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Lesen Sie fern?

von 
Klaus Nüchtern
16. Juni 2011
Lesen Sie fern?
Die avancierteste Form des Erzählens findet heute im Fernsehen statt. Dass sich die Literatur dennoch nicht fürchten muss, beweist der US-Autor Richard Price, der sowohl Romane als auch Drehbücher für TV-Serien schreibt
Seite 1 von 5

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte das Geschimpfe über die verblödende Macht des Fernsehens noch als Nachweis der kulturkritischen Kompetenz des Klage­führenden gelten. «Fernsehen ist Kaugummi für die Augen», hatte der Architekt Frank Lloyd Wright einmal geurteilt – und war mit dieser Ansicht lange gut durchkommen. Weil Innovation aber als «Valorisierung des Profanen» ins Werk gesetzt wird, wie wir von Boris Groys («Über das Neue») wissen, dürfen Menschen, die keinen Fernseher mehr haben und «jetzt viel mehr lesen», auch nicht auf ewig damit rechnen, als leicht schrullige, aber im Grunde bewunderns- und nachahmenswerte Zeitgenossen zu gelten, die in die Tiefe dringen, statt an der Oberfläche zu ver­harren.

Der vermeintliche trash wird zunächst als popkulturelles Phänomen für interessant befunden und schließlich als E-Kultur im U-Gewand estimiert. Für die «Simpsons» hat dies vor fünf Jahren der Schriftsteller Daniel Kehlmann übernommen, der die Zeichentrick-Serie um eine «disfunktionale» Familie 2006 im Magazin «Der Spiegel» durch einen Auftritt Thomas Pynchons (mit einer Papiertüte über dem Kopf, aber mit Original-Stimme – wer auch immer das überprüfen kann) mit dem «intellektuellen Ritterschlag» ausgezeichnet sah. In der Folge spart Kehlmann nicht mit literarischen Bezügen der XXL-Klasse: von Ambrose Bierce und Jonathan Swift bis zu Gontscharow und Tolstoi, um dann auch noch die französischen Enzyklopädisten mit ins Boot zu holen: «Wenn der klassische Witz der Aufklärung, der Geist der Erzählungen von Voltaire und Diderot heute noch fortlebt, dann wohl in der trügerischen grafischen Einfachheit und dem souverän heiteren Pessimismus von Matt Groenings Serie.»

Im Arsenal der Zeichentrickfiguren fänden sich solche, so Kehl­mann weiter, die den Serien-Zuschauern präsenter seien als so manche Freunde und Familienmitglieder – «ein Effekt, den man von großen Romanen kennt, der aber für ein Produkt der Populärkultur völlig einzigartig ist». Diese Behauptung war damals schon überholt, lässt sich aber im Jahr 2011 auf keinen Fall mehr aufrechterhalten. Wenn Kehlmann die «Simpsons» zur Hochliteratur hochjazzt, so bleibt dabei der Umstand außer Acht, dass sich deren Serien-Charakter romanhaften Entwicklungen weitgehend widersetzt. Gewiss, einzelne Figuren sind mit Bruchstücken von Biografien ausgestattet, und mit Maude Flanders stirbt sogar einmal eine vergleichsweise zentrale Figur (Tod durch T-Shirt-Kanone), aber im Großen und Ganzen beruhen die «Simpsons» auf der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Die Charaktere altern nicht, und sie ändern sich auch nicht. 

Das lässt sich etwa von den Fishers aus der Serie «Six Feet Under» (2001–2005) nicht behaupten: Wer die 50 Stunden und 63 Folgen bis dahin durchgestanden hat, der wird die Folge «Ecotone» (Erstausstrahlung am 31. 7. 2005) schwerlich gesehen haben, ohne Rotz und Wasser zu heulen (dem Autor dieser Zeilen ist es jedenfalls nicht gelungen). In Sachen Großepik hat diese von Allen Ball entwickelte und von sieben Co-Autoren geschriebene Serie neue Standards entwickelt. Elfriede Jelinek meinte gar, sie habe das aristotelische Prinzip der Katharsis erst wirklich verstanden, nachdem sie «SFU» geschaut habe. 

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