Jede Beziehung hinterlässt Spuren im Gesicht. Cicero-Kolumnist Daniel Schreiber hat ein Rezept gegen den Gram: Er empfiehlt neben der neuen Madonna-CD die Lektüre von Jennifer Egans preisgekröntem Roman „Der größere Teil der Welt“
Wir alle kennen diese Phasen. Meistens gehen sie mit Fällen von Liebeskummer einher. Ich rede hier nicht von den Tagen, in denen man beim Yoga, im Büro oder auch in der U-Bahn plötzlich unkontrollierbaren Heulattacken anheimfällt. Auch nicht von den depressiven Wochen, in denen man auf Zähneputzen verzichtet und wieder mit dem Rauchen anfängt.
Nein, ich rede von jener Stimmungslage, die sich am ehesten als eine Art melancholischer Klarheit beschreiben lässt. In dieser Phase bekommt man plötzlich ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wie schwierig es doch ist, so ein Leben zu leben. Und beim Blick in den Spiegel, auf die neuen, kleinen Fältchen unter den Augen und die grauen Härchen an den Schläfen, versteht man intuitiv, dass die Lage gerade ein bisschen hoffnungsloser, dass man selbst wieder etwas älter geworden ist. Ich meine das gar nicht biologisch. Vielmehr erkennt man, dass die Zeit gerade ein neues Blatt gespielt, dass ein vorübergegangener Lebensabschnitt Spuren auf dem Gesicht hinterlassen hat.
Sie, liebe Leser, werden die traurige Wahrheit, die ich an dieser Stelle aussprechen muss, vielleicht nicht hören wollen: Das einzige, was man in diesen Situationen machen kann, ist, den Tatsachen ins Auge zu schauen und sie zu akzeptieren. Akzeptanz natürlich kommt nicht über Nacht. Aber sie ist ein sanfter Prozess, den man unterstützen kann, zum Beispiel, indem man bestimmte Bücher liest. Ein Buch, das ich in diesem Kontext sehr hilfreich fand, ist Jennifer Egans im vergangenen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman „Der größere Teil der Welt“. Darin geht es genau um diese Momente im Leben, in denen man etwas, ohne es selbst genau wissen zu müssen, hinter sich lässt, und in denen unmerklich die Weichen für etwas Neues gestellt werden.
Die Übersetzung des Titels ist ein wenig irreführend. Im Original heißt das Buch der Brooklyner Autorin „A Visit from the Goon Squad“, „Willkommen in der Schlägerbande“. Irgendwann in der Mitte des Buches wird die kryptische Zeile, die nichts mit tatsächlichen Schlägertypen zu tun hat, aufgelöst: Zwei Jugendfreunde, die einmal zusammen in einer Punkband spielten, sitzen sich hier zum ersten Mal seit Jahren wieder gegenüber. Einer von ihnen ist ein mittelloser, sich kurz an der Obdachlosigkeit vorbeimogelnder Hausmeister geworden, der andere ein erfolgreicher Musikproduzent. „Time is a goon“, „Die Zeit ist ein Rowdy“, sagt der eine – und der andere weiß genau, was er meint.
Die lose aneinander gereihten Geschichten des Buches spielen alle in verschiedenen Jahren und an verschiedenen Orten; Egan spannt den Bogen von einer afrikanischen Safari in den siebziger Jahren über das Los Angeles des achtziger Jahre bis hin zum New York der nahen Zukunft. Die Erzählungen haben nur gemeinsam, dass ihre Figuren Sasha kennen, kennen werden oder gekannt haben – die rätselhafte, kleptomanisch veranlagte Assistentin des Musikproduzenten. Sie alle bewegen sich an den Fransen von Sashas Leben. Der Roman ist vieles, er schreibt etwa eine Geschichte der sterbenden Musikindustrie und er versucht sich an einem gewagten literarischen Experiment. Aber vor allem ist er berührend. Berührend, weil er einem die schwierige Idee der Fügung so nahe bringt. Ein mittelprächtiger One-Night-Stand in einer schäbigen Küche in der Lower East Side kann hier viele Jahre später zu einem Ereignis führen, das das Leben tausender Menschen verändert. Man weiß nie, wozu und für wen die Erfahrungen gut sind, die man macht, erst recht, wenn es sich um unschöne Erfahrungen handelt. Das hat etwas sehr Tröstliches.
Wie Sie wissen, gehen auch die Phasen melancholischer Klarheit einmal vorüber. Irgendwann hat man sich daran gewöhnt, wie man aussieht. Irgendwann sind die neuen Fältchen nicht mehr neu, und man wendet sich anderen Menschen und anderen Dingen zu. Und irgendwann hört man das nächste Madonna-Album und kennt nach einer Weile alle neuen Lieder auswendig. Aber ein Wissen um diese Erfahrung bleibt, irgendwo im Hinterkopf, genau wie die früher mal so großen Songs von den ganzen anderen Alben. Man sollte dieses Wissen schätzen lernen.











