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 > Mauern brauchen kein Talent!

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EM der LangeweileMauern brauchen kein Talent!

Von Michael Naumann22. Juni 2012
picture alliance
Rudi Gutenberg,Mauer,Fußball,Freistoß,EM 2012
Der Gutendorf-Riegel
Schrift:

Die EM-Spiele in Polen und in der Ukraine sind bisher unerträglich langweilig. Michael Naumann über viele Mauern, wenig Ballzauber und Fußballspieler mit Wehrdienstverweigerungs-Haltung

Seite 1 von 2

Sehen wir einmal ab von den Heiterkeits-Treffen der Fan-Meilen, vergessen wir die unfreiwillig komisch-bizarren Begleiterscheinungen der deutschen TV-Berichterstattung, die inzwischen Menschenrechtsverletzungen streift, da sie den durchschnittlichen Intelligenzquotienten eines Gesamtpublikums beim Einschalten der Geräte sofort um gefühlte 30 Prozent senkt, und hoffen wir, dass das Verfassungsgericht die Zeit findet, hier noch schnell einzugreifen – so bleibt doch eines klar: Das Einzige, was fehlt ist ein Günter-Grass-Gedicht, das ein massenhaft wirksames Tabu bricht . Diese EM-Spiele in Polen und in der Ukraine sind bisher unerträglich langweilig. Tore fallen spät oder gar nicht, die ewigen Querpässe legen nahe, dass man vielleicht in Zukunft mit vier Toren spielen sollte, zwei an den Seiten, zwei hinten und vorne. Woran liegt das?

Bildergalerie: Die Tierorakel der EM 2012

Fußballhistoriker ahnen es. Es liegt an Rudi Gutendorf. Der ehemalige Oberligaspieler von TuS Neuendorf hat im Laufe seines Trainerlebens – er wird demnächst 86 Jahre alt – nicht weniger als 54 Mannschaften trainiert, unter anderem Australien, Bolivien, Trinidad und Tobago, China, die Fidschi-Inseln, Tonga, Tansania, Nepal und Ruanda, aber auch Chile und vor allem, schrecklicherweise, den MSV Duisburg. Damals, vor einem halben Jahrhundert, begann die Misere, die sich heute in der Ukraine und Polen wiederholt. Gutendorf, genannt „Oma“, wusste, dass seine Duisburger überhaupt keine Ahnung von ihrem edlen Sport hatten, aber ehrgeizig waren. Also stellte er die Gurkentruppe einfach „hinten rein.“  Zehn Mann standen wie gusseiserne Öfen vor dem Strafraum herum und weigerten sich, zu spielen. Mit dieser Variante der Maginot-Linie wurde der MSV Duisburg 1963/64 Vizemeister der jungen Bundesliga. Gewiss, die Italiener hatte Ähnliches vorzuweisen, den Catenaccio, den sie aber aufgegeben haben, und die Schweizer spielten noch in den 1960er Jahren den „Schweizer Riegel“, der aber regelmäßig in der Sonne schmolz wie eine Toblerone-Schokostange. Darüber hinaus wussten die Italiener zu kontern und zu foulen, dass es eine wahre Pracht war. Sie hatten, anders gesagt, neben der defensiven Taktik eine offensive Strategie.   

Natürlich gibt es auch andere Ursachen dieser Querpass-Idiotie. Eine heißt FC Barcelona. Diese begnadete Mannschaft spielt Fußball wie Billard. Jeder einzelne Spieler wirkt als Außenbande des nächsten Mitspielers. Und so wandert der Ball flach und hübsch durch die Gegend, als wären die Gegner nicht da. So spielt auch Spaniens Nationalmannschaft.  Aber inzwischen weiß der Gegner das genau – er wartet einfach ab, Gutendorf im Kopf, bis der Raum zu eng wird, also an der 16-Meter-Grenze. Und dann hört der Ballzauber auf. Die Mauer steht. Mauern brauchen kein Talent, es reicht ihr an und für sich steinernes Sein.

Seite 2: Fußballspieler mit Wehrdienstverweigerungs-Haltung

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Nein.

