Wie schafft es die schwedische Jury des Literaturnobelpreises eigentlich Jahr für Jahr, um die Amerikaner herum zu kommen? Das fragt sich Cicero-Chefredakteur Michael Naumann in Anbetracht der Verleihung des Preises für den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer.
Nein, der Literaturnobelpreis für den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer ist keine wirkliche Überraschung, wenngleich Marcel Reich-Ranicki freimütig bekennt, dass ihm der Poet unbekannt sei – obwohl der Münchner Hanser Verlag unter der kundigen Leitung von Michael Krüger drei seiner Gedichtbände verlegt hat. Man kann nicht alles lesen. Stimmt. Die Werke des Auserwählten alsbald auch nicht: Sie werden innerhalb der nächsten Woche ausverkauft sein. Lyrikbände müssen sich gewöhnlich mit einer Startauflage von 800 Exemplaren begnügen (außer, in diesem Falle, in Schweden, dort ist Tranströmer ein Bestseller-Autor.)
Aber „Das Große Rätsel“ (ein Tranströmer-Titel) der Stockholmer Akademie wird immer größer: Wie gelingt es den Juroren eigentlich jedes Jahr aufs Neue, einen großen Umweg über die amerikanische Literatur einzuschlagen? John Updike ist preisfrei gestorben, Philip Roth wird ganz gewiss nicht nobilitiert, Thomas Pynchon natürlich auch nicht. Er würde den Preis auch nicht annehmen, hat er einmal gesagt, weil Henry Kissinger auch ein Nobelpreisträger sei, diese Nähe sei ihm unangenehm.
Ausgeschlossen aufgrund ihres Reisepasses sind wohl auch Cormac McCarthy, Richard Ford, und ein Jonathan Franzen oder ein Jeffrey Eugenides muss noch fünfzig Jahre warten, bis sich das anti-amerikanische Ressentiment der schwedischen Jury verflüchtigt hat. Sie hatte in der Vergangenheit stets ein feines politisches Gespür bei ihrer Auswahl bewiesen aber auch eine gewisse Ängstlichkeit. Als Salman Rushdies „Satanische Verse“ ganz zu Recht in der engsten Auswahl stand, zuckten die Herren der Akademie zurück – es wäre ein fabelhaftes Zeichen literarischer und menschenrechtlicher Solidarität mit dem verfemten Dichter gewesen, dessen Leben seit Ayatollah Khomeinis mordlustiger „Fatwa“ höchst gefährdet war.
Ach, die Liste der Stockholmer Versäumnisse ist lang und bitter: Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Vladimir Nabokov, Graham Greene – dafür aber Dario Fo, dessen Auszeichnung ein witziger Kopf im Feuilleton der FAZ einmal so beschrieb: Sein Preis gleiche dem Medizin-Nobelpreis für den Erfinder von Dr. Scholls Einlegesohlen. Selbst der unsterbliche Leo Tolstoy, der 1910 starb, fand nicht die Gnade der Akademie. Im gleichen Jahr zeichnete sie den deutschen Dichter Paul Heyse aus. An ihn erinnert heute eine Straße in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs.












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