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 > «La Patria – bene o male»

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erfahren: Essay

«La Patria – bene o male»

von 
Dirk Schümer
16. Juni 2011
Italien feiert das 150. Jubiläum seiner nationalen Einheit. Wie aber funktioniert diese so junge und komplizierte Nation? Welche Autoren haben unser Italien-Bild geprägt? Eine historische und literarische Spurensuche
Seite 1 von 5

Viva Italia!» – wenn der nationale Schlachtruf der Italiener für deutsche Ohren ein wenig nach Oper klingt, hat das seine guten Gründe. Überall im Ausland weiß man recht wenig von den historischen Ereignissen des «Risorgimento», von den Einigungskriegen des savoyischen Königshauses gegen Österreich in Norditalien, von Garibaldis Scharmützeln in Sizilien und Neapel, vom europäischen Diplomatie-Spiel um Kirchenstaat
und Papstmacht. Viel eher findet sich bis in die Schulbücher der Mythos, die Italiener hätten ihre Freiheit mit Opernarien auf den Lippen erkämpft: «Viva Verdi!» habe für die Patrioten als Anagramm des ersehnten Königs gegolten: Vittorio Emanuele Re D’Italia. Und ist nicht der Gefangenenchor aus «Nabucco» die ei­gentliche Hymne dieser ro­man­tischen Kul­turnation, die 1861 ihre Einheit fand?

Im Fahrwasser dieser kulturellen Nations-Werdung erzählten auch deutsche Autoren ihrer Leserschaft gern das Schauermärchen von todesmutigen Briganten im Rothemd (Ricarda Huch: «Die Geschichten von Ga­ri­baldi»), vom melancholischen Maestro, der seiner Nation dieselbe staatstragende Musik schenken möchte, wie Wagner das für die Deutschen geschafft hat (Franz Werfel: «Verdi»), vom irgendwie putzigen Selbstdarsteller-Völkchen, das vor lauter Familienintrige und Fremdgehen die große Weltgeschichte aus den Augen verliert (Heinrich Mann: «Die kleine Stadt»).

In Deutschland hat die Geschichtsschreibung diese schöne, aber krude Erzählung des «Risorgimento» als Melodram längst zurechtgerückt. Verdi hatte als Komponist für die paar Prozent Opern­publikum weniger Einfluss auf den Gang der Dinge als namenlose Turiner Diplomaten und Generäle, die ihren Monarchen Vittorio Emanuele auf den italienischen Thron hieven konnten. Zwar kamen Venedig, der Kirchenstaat, Trient und Triest erst sukzessive bis 1918 zum Gesamtstaat hinzu, doch feiern die Italiener nichtsdesto­trotz ihre anderthalb Jahrhunderte Nationalgeschichte dieses Jahr mit gewissem Stolz und ohne allzu chauvinistische Töne. Sollen sie sich wegen Berlusconi schämen, Italiener zu sein?

Es wäre – ähnlich wie bei Bismarcks Preußenreich – allerdings kompliziert, diesen späten Staat als eine einzige Erfolgsgeschichte zu feiern. Italien bescherte den Italienern eine verhängnisvolle Kolonialgeschichte in Libyen und Abessinien, brachte als eines der ersten Länder nach dem Ersten Weltkrieg einen faschistischen Diktator an die Macht und entledigte sich dieses Mussolini erst nach einem blutigen Bürgerkrieg im Fahrwasser der deutschen Invasion von 1943. Erst danach konnte eine – wie in Deutschland – von außen installierte Demokratie im wichtigsten Kulturland des Planeten Fuß fassen. Doch manches Manko der Einigung wirkt bis heute nach: Italien blieb länger eine rückständige Agrar- und Auswanderer-Nation als alle mitteleuropäischen Konkurrenten. Der eklatante Unterschied zwischen dem ärmeren Mezzogiorno und dem heute industrialisierten und exportierenden Norden konnte auch durch Subventionen und Strukturhilfen nie überwunden werden.

 

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