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Kunst am Buch

von 
Thomas Kapielski
16. Oktober 2009
Von Neo Rauch gestaltete Buchumschläge
Kunst am Buch
Über die bestrickenden Buchumschläge des Malers Neo Rauch und die zu Unrecht diskreditierte «gebrochene Schrift»
Seite 1 von 2

Des Buchrückens Kehrseite, wusste Ernst Haeckel, Kenner der Kalkschwämme und Staatsquallen, sei bei Artefakten des Säugetieres eben nicht der Buchdeckel, sondern der Buchbauch. Diesen Buchwanst oder -wamp wohlfeist und ansehnlich zu gestalten, wusste Otto Eckmann, Gestalter des Dreifischsignets für den Fischer Verlag, sei Pflicht nicht nur des Schriftschneiders innen, sondern auch des Gebrauchskünstlers außen. Einst galt ja generell: Gute Typografen taugen gewöhnlich auch als Buchgestalter. (Und bisweilen sogar auch als Architekten und Gestalter und Formgeber, wie etwa Peter Behrens.)

Das Buch zu kleiden und schmücken, kamen im 20. Jahrhundert noch Künstler hinzu. In der frühen Zeit emphatischer Buchgestaltung hielten sie sich allesamt an die Maxime, welche Max Liebermann für Bücher so ausgab: Ihre «äußere Gestalt» habe sich «mit ihrem inneren Gehalt zu einem harmonischen Ganzen» zu vereinigen. Diesen genügsamen Grundsatz begrüßen wir und wollen ihn ewig gelten lassen! Selbst wenn es sich übel ausmacht: Denn lieber doch der Einband eines geblähten Buches ehrlich gedunsen als trügerisch schlicht.

In der Hand wäge ich gegen einen solch soliden Leitsatz die Bücher einer Reihe der Frankfurter Verlagsanstalt, deren Schutzumschläge der Künstler Neo Rauch entwirft. Er tut dies eigensinnig und stilgetreu und – hält sich an Liebermanns Grundsatz. Alle diese Bücher umhüllt er fern- wie nahsinnig, huldigend und wohl erwogen. Vom Verlag sind sie gut ausgestattet, fadengebunden. Fracht, die ich hier nicht bestellt bin zu kommentieren: «Roman» (Reich-Ranicki), einmal «Kurzware» (Kapielski). 

Mich wollen ja die Bilder Rauchs, nachdem ich sie lange argwöhnisch, ja, vorurteilsbehaftet schaute, zunehmend bestricken; seine Verächter indes kommen mir anschwellend anrüchig und unlauter vor. Meist kommen sie aus den Reihen der Konkurrenz, der noch herrschenden, ungegenständlichen Gesellschaft, welcher es gelegentlich an Vornehmheit mangelt; da geht es bestenfalls um Richtung, ansonsten um Neid, Posten, Geld. Das böse Urteil über Rauchs Werk, es sei «neokonservativ», ist so billig wie die Mutmaßung, Neo Rauch werde alsbald und hoffentlich «verrauchen»; hier geht es um Weltanschauung, Ranküne, Tugendwacht.
 
Gesinnungsurteile müssen allweil achtsam stimmen! Wer Künstler, Biermarken, Moden, Zeitschriften oder Imbissketten wohlfeil niederhalten oder beseitigen möchte, wird heute zuallererst untersuchen oder einfach forsch proben, ob den ausgesuchten Feinden der Tadel des Konservativen, Reaktionären oder gar Rechten anzuheften sei. Das klappt meist ganz gut und macht wenig Geistesmühe.
 
Für den Namen der Autoren auf der von ihm besorgten Buchreihe wählte Rauch eine serifenlose Antiqua (Helvetica), für die Buchtitel meist eine gotische Textur. Hier wähnt der Sittenwächter schon altdeutsche Reaktion. Und irrt gewaltig: Die gotische oder deutsche Schrift, die altherkömmliche, von Kleist, Kant, Goethe und Marx gebrauchte und genau «gebrochene Schrift» heißende, handgeschrieben genau «Kurrentschrift» (falsch «Sütterlin») und im Satz meist «Fraktur» genannte Schrift, wurde am 3. Januar 1941 auf Befehl Hitlers per Erlass Martin Bormanns als «Schwabacher Judenletter» verleumdet und verboten. Angeordnet wurde, anstelle der gebrochenen künftig runde Schriften zu benutzen: Als «Normalschrift» habe fortan die Antiqua zu gelten.

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