Leo Rosenthal, der lettische Jurist und Gerichtsreporter, war ein früher Paparazzo auf der Weltbühne. Seine eher zufälligen Schnappschüsse sind wichtige Zeitdokumente der Weimarer Republik. Über ein unbekanntes Bildnis Robert Musils, aufgefunden im Archiv Leo Rosenthals
Das Verbrechen war in den Goldenen Zwanzigern allgegenwärtig, ein beliebter und gesuchter Sonderfall, der zweierlei illustrierte: dass die Zivilgesellschaft dabei war, eine zu werden, und dass es einen maroden Urgrund gab, gegen den sie sich absetzen musste. Nur so kann man erklären, dass Bildende Künstler von großem Renommee und unzweifelhafter Progressivität in ihren Wilmersdorfer Ateliers «Frauenmörder» nachspielten, in Schnappschüssen und Gemälden, und sich gar nicht genug darüber amüsieren konnten, ihre Musen mit ihnen.
Der Verbrecher war der Freak. Vor dem Richter kniend und nicht stehend, weil von den Knien abwärts amputiert, wurde einer gefragt: «Wie konnten Sie das Auto stehlen?» Antwort: «Weshalb sollte ich denn nicht gekonnt haben? War ja ganz einfach.» So hat es Leo Rosenthal auf der Rückseite eines Fotos notiert, ein lettischer Jurist, der 1920 als Gerichtsreporter in Berlin Fuß gefasst hatte und 1969 in New York starb, nachdem er den Transfer von 3000 Negativen ins Landesarchiv der Stadt West-Berlin bewerkstelligt hatte. Rosenthal, einsamer überlebender Spross seiner Familie, wusste, dass er ein Zeuge war.
Dass Rosenthal Zeugen vor Gericht fotografierte, war eher unwahrscheinlich, weil im Gerichtssaal zu fotografieren eine auf allen Ebenen – politisch, juridisch, medial – hoch umstrittene Angelegenheit war, und der Konsens lautete, dass die Totale als Geschichtsbild vielleicht durchgehe, das Porträt jedoch gewiss unter das Persönlichkeitsrecht falle. Rosenthal fotografierte – als Zeugen – Albert Einstein und auch Adolf Hitler.
Noch unwahrscheinlicher war eine Porträtstudie von Zuschauern, wie sie aus dem Archiv Rosenthals, mehr als vierzig Jahre nach seinem Tod, aufgetaucht ist: Robert Musil in der Mitte zweier Ladies, die seine Zurückhaltung demonstrieren. Die Damen amüsieren sich offenkundig über das, was vor Gericht verhandelt wird. Ein dynamisches Querformat.
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