Peter Kohl über Maike Richter-Kohl - Die böse Stiefmutter

CICERO ONLINE schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter, bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen noch einmal das Beste aus 2013.Peter Kohl, jüngster Sohn des Altkanzlers, rechnet mit der zweiten Frau seines Vaters ab. In seiner Darstellung sind Gut und Böse klar verteilt. Schwierig nur, dass die Beschuldigte sich nicht zu Wort meldet

Helmut Kohl und Maike Richter-Kohl, Ehefrau oder Stalkerin?
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Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Peter Kohl rechnet zum 80. Geburtstag seiner Mutter mit der zweiten Frau des Altkanzlers Helmut Kohl ab. Gut und Böse sind klar verteilt in der Familiengeschichte, die Kohl im Vorwort der Neuauflage der Hannelore-Kohl-Biographie „Ihr Leben“ skizziert.

Vor etwa zehn Jahren stand die Schrift des jüngsten Kohl-Sohnes und seiner Co-Autorin Dona Kujancinski schon einmal auf den Bestsellerlisten. Damals interessierten sich die Leser vor allem für das Leben und Sterben der Kanzlergattin, die sich nach langer und schwerer Krankheit in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 mit Schmerz- und Schlaftabletten das Leben genommen hatte. In der kommenden Woche wäre Hannelore Kohl 80 Jahre alt geworden. Wenn das Buch dieses Mal die Bestsellerlisten erobern sollte, dürfte das vor allem dem Interesse an Maike Kohl-Richter geschuldet sein.

Legenden ranken sich um diese Frau, die sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht. Weder Interviews noch Homestories lässt sie zu. Und so erfolgreich wie sie ihr eigenes Leben unter Verschluss hält, setzt sie alles dran, auch ihren Ehemann Helmut Kohl aus dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu halten. Und nicht nur das: Genauso penibel hat sie in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Kohl auch vor alten Freunden und der Familie seine Ruhe hatte. Die Öffentlichkeit nimmt ihr die Abstinenz Übel und dankt es mit kritischer Berichterstattung. Und auch die Kohl-Söhne sind tief getroffen von den Gräben, die sich zwischen ihnen und dem Vater aufgetan haben.

Und so liest sich das knapp 30 Seiten lange Vorwort der Hannelore-Kohl-Biografie wie die Abrechnung mit einer Frau, die den Söhnen Walter und Peter in den vergangenen Jahren sukzessive ihren Vater nahm. Es soll nun nichts mehr weichgezeichnet werden. Peter Kohl, eigentlich der zurückhaltende der beiden Brüder, schreibt die Zeilen in tiefer Trauer und Verbitterung.

Sehr deutlich räumt er etwa mit einer der Legenden um Maike Kohl-Richter und den Altkanzler auf: Zur Feier des 75. Geburtstag des Altkanzlers habe sein großer Bruder Walter Kohl von einem „engsten Vertrauten“ seines Vaters die Wahrheit über dessen Beziehung mit Maike Richter erfahren: Die beiden sollen schon in der zweiten Hälfte der 90er Jahre ein Paar gewesen sein – lange vor dem Freitod von Hannelore Kohl also. Getuschelt wurde darüber schon lange, bestätigt wurde nie etwas.

Peter Kohl zeichnet das Bild einer Besessenen, die sich, wie sie es selbst einmal nennt, zu den „Kohlianern“ zähle. Bei einem Besuch in ihrer Wohnung sei sich Peter Kohl vorgekommen wie in einem privaten Helmut-Kohl-Museum: „Wo man auch hinschaute, hingen oder standen Helmut-Kohl-Fotografien. Es gab gemeinsame Bilder, Bilder mit anderen Menschen, Bilder mit Widmungen, Wahlkampf-Memorabilia, ein unter Glas und Passepartout gerahmter Brief mit seiner Unterschrift und sonstige Helmut-Kohl-Artefakte. Das Ganze sah nach jahrzehntelanger, akribischer Sammelleidenschaft zum Zwecke der Heldenverehrung aus, wie man es vielleicht auch von Berichten über Stalker kennt.“

