Seit Tagen wütet im deutschen Feuilleton der Streit um die Berliner Gemäldegalerie: Da gibt der Bund schon mal zehn Millionen Euro für die Kultur – und erntet nur Empörung. Die Sache droht aus dem Ruder zu laufen, meint Monika Grütters, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien
Die gute Nachricht zuerst: Wir alle lieben die Alten Meister, und auf einmal sind sie sogar das Top-Thema der Feuilletons. Die schlechte Nachricht: Um die Alten Meister ist ein Kulturkampf entbrannt, der verbal und in der Sache völlig aus dem Ruder zu laufen droht. Die Tonlage der Debatte ist einfach zu schrill, die Verteidigung der Alten Meister schießt über ihr eigenes Ziel hinaus. Was ist eigentlich los in der Kunstwelt? Der Bund stellt zehn Millionen Euro für die Kunstsammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Verfügung – und erntet prompt breite Empörung. In einer teilweise bösen Polemik überbietet sich das deutsche Feuilleton in Kritik. Von „schlechtem Aprilscherz“ bis „barbarischer Akt“ reicht das Spektrum der freundlichen Kommentare. Museumsdirektoren könnten als „große Kulturschänder in die Museumsgeschichte eingehen“.
Da
muss man sich auf einmal für etwas rechtfertigen, das nicht nur in
bester Absicht, sondern vor allem in Folge längst bekannter
Planungen angestoßen wird: Die Gemäldegalerie am Kulturforum
soll umgebaut werden zu einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“. Sie
ist von ihrer Fläche her geeignet, sowohl die eigenen Sammlungen
der Nationalgalerie als auch die dazu gehörigen Teile der Sammlung
Marx aus dem Hamburger Bahnhof und die Sammlung Pietzsch
aufzunehmen. Unter dem Oberbegriff „Von Brücke bis Beuys“ würde
hier ein Museum entstehen, das nach Ansicht der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz dem MOMA New York ebenbürtig wäre und die
Tate Modern in London klar überträfe.
[gallery:Streitfall Moderne - Heiner Pietzsch zeigt seine Sammlung]
Die gesamte Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts mit all seinen politischen und in der Folge künstlerischen Brüchen würde an ein und demselben Ort mit herausragenden Sammlungen erfahrbar und verstehbar werden. Dieser erste Schritt soll mit den jetzt vom Deutschen Bundestag bewilligten zehn Millionen Euro eingeleitet werden. Und statt sich darüber zu freuen, dass der Bund einmal mehr in einem Nachtragshaushalt Gelder für die Kunst und einmal mehr für Berlin zur Verfügung stellt, gellen laute Zweifel durch den Blätterwald, ob denn nach dem ersten auch der zweite Schritt zur Vollendung des dazugehörigen Masterplanes der Stiftung erfolge.
Abgesehen davon, dass in den wenigsten Beiträgen die Politik oder auch die Staatlichen Museen zitiert werden, die diese Frage ja beantworten könnten, sind die pauschalen Zweifel an dieser Stelle überhaupt nicht begründbar – im Gegenteil: Der Bund hat für die Baumaßnahmen auf der Museumsinsel ein Gesamtvolumen von 1,38 Milliarden Euro beschlossen, wovon bis heute bereits mehr als eine halbe Milliarde geflossen ist. Viele der Vorhaben hat der Bund früher und großzügiger als ursprünglich geplant umgesetzt. Woher kommt also das geballte Misstrauen daran, dass dies nicht mindestens im selben Maße für die nächsten Schritte und das heißt ja auch für die Alten Meister gilt?
Die überschwängliche Begeisterung für die Gemäldegalerie und ihre Sammlung am Kulturforum jetzt ist schön – aber wo war sie vorher? Wir alle hätten uns über eine solch breite öffentliche Unterstützung in den vergangenen Jahren gefreut, denn dann wären vielleicht ein paar Besucher mehr gekommen. Die Wahrheit aber ist, dass das gesamte Berliner Kulturforum mit Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek im Jahr 2011 zusammen auf 277.000 Besucher kam, während die Gemäldegalerie Alter Meister in Dresden allein mit 569.583 mehr als doppelt so viele Begeisterte anzog.
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