Anfang Juli wurde Maria Kwiatkowsky tot in ihrer Berliner Wohnung aufgefunden. Sie galt als die begabteste Nachwuchsschauspielerin des Landes. Doch ihr größtes Talent war vielleicht auch ihr größtes Verhängnis. Eine Reportage
Für den Boulevard ist alles immer einfach. Als Anfang Juli die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, gerade mal 26 Jahre jung, tot in ihrer Berliner Wohnung gefunden wurde, hatte die Bild-Zeitung eine schöne Schlagzeile. Die üblichen Reflexe funktionierten: Geheucheltes Mitleid („Sie lebte ein viel zu kurzes Leben!“), Spekulationen ohne Beweise („möglicherweise zu viele Drogen“), dazu als Ferndiagnose etwas Küchenpsychologie („zerrissene Persönlichkeit“). Unglück und private Katastrophen mit ein paar Klischees von Genie und Wahnsinn zu vermarkten, ist Boulevardroutine, bei Maria Kwiatkowsky genau wie ein paar Wochen später beim Tod von Amy Winehouse.
Man denkt bei Maria Kwiatkowskys Tod unwillkürlich an andere, zu jung gestorbene Schauspieler. Heath Ledger, dessen letzte große Rolle ein Psychopath in der Batman-Verfilmung „The Dark Knight“ war. Frank Giering („Baader“), der sich mit 38 Jahren ins Grab getrunken hat. Die hochbegabte Berliner Theaterschauspielerin Franca Kastein, die sich mit 31 Jahren aus dem Fenster stürzte. Alle drei Ausnahmeschauspieler, bei denen Talent und Selbstgefährdung bedrohlich nah beieinanderlagen. Borwin Bandelow, Professor der Psychiatrie an der Universität Göttingen, hat eine verblüffende These zum Zusammenhang zwischen Begabung und selbstzerstörerischem Potenzial: „Viele Künstler bekommen nicht deshalb Probleme, weil sie erfolgreich sind, sondern sie werden erfolgreich, weil sie Probleme haben.“ Talent und Gefährdung wären in dieser Perspektive fast identisch. „Jeder von uns hat Borderline-Anteile in sich, wir leben sie nur nicht aus. Wenn eine Künstlerin tiefe Emotionen wie Liebe und Hass und Verzweiflung so unmittelbar ausdrückt, dann tut sie das auch stellvertretend für uns“, sagt Bandelow. Er meint damit Amy Winehouse, aber genau diese Unmittelbarkeit war es, die auch Maria Kwiatkowskys Auftritte faszinierend machte: eine Schauspielerin ohne Filter und angezogene Handbremse. Und ohne Sicherheitsabstand gegenüber den eigenen Gefährdungen.
Zur Todesursache machen ihre Familie und ihr Haus, die Berliner Volksbühne, konsequent keine Angaben: Es gibt Dinge, die die Öffentlichkeit nichts angehen. Der Obduktionsbericht wird nicht veröffentlicht. Klar ist nur, dass Kwiatkowsky, eine maßlos lebensgierige, vor Ideen überschäumende Frau, keinen Suizid begangen hat. Und klar ist, dass die Wahrheit viel komplizierter ist als die voyeuristische Kitschformel von Genie und Wahnsinn. „Maria war das größte Glück meines Lebens“, sagt etwa Daniel Regenberg, ihr Lebensgefährte. Und Sebastian Baumgarten, der am Schauspielhaus Düsseldorf ein Stück mit ihr inszenierte, meint: „Auf der Bühne hatte sie alles im Griff, sodass es gefährlich aussah, aber nicht gefährlich war. Außerhalb der Bühne, im Leben, konnte es gefährlich werden, weil sie da nicht unbedingt alles im Griff hatte. Aber genau das macht Menschen wie sie auch so besonders.“ Kwiatkowskys Volksbühnen-Kollege Frank Büttner erinnert sich: „Sie war nie ruhig und leise, auch wenn sie in einer Szene keinen Text hatte. Sie hatte eine ungeheure Kraft. Ich mochte ihre Facetten und Brüche, die in jeder Hinsicht in ihrer Person begründet waren. Man hat, wenn sie gespielt hat, immer den Menschen hinter der Rolle gesehen.“ Und der Dramaturg Carl Hegemann, der seit ihrer Jugend mit ihr befreundet war, glaubt: „In einem Jahr wäre sie der neue Star der Volksbühne gewesen.“
Maria Kwiatkowsky war als Schauspielerin ein seltsamer, faszinierender Solitär: eigen, herb, auch überdreht, unverwechselbar und nie gefällig oder einfach nur nett. Spätestens in Frank Castorfs Inszenierungen „Nach Moskau! Nach Moskau!“ und „Der Kaufmann von Berlin“ konnte man sehen, dass hier jemand eine ähnlich starke Bühnenpräsenz, eine Aura und einen rüden Charme entwickelte wie die Volksbühnen-Diven Sophie Rois und Kathrin Angerer. Vor sieben Jahren, mit gerade mal 19, spielte sie ihre erste Hauptrolle in Ayse Polats Kinofilm „En Garde“ – ein vereinsamtes, seelisch verstörtes Mädchen in einem Erziehungsheim. Sie spielte das mit einer so beängstigenden Intensität, so unendlich weit entfernt von aller professionellen Routine und klischeehaften Figurenzeichnung, dass man beim Zusehen Angst um dieses Mädchen bekam und vergaß, dass das alles gespielt und nicht gelebt war. Es war die Rolle, für die sie ihren ersten Preis bekam, den Leopard für die beste weibliche Hauptrolle beim Internationalen Filmfestival Locarno. Die Goldene Kamera und die Wahl zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres folgten 2010.










