Die EM-Spiele in Polen und in der Ukraine sind bisher unerträglich langweilig. Michael Naumann über viele Mauern, wenig Ballzauber und Fußballspieler mit Wehrdienstverweigerungs-Haltung
Sehen wir einmal ab von den Heiterkeits-Treffen der Fan-Meilen, vergessen wir die unfreiwillig komisch-bizarren Begleiterscheinungen der deutschen TV-Berichterstattung, die inzwischen Menschenrechtsverletzungen streift, da sie den durchschnittlichen Intelligenzquotienten eines Gesamtpublikums beim Einschalten der Geräte sofort um gefühlte 30 Prozent senkt, und hoffen wir, dass das Verfassungsgericht die Zeit findet, hier noch schnell einzugreifen – so bleibt doch eines klar: Das Einzige, was fehlt ist ein Günter-Grass-Gedicht, das ein massenhaft wirksames Tabu bricht . Diese EM-Spiele in Polen und in der Ukraine sind bisher unerträglich langweilig. Tore fallen spät oder gar nicht, die ewigen Querpässe legen nahe, dass man vielleicht in Zukunft mit vier Toren spielen sollte, zwei an den Seiten, zwei hinten und vorne. Woran liegt das?
Fußballhistoriker ahnen es. Es liegt an Rudi Gutendorf. Der ehemalige Oberligaspieler von TuS Neuendorf hat im Laufe seines Trainerlebens – er wird demnächst 86 Jahre alt – nicht weniger als 54 Mannschaften trainiert, unter anderem Australien, Bolivien, Trinidad und Tobago, China, die Fidschi-Inseln, Tonga, Tansania, Nepal und Ruanda, aber auch Chile und vor allem, schrecklicherweise, den MSV Duisburg. Damals, vor einem halben Jahrhundert, begann die Misere, die sich heute in der Ukraine und Polen wiederholt. Gutendorf, genannt „Oma“, wusste, dass seine Duisburger überhaupt keine Ahnung von ihrem edlen Sport hatten, aber ehrgeizig waren. Also stellte er die Gurkentruppe einfach „hinten rein.“ Zehn Mann standen wie gusseiserne Öfen vor dem Strafraum herum und weigerten sich, zu spielen. Mit dieser Variante der Maginot-Linie wurde der MSV Duisburg 1963/64 Vizemeister der jungen Bundesliga. Gewiss, die Italiener hatte Ähnliches vorzuweisen, den Catenaccio, den sie aber aufgegeben haben, und die Schweizer spielten noch in den 1960er Jahren den „Schweizer Riegel“, der aber regelmäßig in der Sonne schmolz wie eine Toblerone-Schokostange. Darüber hinaus wussten die Italiener zu kontern und zu foulen, dass es eine wahre Pracht war. Sie hatten, anders gesagt, neben der defensiven Taktik eine offensive Strategie.
Natürlich gibt es auch andere Ursachen dieser Querpass-Idiotie. Eine heißt FC Barcelona. Diese begnadete Mannschaft spielt Fußball wie Billard. Jeder einzelne Spieler wirkt als Außenbande des nächsten Mitspielers. Und so wandert der Ball flach und hübsch durch die Gegend, als wären die Gegner nicht da. So spielt auch Spaniens Nationalmannschaft. Aber inzwischen weiß der Gegner das genau – er wartet einfach ab, Gutendorf im Kopf, bis der Raum zu eng wird, also an der 16-Meter-Grenze. Und dann hört der Ballzauber auf. Die Mauer steht. Mauern brauchen kein Talent, es reicht ihr an und für sich steinernes Sein.
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