, Werbebannern oder Pappbechern. Es gibt keinen Organisator, sondern es wird interaktiv auf- und abgebaut: der genannte Steg, ein futuristisches, drei Meter hohes Trojanisches Pferd auf Rädern, eine Feuer speiende Krake oder ein verwunschenes Spiegelkabinett.

Es werden Religionen, Bands und Vereine gegründet. Eine Frau hat sich als Marie Antoinette verkleidet, ein anderer als Tim-Burton-Figur. Ich bin ein Indianerhäuptling, mit Federn im Haar. Es finden politische Demonstrationen statt, Staffellauf mit Taucherflossen oder spontane Flashmobs. Selbstinszenierung ist keine Sittlichkeit, sondern ein Muss. Das Festival widmet sich der Kunst, der Liebe, dem realisierten Traum, der Gemeinschaft, der Selbstfindung.

 

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