Wut-Bauer Willi klagt an - Schluss mit der Gier nach Billig-Essen

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Supermärkte unterbieten sich mit immer niedrigeren Preisen, bis der Hähnchenschenkel nur noch wenige Cent kostet. Und die Verbraucher freuen sich über das Schnäppchen. Wir sind maßlos geworden. Ein wütender Bauer erklärt das harte Geschäft nun in einem Buch

Hühner in Freilandhaltung
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Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Unser Leben als Bauern unter Bauern macht es möglich: Mit einem halben Rind, einem halben Lamm, Schweinekoteletts und hofeigenen Hähnen war die Gefriertruhe vor einigen Wochen noch randvoll mit dem Fleisch der Tiere, die bis zuletzt unser und das Land der Nachbarn genährt hatte. Nun schwinden diese Massen an Fleisch langsam und uns wird bildlich klar, was es bedeutet, wenn durchschnittlich jeder Deutsche 60 Kilogramm Fleisch im Jahr verspeist. Es ist eine Menge totes Tier. Wir sind maßlos geworden. In puncto Fleischkonsum, aber auch in puncto Gewinn und Ertrag.

Wir, das sind die Verbraucher, aber auch die Verkäufer und Supermärkte, die Zwischenhändler und Erzeuger. 1949 ernährte ein Landwirt etwa zehn Menschen, heute muss er die Versorgung von 144 meistern. Die Märkte unterbieten sich mit immer billigeren Preisen. In dieser Woche preist Rewe frische Hähnchenschenkel, 100 Gramm für 15 Cent, an. Gleichzeitig landen 80 Kilo Obst und Gemüse jedes Jahr im Müll – pro Kopf. Es sind Gründe dafür, dass viele Bauernhöfe an den modernen Anforderungen scheitern: 15 Betriebe schließen in der Bundesrepublik – jeden einzelnen Tag.

Diese Zahlen entnehme ich dem ersten Buch des vor einem Jahr mit seinem „Wut-Brief“ bekannt gewordenen Bauern Willi, das am Montag erscheint. Es hätte einen originelleren Titel verdient als das plattfüßige „Sauerei!“ des Piperverlags, aber sei es drum, es geht ja um den Inhalt. Und da erklärt Willi Kremer-Schillings gewohnt humorvoll, ohne erhobenen Zeigefinger und fachlich fundiert seine Sicht der Welt.

Donnerstag war mal Schlachttag
 

Der Bauer und Agrarwissenschaftler aus dem Rheinland betreibt mit seinem Allgäuer Kollegen Alois Wohlfart einen Blog, der genau wie das Buch eines im Sinn hat: Das Geschäft der maulfaulen Landwirte einer Gesellschaft näher zu bringen, die die Grundlagen ihrer Nahrungskette aus romantisierenden Bilderbüchern zu kennen glaubt. Denn während Supermärkte viel Geld in meinungsbildendes Marketing stecken, haben die Bauern diesen Teil funktionierender Unternehmensführung nicht auf dem Schirm. Und so ist eine Entfremdung entstanden, die dem bäuerlichen Geschäft sehr gefährlich wird.

In diesem Sinne zerstört Kremer-Schillings einleitend das Bild des Heile-Welt-Bauernhofs mit Ziegen, Schafen und einer Kuh im Stall und lädt ein auf seinen Hof, wo das einzige Tier die Katze Susi ist, um die sich die 93 Jahre alte Mutter kümmert. Ansonsten seien auf dem sterilen Anwesen lediglich „ein Schlepper, ein Pflug, eine Sämaschine, eine Anhängespritze mit 27 Meter Arbeitsbreite und ein Düngerstreuer“ zu begucken.

Dabei weckte auch die Mutter den jungen Kremer-Schillings einst einmal wöchentlich mit blut- und und federbeklebter Schürze, weil an jedem Donnerstag Schlachttag war und schon im Morgengrauen dreißig bis fünfzig Hühner ihren Kopf verloren. Mittwochs verkaufte der kleine Willi mit der Schwester die Eier im Dorf: „Bei wöchentlich rund 2.000 Eiern und 10 Pfennig Marge waren das an einem Nachmittag 200 DM.“

Gier nach Billigem ruiniert Bauern
 

Heute aber checke er zwei mal täglich im Internet die Getreidepreise auf dem globalen Markt, schlage sich mit Subventionsmaßnahmen wie dem Greening herum, von dem auch er als promovierter Landwirt „nur die Hälfte auf Anhieb kapiert“. Dazu kommen die Tricks der Einkäufer, die ihr Prinzip der „Gewinnmaximierung um jeden Preis“ unbedingt aufrechterhalten. Als Zeuge wird Bauer Willis Nachbar angeführt, der 3-Euro-Dumpingpreise für 100 Kilogramm Speisezwiebeln akzeptieren muss.

Perfide klingt auch das Instrument der Auslistung. Dabei verzichtet etwa Aldi ein paar Wochen auf den Einkauf von Blumenkohl. Das störe den Verbraucher kaum, der Landwirt aber bleibe auf seiner gammelnden Ware sitzen. Aus dem gleichen Grund, eben weil man „der Kuh nicht das Euter zubinden kann“ oder den Blumenkohl am Wachsen hindern, seien Streiks für die Bauern meist keine Option. Die Geschäftsideen der großen Player in der Lebensmittelbranche, so erfahren wir, sind facettenreich. Dagegen haben die meisten Familienbetriebe, denn noch immer sind es vorwiegend sie, welche die Lebensmittel in Deutschland herstellen, kaum eine Chance.

So bleibt denn auch das Einzige, das sich in all den Jahren nicht geändert habe, das immer gleiche Ziel eines landwirtschaftlichen Betriebes: „Ein Einkommen zu generieren, das den drei Generationen, die von dem Hof ernährt werden müssen, zum Leben reicht.“ Und die Strategie laute dann eben meist: Kosten runter, Menge hoch.

Durchbrechen aber kann diese Schraube nur, wer seine Gier nach billigen Lebensmitteln in den Griff bekomme. Dass aber wird nicht leicht, glauben wir dem Neurologen Christian Elger, der sagt: Schnäppchenware wirkt wie Kokain auf das Gehirn.

Fassen wir Mut für den Entzug.

Willi Kremer-Schillings: Sauerei! Bauer Willi über billiges Essen und unsere Macht als Verbraucher. Piper Verlag, Februar 2016, 336 Seiten, 14,99 Euro.

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