Auf den Bildern der Hochzeit, von der die Söhne aus der Bildzeitung erfahren und auf der sie nicht eingeladen sind, erkenne Peter Kohl  „einen kränklichen alten Mann, meinen Vater, die Augen schauen mich traurig an, als ob sie mich um Hilfe bäten.“ Das ist das Empfinden eines verlassenen Kindes. Eines Kindes, das sich damit abfinden muss, dass ihn sein Vater allein gelassen hat. Walter Kohl erkannte in seiner eigenen Biografie „Leben oder gelebt werden: Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ schon vor etlichen Jahren, dass „es keinen anhaltenden Anspruch auf einen Vater gibt.“

[gallery:Helmut Kohl – Fotografien von Konrad Rufus Müller]

Bei allem Schmerz und Ärger der Söhne über den Verlust der Mutter und die neue Frau an des Vaters Seite ist das Bild, dass sie von dem in die Isolation getriebenen Mannes zeichnen wohl nur die halbe Wahrheit. Helmut Kohl und Maike Richter-Kohl hatten schon sehr viel länger ein Verhältnis, so dass davon auszugehen ist, dass sich  der Altkanzler wohl in vollem Bewusstsein für diese Liaison und diese Liebe entschieden hat. Helmut Kohl hat sich entschlossen, sein Leben mit Maike Kohl-Richter zu teilen, bevor sein Körper und vielleicht auch sein Geist ihm den Dienst versagten.

Jochen Arntz, der sich für die Süddeutsche Zeitung seit Jahren mit der Familie Kohl auseinandersetzt, hat mit Dirk Metz gesprochen, einem alten Freund von Maike Kohl-Richter. Er ist einer der wenigen, die noch Kontakt zu ihr haben – und auch darüber mit den Medien sprechen. Metz erzählte von zwei beispielhaften Begebenheiten, die Richters Rolle als Kohls Kerkermeisterin einen anderen Anstrich geben: Einmal habe sie es verhindert, dass der Altkanzler einen Gruß in ein Telefon sprach, das ihm ein Parteimitglied hinhielt. Sie wollte nicht, dass er wegen seiner beschränkten Sprachfähigkeit bloßgestellt würde. Ein anderes Mal vertrieb sie im Speyer Dom einen Mann, der ein Autogramm verlangte. In beiden Situationen sei sie beschimpft worden und als jene Wärterin des Kanzlergefängnisses hingestellt, als die sie nun auch Peter Kohl beschreibt.

Die wenigen Berichte, die es über Maike Kohl-Richter gibt und die nicht der Interpretation anderer entspringen, zeichnen das Bild einer engagierten und ökonomisch versierten Frau. Maike Kohl-Richter, die schon immer ein Fan Kohls war, vielleicht sogar eine gewisse Besessenheit entwickelt hat, scheint nun ihr Leben darauf ausgerichtet zu haben, jegliche Unbill vom Altkanzler fern zu halten. Sie will ihn beschützen. Und dazu gehört für sie wohl, den Kontakt zu seinen Kindern zu verhindern.

Dass dieses Zurückgestoßen- und Verlassenwerden für eben die schlecht auszuhalten ist, ist gut vorstellbar. Dass es dazu animiert, Bücher zu schreiben, Interviews zu geben und Filme zu drehen, auch. Es ist nachvollziehbar und es ist das gute Recht der Kohl-Söhne, nach Schuldigen zu suchen. Maike Richter-Kohl wehrte sich bisher nicht gegen die Vorwürfe – sie wird es wohl auch künftig nicht tun. Nach allem, was wir wissen, scheint sie glücklich zu sein mit ihrem Leben hinter den Mauern von Oggersheim.

Und hier beginnt die schwierige Gratwanderung auf die sich Peter Kohl begibt, wenn er seinem alternden Vater seinen eigenen Willen abspricht. Bei Alten und bei Kindern neigen wir dazu zu glauben, dass wir besser wüssten, was gut für sie ist. Sowohl Helmut als auch Hannelore Kohl aber haben ihr Leben selbst in der Hand gehabt.

Helmut Kohl hat sich für ein Leben in der Politik entschieden, bei dem zwangsläufig Familienleben und Privatsphäre auf der Strecke bleiben mussten. Und Hannelore Kohl hat sich entschieden, bei diesem Mann zu bleiben, im „Schaufenster der deutschen Öffentlichkeit“, im „Druckkessel der Spitzenpolitik“, wie sie es selbst nannte. Vielleicht zum Wohle ihres Mannes, vielleicht sogar zum Wohle ihres Landes. Sicher nicht zum Wohle ihrer Selbst. „Aufgeben, ist das letzte, was man sich erlauben darf“, sagte sie einst. Und lag damit vielleicht falsch.

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