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Salon

Streit um Berliner GemäldegalerieKulturkampf mal anders

Von Monika Grütters9. Juli 2012
picture alliance
Gemäldegalerie Berlin, Streit, Klassische Moderne, Alte Meister, Kulturkampf, Sammlung Pietzsch, Hermann Parzinger
Müssen Rubens & Co bald den Werken des 20. Jahrhunderts weichen?
Schrift:

Seit Tagen wütet im deutschen Feuilleton der Streit um die Berliner Gemäldegalerie: Da gibt der Bund schon mal zehn Millionen Euro für die Kultur – und erntet nur Empörung. Die Sache droht aus dem Ruder zu laufen, meint Monika Grütters, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien

Seite 1 von 2

Die gute Nachricht zuerst: Wir alle lieben die Alten Meister, und auf einmal sind sie sogar das Top-Thema der Feuilletons. Die schlechte Nachricht: Um die Alten Meister ist ein Kulturkampf entbrannt, der verbal und in der Sache völlig aus dem Ruder zu laufen droht. Die Tonlage der Debatte ist einfach zu schrill, die Verteidigung der Alten Meister schießt über ihr eigenes Ziel hinaus. Was ist eigentlich los in der Kunstwelt? Der Bund stellt zehn Millionen Euro für die Kunstsammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Verfügung – und erntet prompt breite Empörung. In einer teilweise bösen Polemik überbietet sich das deutsche Feuilleton in Kritik. Von „schlechtem Aprilscherz“ bis „barbarischer Akt“ reicht das Spektrum der freundlichen Kommentare. Museumsdirektoren könnten als „große Kulturschänder in die Museumsgeschichte eingehen“.

Da muss man sich auf einmal für etwas rechtfertigen, das nicht nur in bester Absicht, sondern vor allem in Folge längst bekannter Planungen angestoßen wird: Die Gemäldegalerie am Kulturforum soll umgebaut werden zu einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“. Sie ist von ihrer Fläche her geeignet, sowohl die eigenen Sammlungen der Nationalgalerie als auch die dazu gehörigen Teile der Sammlung Marx aus dem Hamburger Bahnhof und die Sammlung Pietzsch aufzunehmen. Unter dem Oberbegriff „Von Brücke bis Beuys“ würde hier ein Museum entstehen, das nach Ansicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dem MOMA New York ebenbürtig wäre und die Tate Modern in London klar überträfe. 

[gallery:Streitfall Moderne - Heiner Pietzsch zeigt seine Sammlung]

Die gesamte Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts mit all seinen politischen und in der Folge künstlerischen Brüchen würde an ein und demselben Ort mit herausragenden Sammlungen erfahrbar und verstehbar werden. Dieser erste Schritt soll mit den jetzt vom Deutschen Bundestag  bewilligten zehn Millionen Euro eingeleitet werden. Und statt sich darüber zu freuen, dass der Bund einmal mehr in einem Nachtragshaushalt Gelder für die Kunst und einmal mehr für Berlin zur Verfügung stellt, gellen laute Zweifel durch den Blätterwald, ob denn nach dem ersten auch der zweite Schritt zur Vollendung des dazugehörigen Masterplanes der Stiftung erfolge.

Abgesehen davon, dass  in den wenigsten Beiträgen die Politik oder auch die Staatlichen Museen zitiert werden, die diese Frage ja beantworten könnten, sind die pauschalen Zweifel an dieser Stelle überhaupt nicht begründbar – im Gegenteil: Der Bund hat für die Baumaßnahmen auf der Museumsinsel ein Gesamtvolumen von 1,38 Milliarden Euro beschlossen, wovon bis heute bereits mehr als eine halbe Milliarde geflossen ist. Viele der Vorhaben hat der Bund früher und großzügiger als ursprünglich geplant umgesetzt. Woher kommt also das geballte Misstrauen daran, dass dies nicht mindestens im selben Maße für die nächsten Schritte und das heißt ja auch für die Alten Meister gilt?

Die überschwängliche Begeisterung für die Gemäldegalerie und ihre Sammlung am Kulturforum jetzt ist schön – aber wo war sie vorher? Wir alle hätten uns über eine solch breite öffentliche Unterstützung in den vergangenen Jahren gefreut, denn dann wären vielleicht ein paar Besucher mehr gekommen. Die Wahrheit aber ist, dass das gesamte Berliner Kulturforum mit Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek im Jahr 2011 zusammen auf  277.000 Besucher kam, während die Gemäldegalerie Alter Meister in Dresden allein mit 569.583 mehr als doppelt so viele Begeisterte anzog.

Lesen Sie weiter, warum die Angst der Gemäldefreunde sympathisch, aber nicht berechtigt ist...

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Zwei Fragen an Frau Grütters

1. Warum hält man nicht die offensichtlich vernünftige Reihenfolge ein: 1. Erweiterungsbau an der Museumsinsel, dann 2. Auszug der Gemäldegalerie und Einzug des Museums des 20. Jahrhunderts. Dann hätte keine Museum Nachteile im Vergleich zum jetzigen Zustand und am Ende würden ALLE gewinnen. Für die 100 Bilder Sammlung Pietzsch, die ja dem Land Berlin gehören, sollte Berlin doch leicht eine temporäre Lösung finden.

