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Salon

Mein Kampf„Man hätte es viel früher erlauben sollen“

Interview mit Andreas Wirsching7. Dezember 2012
picture alliance/Ellia
Mein Kampf,Hitler,Unser Kampf,Notre Combat,Kunst
Künstlerisch umgestaltete Seiten von Hitlers Autobiografie in der Ausstellung „Unser Kampf“
Schrift:

Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, über die kritische Edition von „Mein Kampf“, seine erste Lektüre und eine klaffende Lücke in der Hitler-Forschung

Herr Wirsching, wann haben Sie zum ersten Mal „Mein Kampf“ gelesen?
Während meines Studiums. Es war pure Neugier. Ich wollte wissen, was da denn nun wirklich drinsteht. Ich habe damals reingeschaut, es aber nicht komplett durchgelesen. Intensiver habe ich mich damit beschäftigt, als ich an meiner Habilitationsschrift saß. Es ging darin unter anderem um die Frühzeit des Nationalsozialismus, und da ist „Mein Kampf“ natürlich eine zentrale Quelle.

Haben Sie beim ersten Lesen ein Gefühl des Verbotenen verspürt?
Ich habe nie irgendeinen „Thrill“ oder ein Gefühl des Verbotenen empfunden. Das Buch konnte ich in der Unibibliothek einsehen. Später habe ich mir ein Exemplar angeschafft, das ging im Antiquariat. Ich musste nur mitteilen, dass ich es für wissenschaftliche Zwecke brauche.

Wie würden Sie dieses Buch in wenigen Attributen beschreiben?
Einmal ist es eine von Hitler selbst drastisch stilisierte Biografie. Dann ist „Mein Kampf“ auch das Dokument einer spezifischen, verbrecherisch pervertierten Rationalität – beruhend auf den völkisch- nationalistischen und rassistischen Traditionen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das ein wichtiger Untersuchungsgegenstand, weil sich hier Hitlers Programmatik zeigt.

Halten Sie es für richtig, dass man das Buch in Deutschland bisher nicht im Laden kaufen kann?
Zumindest eine kritisch kommentierte Edition hätte man schon sehr viel früher erlauben sollen. Das Institut für Zeitgeschichte hat ja bereits in den neunziger Jahren die Bände „Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen“ herausgegeben. Auch Hitlers sogenanntes „Zweites Buch“ wurde damals neu ediert. Der Versuch, „Mein Kampf“ in die Edition mit einzubeziehen, blieb aber vergeblich.

Warum ist es nicht passiert?
Der Freistaat Bayern als Inhaber der Urheberrechte hat es aufgrund politischer Bedenken nicht gestattet, und so klafft hier eine Lücke. Hätte man „Mein Kampf“ damals schon herausgegeben, wäre die Luft aus dem Thema sehr schnell raus gewesen. Das ist jetzt nicht mehr so leicht. Denn nun steht das Auslaufen des Urheberrechts im Raume: Der 1. Januar 2016 wirkt gewissermaßen wie ein Damoklesschwert.

Könnten Sie mit einer historisch-kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ schon vor diesem Datum herauskommen?
Bis vor einem halben Jahr hätte ich gesagt: Es ist unmöglich, das bis 2016 überhaupt zu machen. Das Projekt ist sehr aufwendig, weil ja ein wissenschaftlicher Gewinn herauskommen soll: Der Text des Buches muss gleichsam durchgeknetet und auf Traditionslinien und Quellen hin untersucht werden. Das kostet Zeit und Personal. Nachdem der Freistaat Bayern nun aber die Arbeit adäquat fördert, werden wir es, wie ich hoffe, bis Ende 2015 schaffen. Vorher jedoch nicht.

Bildergalerie: Hitler-Filme: mehr Slapstick als Realität

Haben Sie Anzeichen dafür, dass es ein Umdenken in der bayerischen Regierung geben könnte – und die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ auch über 2016 hinaus unterbunden werden soll?
Alle rechtlichen Überlegungen, die mir bekannt sind, schließen eine solche Möglichkeit aus. Das Projekt einer wissenschaftlichen Edition wurde mit den jüdischen Vertretern abgestimmt. Ich würde mich daher wundern, wenn das jetzt noch gekippt würde. Wichtig ist, dass wir eine sachliche Diskussion führen. Und dass ab 2016 ein Referenzwerk vorliegt. Ziel muss sein, dass „Mein Kampf“ in gedruckter Form nur mit aufklärendem Kommentar zu haben ist – anders als in irgendwelchen Internetquellen.

Aber ab 2016 können andere das Original auch herausbringen.
Das stimmt. Aber die Frage ist, ob das dann noch so spannend ist, wenn wir schon fertig sind. Macht man gar nichts, steigt die Gefahr dagegen deutlich.

