Gleichwohl scheint sich der Stanforder Professor mit diesem Manko inzwischen arrangiert zu haben; die perfekte Aussprache gilt ihm nicht als Grundvoraussetzung zum Amerikaner-Sein. Auch die Emphase, mit der man sich zu Amerika bekennt, muss nicht so inbrünstig vorgetragen werden, wie er selbst seine patriotischen Aufwallungen eine Zeitlang kundzutun pflegte: Es sei zu einem «Exzess im Amerikaner-Sein» gekommen, gibt er heute zu, ein Exzess, für den er in Deutschland zuweilen mit Spott bedacht wurde. Mit dieser andauernden Selbstbefragung in Sachen national-kultureller Identität ist nun niemand besser geeignet als der 1948 in Würzburg geborene Gumbrecht, um einen Blick auf das «westliche Ende der Welt» zu werfen. Bei seinen großteils im «Merkur» erstveröffentlichten und nun unter dem Titel «California Graffiti» gesammelten Skizzen, Bildern und Szenen steht zwar nicht selten sein universitäres Milieu im Vordergrund, es gelingt ihm jedoch immer, den Fokus auch auf den Rest des Landes und die Eigenarten seiner Bewohner zu weiten. Schon Margret Boveri hat in ihrer «Amerikafibel» auf die Unterschiede zwischen Europa und Amerika hingewiesen. So wie Erde und Luft hier wie da ganz eigene Bäume und Früchte hervorbrächten, schrieb Boveri 1945, so seien auch die Bewohner beider Landstriche ganz verschieden voneinander. Gumbrecht nun geht es fünfzig, sechzig Jahre später zwar nicht darum, eine geschlossene Physiognomie des US-Amerikaners zu entwerfen – was angesichts der ständigen Wandlung und Erneuerung Amerikas sicher verfehlt wäre – er wirft dafür einige Schlaglichter auf etwas, das sich durchaus als «amerikanisches Wesen» bezeichnen ließe. So geraten ihm etwa gerade für deutsche Ohren so befremdliche Phrasen wie «to pass on», «good for you» oder «moving on» in den Blick, Wendungen, in denen wir Oberflächlichkeit, Euphemismus, wenn nicht gar eine gewisse Verlogenheit zu entdecken geneigt sind. Gumbrecht aber sieht in ihnen – und weiß dies überzeugend darzulegen – den Ausdruck einer «kalifornischen Stärke, einer Stoik, die nichts von sich weiß». Wie ein Reporter begibt sich der Professor auf der Suche nach dem amerikanischen Wesen in Trailer-Parks oder verbringt einen Nachmittag auf der Telegraph Avenue in Berkley, dem einstigen Zentrum der Hippiebewegung. Meist allerdings sind es zufällige Beobachtungen, die ihm den Stoff für seine Überlegungen liefern. Da kann er dann auch schon mal innerhalb eines Absatzes auf halsbrecherischen Wegen von den afrikanischen Buren über den Begriff «Handy» bis zu Edmund Husserl gelangen. Immer wieder kommt Gumbrecht auf den «Paten» zurück, aber auch Donald Duck und Homer Simpson gelten ihm als symptomatisch – wenngleich er bei den Amerikanern eine gewisse «Lachungelenkigkeit» feststellt. Gumbrecht beschäftigt sich ebenso mit der «demokratischen Aristokratie» der USA wie mit dem gleißend hellen Licht Kaliforniens. Es habe ihn süchtig gemacht, schreibt er, und auch wenn die patriotischen Exzesse inzwischen ein Ende haben: «Über mein Leben hinaus möchte ich am Pazifik bleiben.» Es ist diese spezielle Mischung aus Selbstironie, Boshaftigkeit (etwa, wenn er eine «abgehärmte Amerikanerin unter mittelschwerem Make-up» beobachtet) und Warmherzigkeit, die Gumbrechts Schreiben auszeichnet. Sie zeigt indes weniger den Amerikaner oder Deutschen in ihm als vielmehr den Souverän seiner ganz eigenen intellektuellen Geistesrepublik. Hans Ulrich Gumbrecht
Man muss sich Hans Ulrich Gumbrecht ein wenig wie jenen Bittsteller aus Francis Ford Coppolas «Der Pate» vorstellen, der gleich zu Beginn der Saga deren Held Vito Corleone gegenüber bekennt: «I believe in America.» Er bekennt dies, wie Gumbrecht in seinem neuen Buch selbst hervorhebt, «mit einem italienischen Akzent, unter dem sich die Balken biegen». Auch Hans Ulrich Gumbrechts Englisch trägt nach über zwanzig Jahren, die der Literaturwissenschaftler schon in den USA lebt, noch unverkennbare Spuren seiner deutschen Muttersprache. Seine Studenten mögen das zwar charmant finden, er selbst aber, schreibt Gumbrecht, kommt sich zuweilen vor wie eine dieser Gestalten in Kinderbüchern, «die irgendwo im Leim oder im Teer kleben bleiben».
Eine Stoik, die nichts von sich weiß
California Graffiti. Bilder vom westlichen Ende der Welt
Hanser, München 2010. 208 S., 15,90 €
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Leben und Sterben am Pazifik
Hans Ulrich Gumbrechts eigensinnige Betrachtungen seiner Wahlheimat Amerika
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