2. Zum Hinweis, sinngemäß: "Was reget man sich so auf? Wegen der Sanierung des Pergamonmuseums kann der Pergamonaltar auch eine Weile nicht besichtigt werden". Wie kann man ernsthaft eine zeitlich geplante und begrenzte Einschränkung wegen notwendiger Sanierung vergleichen mit dem zeitlich völlig unkalkulierbaren Hazardspiel ohne Not, das die Stiftung mit den Alten Meistern spielt.

Eine Hoffnung besteht allerdings: Wenn Frau Grütters und Herr Parzinger (in der Welt vom 21.6.) zu solchen Winkeladvokaten-Argumenten greifen, ist klar, dass sie keine zugkräftigen Argumente haben.

  • Antworten
Wolfgang Guelcker09.07.2012 | 15:30 Uhr

"Kulturkampf mal anders"

Die Argumentation von Monika Grütters möchte ich kritisch würdigen:
Die Absicht lautet, dass die zu schaffende Galerie des 20. Jahrhunderts ein Museum werden soll, welches dem „MoMA New York ebenbürtig (ist) und die Tate Modern London klar überträfe.“ Soviel Bescheidenheit kennt man von Berlin: Mindestens das Größte von allem!
„Pauschale Zweifel sind nicht begründbar“?? Die Zweifel sind konkret, es gibt keine Planung für einen Erweiterungsbau der Gemäldegalerie gegenüber des Bodemuseums, die vermutlich nötigen Mittel von 150 Mio. € sind nirgends eigestellt, es gibt keinen Zeitrahmen (in Rede stehen Kommentare von „deutlich nach 2018“ oder auch 2022). Ja, woher kommt das Mißtrauen?
Cui bono, wem nützt es? Der kriminalistische Grundsatz hilft hier vielleicht weiter. Und es stößt tatsächlich “bitter auf“ nur das es genau umgekehrt ist: Die alten Meister werden gegen die klassische Moderne ausgespielt, um nicht zu sagen ausgetrickst, denn durch den trickreichen Schenkungsakt der Familie Pietzsch ist diese Lawine/Rochade erst ins Rutschen gekommen.
„Die Abwanderung des Schatzes“, dessen Wert jede Woche höher taxiert wird und in der letzten Woche noch bei 150 Mio. lag, ist nicht sehr wahrscheinlich, da die Schenkung doch nur in Berlin, dem Wohnort des Schenkenden, steuermindernd wirkt, zumal ja auch die Bedingung der permanenten Zurschaustellung erfüllt werden muss. An dieser Stelle macht sich das Land Berlin mit 10 Bundesmillionen einen schlanken Fuß, indem es die Schenkung der Preußenstiftung nebst den damit verbundenen Auflagen überhilft.
Zu guter Letzt rät der Fuchs der Gans zur „Mäßigung“ des schrillen Tones ihrer „selbstgerechten Position“ und fordert „die Meinung internationaler Experten“ ein. Sie meint wohl nicht die Petition von Jeffrey Hamburger, Harvard, an den Präsidenten der Stiftung, die bereits über 6.000 Unterzeichner hat und wohl schon gar nicht den offenen Brief des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker, den schon über 4.200 Personen aus dem In- und Ausland unterschrieben haben.
Ronald Berg schreibt in der taz vom 6.7.12 über den „gegenwärtigen Trend zum Museum als Eventmaschine und Touristenfalle.“ Dass nun gar die zeitliche Begrenzung (der Deponierung??) den Vorteil eines Events haben soll, klingt naiv, wenn nicht zynisch.
Und ganz zum Ende reizt der treuherzige Satz:“Auch Kulturpolitiker (...) wissen, was sie tun“ sehr die Lachmuskeln. Wenn man das schon explizit erwähnen muss, nährt es doch stark den Verdacht auf das Gegenteil.

  • Antworten
Axel Hollmann09.07.2012 | 20:52 Uhr

10 Millionen: Freigabe oder qualifizierte Sperre

Es stimmt doch nicht, Frau Grütters, dass der Bundestag die 10 Millionen freigegeben hat, sie sind doch wohl "qualifiziert gesperrt" (s.u.).

Da niemand die Bürger darüber aufklärt, was das konkret bedeutet, kann ich noch hoffen, dass verantwortungsbewusste Abgeordnete des Haushaltsausschusses die Sperre NICHT aufheben. Denn die Freigabe hätte wie das Amen in der Kirche die folgende Forderung zur Folge: Jetzt, liebe Abgeordnete, müsst ihr natürlich Schritt 2 tun und die mehr als 150 Millionen für den Erweiterungsbau zur Verfügung stellen. Denn seht, wie schrecklich es den armen Alten Meistern durch euren Beschluss im Sommer 2012 über 10 Millionen geht.

Das wird auch gestützt durch die Aussagen von Herrn Pietzsch am 10.7. in der FAZ:
Das was die Stiftung mit den Alten Meistern vorhabe, sei zwar schmerzlich, aber man müsse eben Druck aufbauen. Mit dem Vorwurf der Erpressung könne er leben.

zur Sperre:
Der Bundestag hat am 14.6. den Gesetzentwurf nur "in der vom Haushaltsausschuss geänderten Fassung (17/9650, 17/9651) angenommen."

Und in Drucksache 17/9651 kann man lesen: "Die zusätzlichen Mittel in Höhe von 10,0 Mio. Euro zur Verstärkung des Bautitels der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Aufnahme der Sammlung Pietzsch wurden durch einen neu ausgebrachten Haushaltsvermerk qualifiziert gesperrt."

  • Antworten
Wolfgang Guelcker11.07.2012 | 09:42 Uhr

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