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Salon
schreiben: Stoff

Lange Batterielaufzeit

von 
Sasa Stanisic
11. Dezember 2009
Sasa Stanisic. Foto: Peter von Felbert
Lange Batterielaufzeit
Sasa Stanisic über Schnee, Flughafenbrötchen und Sufjan Stevens

S6, München/Karlsplatz–Feldafing, Januar 2006
Winter in der Villa Waldberta im schönen Feldafing. Starnberger See, Sauschnee. Thema Vogelgrippe, Schwäne. Schwäne und Schnee, immer gut. Fahre nach München, was essen. Schnee, Schnee. Fahre zurück. Nacht und mehr weiß als schwarz. Die S-Bahn wird langsamer, bleibt stehen, rechts und links türmt sich das Zeug. Saugeiler, weil selbstbewusster Schnee. Nix geht. Der Fahrer sagt was, aber er sagt es so, dass es nur die Bayern unter uns verstehen. Heimeligkeit bricht in der Bahn aus. Die Heizung macht noch mit. Notizblock raus. Romanabgabe naht.

Kopf immer voll Blödsinn und Ideen und jetzt der Frage, ob er gern der Kopf eines S-Bahn-Fahrers wäre oder ein Schneeräumfahrzeug. Was wäre, wenn. Dazu notiere ich eine Szene aus meiner Kindheit, in der viel Schnee vorkam. Dann eine, in der ich einen Wels geangelt habe. Die Passagiere beginnen Freundschaften zu schließen. Ich schreibe, während uns der Schnee bedächtig verschüttet.

Flughafen Paderborn/Lippstadt, Juni 2007
Abgabetermin in 2 Stunden. Ich und Stefan Effenberg, oder jemand, der aussieht wie Stefan Effenberg am Morgen, warten, dass sich der Verspätungsnebel auflöst, damit unser Flugzeug starten kann. Am Abend zuvor Lesung in einem Bauernhaus vor irre vielen Mitarbeitern eines Großkonzerns. Eine für meine knapp zwei Meter zu kleinkonzernig geratene Schulbank. Immer wieder aufgestanden, weil Beine zu lang. Schnaps getrunken mit dem Großkonzern. Einiges an Dauerwelle begrüßt. Mir selbst eine gewünscht. Jetzt: Laptop auf den Knien, Stefan Effenberg im Augenwinkel, Kolumne für u_mag fertig schreiben, verkatert, vernebelt.

Das Gefühl, Paderborn/Lippstadt niemals wieder verlassen zu können, verdichtet sich mit dem Wetterphänomen. Der Text geht leicht von der Hand. Die Leichtigkeit des ungezwungenen Reisens schreibt mit: nirgendwo sein müssen. Kann doch Nebel sein den ganzen Tag. Sind Sie eventuell Stefan Effenberg?, frage ich irgendwann, da ist der Text längst eingetütet, und Stefan Effenberg und ich essen Flughafenbrötchen.

Sturmwind, Azeroth, östliche Königreiche, November 2008
Für einen Artikel über das Online-Rollenspiel World of Warcraft spiele ich mehrere Wochen am Stück einen weiblichen Paladin. Mein Schwert ist lang, mein Waffenrock kurz, beide scharf, ich haue einen Goblin nach dem anderen um. In «Sturmwind» gibt es Gasthäuser, eine Bank, Käse- und Weinläden, eine Burg; alles ein wenig rustikal, dazu ein Flüsschen, und man fühlt sich schnell, als wäre man in Tübingen. An dem Tag, da ich den Text abgeben möchte, stelle ich mich mit meiner Spielfigur an einen Friedhof, umgeben von kalbsgroßen Spinnen – ich selbst sitze in einem Café in Leipzig, wo ich eigentlich fast immer sitze, wenn ich nicht unterwegs bin. Und das ist dann schon seltsam: draußen, vor den großflächigen Fenstern, der Clara-Zetkin-Park. Asiatische Geigenstudentinnen spazieren ihre Geigen durchs Grün. Hier, am Bildschirm, eine blonde Pixelgestalt, umgeben von Zombies. Daneben das Dokument für den Artikel. Ich bestelle mir ein Bier, es läuft Sufjan Stevens, das Café füllt sich, die Seiten füllen sich.

 

 

Porträt

Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und floh 1992 mit seinen Eltern aus der besetzten Stadt nach Deutschland. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und las 2005 beim Klagenfurter Wettbewerb. 2006 veröffentlichte er seinen ers­ten Roman «Wie der Soldat das Grammophon repariert» – und wurde zum Shooting Star der deutschen Literaturszene.

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