Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, über die kritische Edition von „Mein Kampf“, seine erste Lektüre und eine klaffende Lücke in der Hitler-Forschung
Herr Wirsching, wann haben Sie zum ersten Mal „Mein Kampf“ gelesen?
Während meines Studiums. Es war pure Neugier. Ich wollte wissen, was da denn nun wirklich drinsteht. Ich habe damals reingeschaut, es aber nicht komplett durchgelesen. Intensiver habe ich mich damit beschäftigt, als ich an meiner Habilitationsschrift saß. Es ging darin unter anderem um die Frühzeit des Nationalsozialismus, und da ist „Mein Kampf“ natürlich eine zentrale Quelle.
Haben Sie beim ersten Lesen ein Gefühl des Verbotenen verspürt?
Ich habe nie irgendeinen „Thrill“ oder ein Gefühl des Verbotenen empfunden. Das Buch konnte ich in der Unibibliothek einsehen. Später habe ich mir ein Exemplar angeschafft, das ging im Antiquariat. Ich musste nur mitteilen, dass ich es für wissenschaftliche Zwecke brauche.
Wie würden Sie dieses Buch in wenigen Attributen beschreiben?
Einmal ist es eine von Hitler selbst drastisch stilisierte Biografie. Dann ist „Mein Kampf“ auch das Dokument einer spezifischen, verbrecherisch pervertierten Rationalität – beruhend auf den völkisch- nationalistischen und rassistischen Traditionen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das ein wichtiger Untersuchungsgegenstand, weil sich hier Hitlers Programmatik zeigt.
Halten Sie es für richtig, dass man das Buch in Deutschland bisher nicht im Laden kaufen kann?
Zumindest eine kritisch kommentierte Edition hätte man schon sehr viel früher erlauben sollen. Das Institut für Zeitgeschichte hat ja bereits in den neunziger Jahren die Bände „Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen“ herausgegeben. Auch Hitlers sogenanntes „Zweites Buch“ wurde damals neu ediert. Der Versuch, „Mein Kampf“ in die Edition mit einzubeziehen, blieb aber vergeblich.
Warum ist es nicht passiert?
Der Freistaat Bayern als Inhaber der Urheberrechte hat es aufgrund politischer Bedenken nicht gestattet, und so klafft hier eine Lücke. Hätte man „Mein Kampf“ damals schon herausgegeben, wäre die Luft aus dem Thema sehr schnell raus gewesen. Das ist jetzt nicht mehr so leicht. Denn nun steht das Auslaufen des Urheberrechts im Raume: Der 1. Januar 2016 wirkt gewissermaßen wie ein Damoklesschwert.
Könnten Sie mit einer historisch-kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ schon vor diesem Datum herauskommen?
Bis vor einem halben Jahr hätte ich gesagt: Es ist unmöglich, das bis 2016 überhaupt zu machen. Das Projekt ist sehr aufwendig, weil ja ein wissenschaftlicher Gewinn herauskommen soll: Der Text des Buches muss gleichsam durchgeknetet und auf Traditionslinien und Quellen hin untersucht werden. Das kostet Zeit und Personal. Nachdem der Freistaat Bayern nun aber die Arbeit adäquat fördert, werden wir es, wie ich hoffe, bis Ende 2015 schaffen. Vorher jedoch nicht.
Haben Sie Anzeichen dafür, dass es ein Umdenken in der bayerischen Regierung geben könnte – und die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ auch über 2016 hinaus unterbunden werden soll?
Alle rechtlichen Überlegungen, die mir bekannt sind, schließen eine solche Möglichkeit aus. Das Projekt einer wissenschaftlichen Edition wurde mit den jüdischen Vertretern abgestimmt. Ich würde mich daher wundern, wenn das jetzt noch gekippt würde. Wichtig ist, dass wir eine sachliche Diskussion führen. Und dass ab 2016 ein Referenzwerk vorliegt. Ziel muss sein, dass „Mein Kampf“ in gedruckter Form nur mit aufklärendem Kommentar zu haben ist – anders als in irgendwelchen Internetquellen.
Aber ab 2016 können andere das Original auch herausbringen.
Das stimmt. Aber die Frage ist, ob das dann noch so spannend ist, wenn wir schon fertig sind. Macht man gar nichts, steigt die Gefahr dagegen deutlich.
Worin besteht die Gefahr überhaupt?
Man kann das mit dem Obersalzberg vergleichen, Hitlers zweitem Regierungssitz bei Berchtesgaden. Der Obersalzberg war prädestiniert dafür, ein Wallfahrtsort für Neonazis zu werden. Damals hat der Freistaat Bayern die richtige Entscheidung getroffen, dass das Institut für Zeitgeschichte eine Dokumentation erarbeitet. Dort haben wir jetzt einen Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus. Das hat die Sache unter Kontrolle gehalten. Es ist wichtig, bei „Mein Kampf“ einen ähnlichen Weg zu gehen.
Andreas Wirsching, 53, leitet das Institut für Zeitgeschichte, das im Auftrag Bayerns an der wissenschaftlichen Edition von Hitlers Autobiografie arbeitet.
Das Interview führte Christoph Schwennicke













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