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 > Wie im größten Lärm ein Wort entsteht

Salon
Seltene Sprachen

Wie im größten Lärm ein Wort entsteht

von 
Lutz Seiler
2. Februar 2012
picture alliance
Sprache, Lärm, Lutz Seiler
Durch Höllengetöse entsteht eine eigene Sprache findet Lutz Seiler

Wird der Lärm in einem Raum ungeheuerlich, verändert sich zwangsläufig die Artikulation: Im Höllengetöse entsteht eine eigene Sprache
 

Seit ich mit dem Schreiben begonnen habe, sammele ich seltene Sprachen. Ein sehr frühes Fundstück stammt aus dem strengen Winter 1985/86. Kurz vor den ersten Prüfungen gingen wir in die Kohle, es hieß, die Volkswirtschaft brauche jetzt auch uns, die Studenten. Ich stand in einer riesigen Halle und klaubte fossile Holzbrocken vom Förderband. Manche dieser Stücke erinnerten an versteinerte Tiere, ich sah Abdrücke von Knochen und großen Pflanzen, aber darum ging es nicht, es ging um die Reinhaltung der Kohle.

Die Halle dröhnte, ein alle Vorstellungen übersteigendes Getöse. An einem zweiten Band stand der Arbeiter; seinen Namen habe ich nie erfahren. Er war immer da und nutzte auch die Pausen nicht, um zu entfliehen. Seine Brote aß er an einem Tisch vor seinem Spind, von dem er vor jeder Pause den schwarzen Staub herunterwischte mit dem Ärmel. Dafür genügte ihm eine einzige Bewegung – mehr als um Sauberkeit ging es um die tägliche Wiederholung der Geste, um die Einhaltung des Ablaufs, denn der Arbeiter war Teil des Werks, ruhig und unbeirrbar. Seine Anwesenheit wirkte begütigend auf mich.

Wenn es Schwierigkeiten gab, war der Arbeiter sofort zur Stelle. Keine der Abweichungen im rhythmischen Gepolter der Bänder blieb ihm verborgen, jede Havarie sah er voraus. Nicht selten verkeilten sich die Fossilien im Laufwerk oder bereits in dem Trichter unter der Hallendecke. Dann sprang er ohne zu zögern auf das Band und eilte wie ein Hund auf allen Vieren in den Trichter hinein. Manchmal blieb er dort oben so lange verschwunden, dass ich Schlimmes zu befürchten begann. Aber dann, irgendwann, im Gefolge einiger riesiger Fossilien, kam auch er das Band wieder heruntergefahren, mit geschwärztem Gesicht, verschlossen und steif, und so packte ich ihn wie einen der vorsintflutlichen Knochen und half ihm auf den Boden zurück.

Eines Tages sah er die Havarie nicht voraus: Es krachte und die plötzliche Stille summte in den Ohren. Das erste Mal vernahm ich die Stimme des Arbeiters, allein und ohne das Gedröhn. Was er zu mir hinüberkrächzte, ehe er aus der Halle verschwand, klang in etwa so: „Oa. Ma o ee!" Als das Band wieder angefahren und der Arbeiter zurückgekehrt war, rief er mir ein Wort zu, dessen Bedeutung ich diesmal sofort verstand: «Stromausfall!» Und das, obwohl es, wie mir nun auffallen musste, ebenfalls nur aus zwei überdeutlich akzentuierten Vokalen und einer weitausholenden Bewegung seiner Arme bestanden hatte: „O – au!" Es war der Lärm, der das Ganze als Wort verständlich machte.

Der Lärm, jetzt begriff ich es, war Teil der Sprache des Arbeiters geworden. Oder anders gesagt: Über Jahrzehnte hatte der Arbeiter eine Sprache geformt, die in der Lage war, sich mit dem wahnwitzigen Getöse zu verbinden und es auf diese Weise zu durchdringen. Über die Jahrzehnte im Werk hatte er dabei sein normales Sprechen verlernt, vielleicht sogar verloren. Zugunsten einer sehr seltenen Sprache, von der ich während der Winterwochen vor 25 Jahren einige Wendungen in meinem Notizbuch aufbewahrt habe.

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Ob 'Turksib' oder 'Die Zeitwaage': Im Getöse entsteht eine eigene Sprache, geprägt von Mitgefühl, Zuneigung und Liebe. Bei Lutz Seiler. Ob 'Na?', 'Die Schuldamsel' oder 'Der gute Sohn': In der Stille aber entsteht eine vergleichbare Sprache. Bei Lutz Seiler. Es bleibt dabei: Lesen ist eine Frage der Freiheit. Schreiben ist eine Sache der Befreiung.

  • Antworten
Gunter Stolzenbach02.02.2012 | 17:18 Uhr

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