Herr Naumann, wunderbare Polemik, gerade der Schluss mit McKinsey ist köstlich. Aber ich kann mich Ihrer Analyse nicht anschließen. Die Spiele sind, verglichen mit vergangenen Turnieren, durchaus im Durchschnitt. Ich fürchte, wir lassen uns (wie eigentlich immer, wenn es um die Vergangenheit geht) von einer gewissen Verklärung leiten, wenn wir an frühere Wettbewerbe dieser Art denken. WM 2010? Rauschhafte Spiele!!! Tatsächlich? Welche Spiele, abgesehen von den beiden deutschen gegen die Falklandkonfliktparteien, waren wirklich rauschhaft? Können Sie sich noch an die Klassiker (Obacht: Ironie) Schweiz gegen Honduras oder Algerien gegen Slowenien erinnern? Nein? Kein Wunder.

Apropos Wunder. 2006 war auch so ein Fall: die unglaubliche Euphorie im Land lies darüber hinwegtäuschen, dass wir eigentlich wieder einmal eine relative Rumpeltruppe beieinander hatten und auch die anderen - ob Brasilien, Argentinien, Spanien oder der spätere Titelträger Italien - kein Spektakel abbrannten.

Wir können uns noch heute bei dem argentinischen Trainer bedanken, dass er seine Top-Leute, inkl. Riquelme, vom Platz nahm beim Stand von 0:1. Zuvor sah die deutsche Elf ziemlich alt aus. Die deutschen Vorrundenspiele waren ein Rausch, das Achtelfinale gegen Schweden auch - OK! Die Halbfinals waren - unter einem unterhalterischen Gesichtspunkt - nichts Besonderes, alle anderen Viertelfinals auch nicht. Das Berliner Finale lebte von Zidane's Kopfstoß, sonst wäre es ebenso wenig in die Analen des Turniers eingegangen wie das von Los Angeles 1994. Und es gab dauernd Elfmeterschießen! Was ist das für ein Turnier, das größtenteils in Elfmeterschießen entschieden wird? Man sollte Elfmeterschießen bei großen Turnieren ohnehin abschaffen und das Spiel einfach wiederholen, wenn es nach 120 Minuten noch unentschieden steht. Oder eben einfach weiterspielen, bis eine Mannschaft endlich ein Tor schießt. Unter Incentive-Gesichtspunkten (um mal in den von Ihnen geschätzten McKinsey-Jargon zu verfallen) würde das dem Spiel sicher gut tun.

Es gab dieses Jahr aber auch schon klasse Spiele, von denen es man nicht erwartet hätte: England gegen Schweden zum Beispiel. Auch Portugal gegen Dänemark war super. Oder Spanien gegen Italien. Sie haben natürlich recht, das gerade das gestrige Spiel der Tschechen einer mittleren Katastrophe glich. Viele Mannschaften enttäuschen: Russen und Niederländer sind leider, anders als vor vier Jahren, der absolute Totalausfall. Aber erstens gab es das früher auch schon.

Und zweitens ist abnehmende Qualität, will man sie denn beobachten, einfach Folge der Politik der UEFA respektive FIFA. Warum muss man ein Turnier in ein Land vergeben, dass sich noch nie aus eigener Kraft qualifizieren konnte, nämlich in die Ukraine? Dann braucht man sich nicht wundern, wenn die sofort ausscheiden und die Qualität der Spiele darunter leidet. Die Polen haben auch enttäuscht, hatten aber auch einfach etwas Pech. In diesem Zusammenhang freue ich mich übrigens schon auf Qatar 2022!

"Money - that's what I want!" haben die Beatles schon gesungen und genau das beantwortet meine rhetorische Frage nach dem Warum natürlich. Genauso wie die Frage, warum ab Frankreich 2016 plötzlich 24 statt bisher 16 Mannschaften bei einer EM teilnehmen werden. Das Resultat - neben mehr Kohle für die UEFA - ist weniger gute Spiele, Marke Ukraine gegen Saudi-Arabien 2006. Ich kann mich zufällig daran erinnern, denn ich hatte das Glück (wieder Ironie) im Stadion zu sein. Eintracht Braunschweig gegen Wattenscheid 09 (2002, Regionalliga-Finale) war viel spannender.

Dazu kommt das einfache Gesetz der Inflation: alles, was zu viel wird, wird wertlos. Völlig egal, ob es um dabei um Geld, Ostfriesenwitze, Schokolade oder eben Fussball geht. Wir leiden mit Champions League, Europa League, Ligapokal etc ohnehin schon an einem Overload an Fussball. Man täte gut daran, zu rationieren. Damit das Besondere etwas Besonderes bleibt. Aber ich fürchte, die Zitrone Fussball wird weiter ausgepresst bis sie auch der letzte Fan die Lust verliert.

