Ich war immer ein selbstkritischer Geher, der sich mit seinem Gang nie zufriedengab. Gehen ist ja eine paradoxe Fortbewegungsart, man lässt sich bei jedem Schritt wie in einen Abgrund fallen und wird im letzten Moment vom anderen Bein aufgefangen. Es war mir immer wichtig, mein Gehen keinem rationalen Zweck unterzuordnen, man würde sich dann kaum von Menschen unterscheiden, die in die Verbannung gehen oder ihren letzten Gang zum Galgen tun. Selbst beim olympischen 100-Meter-Finale wäre ich viel zu stolz, um wie ein Schulkind mit den anderen mitzurennen, ich würde gehen, und jeder würde meinem Gang ansehen, dass ich, wenn ich nur gewollt hätte, als Erster im Ziel gewesen wäre. Am liebsten bin ich immer allein und unbeobachtet gegangen, dann war mein Gehen am vollendetsten. Ich habe das oft beobachtet, wenn ich auf eine spiegelnde Fläche zuging. Wie groß ich schon wieder geworden war! Gern hätte ich einen Spiegelträger beschäftigt, der immer neben mir herlief, so dass ich mein Gehen in jeder Bewegungsphase verfeinern könnte. Aber auch dann würde ich mich nie von hinten gehen gesehen haben. Wollte ich wissen, wie mein Gehen von hinten aussah, musste ich mich auf Aussagen anderer verlassen. Von hinten kennt man sich nur aus zweiter Hand. Was mir allein wie selbstverständlich gelang, vollendetes, interesseloses, virtuos auf der Klaviatur der Gelenke spielendes Gehen, war unter den Blicken bestimmter Menschen nicht mehr möglich. Wenn ich zum Beispiel auf ein Mädchen zuging, war das Einfachste das Schwerste. Plötzlich drohte ich wirklich in einen Abgrund zu fallen. Gefährlich war auch der Einfluss fremder Gehweisen. Mein Leben lang habe ich, ohne es zunächst zu merken, meinen Gang verraten und bin wie einer meiner Begleiter gegangen. Ich ging O-beinig wie ein Fußballspieler, oder ich setzte wie John Wayne beide Füße parallel, als hätte ich Blasen. Unbekannte zwängten mir ihren Gang auf, und ich brauchte jedes Mal lange, um wieder zu meinem eigentlichen, von fremden Einflüssen freien Gehen zurückzufinden. Mal ging ich wie Adriano Celentano in «Der gezähmte Widerspenstige», mal federnd wie Samuel L. Jackson. Manchmal kommen mir Frauen entgegen und ich wechsle, sobald wir einander passieren, die Richtung und gehe eine Weile rückwärts neben ihnen her. Es ist dann, als würden wir im selben Zugabteil sitzen, und wir unterhalten uns über unsere Kinder. An guten Tagen gehe ich wie der Doryphoros des Polyklet, jedes Körperteil kontrapunktiert ein anderes, die einen stützen, die anderen schwingen, mein Gehen ist dann ein rhythmisches Zusammenspiel aller Muskeln und Glieder, eigentlich müsste man Tanzen dazu sagen. Einem so Gehenden würde man keine Schulmappe über die Schulter hängen oder ein Baguette unter den Arm klemmen. Der Doryphoros ist nackt und trägt, wie der Name schon sagt, einen Speer. Man stelle sich vor, er wäre mit einer Jeanshose oder Turnschuhen bekleidet! Genauso ist es aber auch mit mir, jedes Kleidungsstück kann mich nur entstellen. Es ist leicht, sich über Größe lustig zu machen, denn wahre Größe ist immer naiv. Aber auch die letzten Spötter werden verstummen, wenn sie mich erst nackt und mit einem Speer in der Hand durch die Straßen gehen sehen, und wenn jeder, dem ich so begegne, stehen bleibt, weil er angesichts dieses Schauspiels seine eigenen Versuche zu gehen noch einmal überdenkt. Jochen Schmidt, geboren 1970, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Er ist Mitbegründer der Lesebühne «Chaussee der Enthusiasten» und Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft. Zuletzt erschien «Schmidt liest Proust» (Voland & Quist).
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Mein Gehen
von 11. Februar 2010
Jochen Schmidt
Foto: Tim Jockel
Mein Gehen
Jochen Schmidt über den aufrechten Gang als überraschend paradoxe Fortbewegungsart
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