Worin besteht die Gefahr überhaupt?
Man kann das mit dem Obersalzberg vergleichen, Hitlers zweitem Regierungssitz bei Berchtesgaden. Der Obersalzberg war prädestiniert dafür, ein Wallfahrtsort für Neonazis zu werden. Damals hat der Freistaat Bayern die richtige Entscheidung getroffen, dass das Institut für Zeitgeschichte eine Dokumentation erarbeitet. Dort haben wir jetzt einen Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus. Das hat die Sache unter Kontrolle gehalten. Es ist wichtig, bei „Mein Kampf“ einen ähnlichen Weg zu gehen.

Andreas Wirsching, 53, leitet das Institut für Zeitgeschichte, das im Auftrag Bayerns an der wissenschaftlichen Edition von Hitlers Autobiografie arbeitet.

Das Interview führte Christoph Schwennicke

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... fördert selten die Stabilität einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen dieses Buch im Grundstudium zu referieren. Alles was ich daraus gelernt habe, war, dass der damalige Führer des Nationalsozialismus, auch in der Abgeschiedenheit der Festungshaft mit einem Sekretär an seiner Seite, nicht in der Lage war einen längeren, halbwegs strukturierten Text zu schreiben. Ich habe selten ein so uninspiriertes Durcheinander gelesen. Dieses Buch wäre ohne die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Bekanntheitsgrad seines Autors längst in der Versenkung verschwunden. Alles was man daraus lernen kann ist, dass der Dämon Hitler ein Wirrkopf war und die Intelligenz der deutschen Führung in der NS-Diktatur auf ein schockierend niedriges Niveau gesunken war. Selbst auf die enorme Gefahr, die von diesem Mann ausging gibt es nur wenige Hinweise. Ich hatte seitenlange antisemitische Hetzen in flammenden Worten erwartet, aber auch hier enttäuscht der Autor die Erwartung.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann09.12.2012 | 10:58 Uhr

„Mein Kampf“ in die Buchhandlungen zu bringen,

ist wohl eher ein Marketingschachzug. Die Lektüre würde in hoher Auflage erscheinen und gekauft wie so viele Druckerzeugnisse, nur des Besitzes wegen. Antiquariate z. B. stellen sie kaum noch ins Regal – der "Kampf" gehört nämlich zu den am seltensten gelesenen Büchern. Bei vielen Exemplaren sind Stockflecke gravierend und man findet durch Adhäsion zusammenhaftende Seiten. Bei der broschürten, zweibändigen Augabe (Bd. I 1925, II 1927) sieht dies anders aus – zuweilen verauktioniert, aber nur der Seltenheit wegen. Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten „Tournisterausgabe“.
Hitlers Strategie ist in vielen Passagen schwer verständlich oder nutzlos vor allem für die jüngere Generation. In vielen Zeitungen wird von „Mein Kampf“ gefaselt, ohne den Inhalt zu kennen, ohne Kenntnis der Propagandaschriften ansich. Hitler wollte z. B. die Eier des Kolumbus entdeckt haben. Beispiel Führervokabular aus „Mein Kampf“, Band I, Kap. 11, Volk/Rasse:
„Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen.“ Oder „ … das Ergebnis jeder Rassenkreuzung ist also auch die Niedersenkung des Niveaus der höheren Rasse oder körperlicher u. geistiger Rückgang u. damit der Beginn eines wenn auch langsam so doch sicher fortschreitenden Siechtums.“
Hitler, auch eigener Lektor, zu vergleichen mit freier Edition, hatte Bd. I diktiert (!). Ungereimtheiten im Text wurden während Reden rhetorisch übertüncht. Hess, Baldur v. Schirach, Reichsjugendführer d. NSDAP, Goebbels u. a. halfen dabei.
2. 320 000 Exemplare MK wurden Jungvermählten ab 1936 geschenkt. Lt. Zeitzeugen war ablehnende Haltung gefährlich. Lit.: „Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“, Leipzig, 2007/2011(Krieg und Nachkrieg)
Wenn man den „Kampf“ für jedermann zugänglich macht, könnten „Folgewerke“ popularisiert werden. Das sind z. B. Propagandaschriften, wie die "Nationale Erhebung vom 30. 01. z. 21 03. 33, das Zigarettenbilderalbum "A. Hitler" oder „Hitler, wie ihn keiner kennt“ usw. Der „Völkische Bebachter“, „Der Angriff“ etc. wurden noch bis April 1945 unter die Massen „gejubelt“ - zur politisch ideologischen Beeinflussung. Nicht zu vergessen die vielen geschönten und gedruckten Frontberichte des Oberkommandos der Wehrmacht …

  • Antworten
Ritter13.12.2012 | 19:18 Uhr

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