Zum Schluss: Taktisch gesehen wird das Spiel heute Abend übrigens hochinteressant. Das von Ihnen bemängelte Spiel der Dauerpässe in die Breite muss dazu dienen, die Mauer, von der sie sprechen, aufzulösen. Die sind so statisch, da gibt es keine Lücken. Je dynamischer, sprich schneller, die Deutschen davor rochieren (neues Modewort der Branche, ähnlich wie seit Jahren schon "kompakt stehen") desto mehr müssen die Griechen sich bewegen und somit zwangsläufig ihre Ordnung auflösen. Irgendwo ein Schritt zu spät, schon kommt es zum "schnellen, vertikalen Spiel". Die Frage ist, wie gut das gelingt. Also ich finde das hochinteressant, es hat etwas von einem verhinderten Osmoseprozess;) Ich wünsche Ihnen einen schönen Fussball-Abend und hoffe, sie werden gut unterhalten!

  • Antworten
Exil-Berliner in München22.06.2012 | 19:05 Uhr

Die Vertikale im Spiel

Heute ist ja das Fußballspiel die Bühne als Inszenierungs-Option des Medienprodukts. Es muss irgendwo produziert werden. Auch in der Vor- und Nachbearbeitung. Unterhaltung soll ja das Erzählen von Geschichten („telling storries“) sein. Unterhaltung als narrative Darstellung im Gegensatz zur Information, das Publikum soll sich entspannen, emotional angesprochen fühlen und auch vom Zwang der Alltagswelt Abstand gewinnen können. Diese grauenvolle Provinzialität jedoch, die sich da gelegentlich ausbreitet, liegt scheinbar an dem Mangel an Akteuren, die das wirklich können, was durch die Medien dann transportiert wird. In den Richtlinien des ZDF soll ja das Programm umfassend informieren, anregend unterhalten und zur Bildung beitragen. Ähnliche Formulierungen in den Landesrundfunkgesetzen, in den Staatsverträgen und in den Landesmediengesetzen. Auch das Bundesverfassungsgericht stellt ja in seiner Rechtsprechung fest, dass die Rundfunkfreiheit, der Gewährleistung freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung diene, auch in Unterhaltungsprogrammen. Es wäre ja schön, wenn das Bundesverfassungsgericht auch einmal die Darstellung und Präsentation von Fußballereignissen rügen würde. Auf dem Platz ist das jedoch anders. Der Trainer einer Mannschaft hat ja gewissermaßen die Gestaltverantwortung, so wie ein Architekt. Die Vertikale im Spiel oder die Zirkulation im spanischen Spiel, im Sinne etwa eines biologisch gedachten Organismus als Voraussetzung für die System-Funktion. Spiel-Vorstellungen sind heute dynamisch, „Tempo“ und „Bewegung“ im Spiel die neuen Schlagwörter. Jedoch wird dem Individuum, dem einzelnen Spieler, der Selbstdarstellung, dem Sich-unterscheiden-Wollen auf dem Platz Raum gegeben, weil der Trainer weiß, dass es auch nicht willkürlich beeinflusste „kreative Zustände“ gibt, wo man nicht sofort ordnend und regulierend eingreifen kann, vielmehr es auszuhalten hat. Eigenständigkeit im System ist gefragt, siehe Reus. Die Nationalmannschaften werden weiter existieren und haben auch eine Zukunft. Wir-Gefühl, Identifikation und die Projektion. Menschen verlangen auch immer nach übergreifenden Symbolen und symbolischen Gesten, ein kulturgeschichtlich durchgängiges Motiv. „Wir werden Europameister“ ist stark ausgeprägt. Ich bin da eher zurückhaltend in dieser Hinsicht und nüchtern in meinen Aussagen, weil ich sportlich weiß, dass jedes Spiel erst gespielt werden muss. Das sportliche Potential ist jedoch vorhanden- in großer Breite. Glück auf!

  • Antworten
bernhard jasper23.06.2012 | 13:35 Uhr

Ach so ...

Wer wissen will, wie die EM wirklich ist:
Www.kicker.de

Jedes weitere Wort ist zu viel.

  • Antworten
Fan24.06.2012 | 15:50 Uhr

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