Kultur und Irrglaube - Integration geht nicht ohne Assimilation

Kolumne Grauzone: Kultur ist nicht austauschbar. Sie ist eine Lebensweise, die wir seit der frühesten Kindheit verinnerlicht haben. Sie lässt sich nicht durch ein paar Kurse oder Seminare prägen oder gar abändern

Während eines Integrationskurses in Leipzig üben die Teilnehmer mit der Dozentin übliche Begrüßungsformen.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Integration heißt das Zauberwort der Stunde. Viele deutsche Politiker haben in den vergangenen Tagen mehr Kursangebote gefordert. Zum Beispiel Julia Klöckner: Stellvertretend für viele andere forderte sie nach den Vorkommnissen in Köln und anderen Städten nicht nur eine Integrationspflicht für Einwanderer, sondern auch eine Verdopplung der Zahl der Integrationskurse.

Ist das ein Ausdruck von Hilflosigkeit? Oder Blauäugigkeit? Meinen Deutschlands führende Politiker wirklich, der Besuch irgendeiner Integrationsveranstaltung könnte kulturelle Prägungen, überlieferte Mentalitäten und verinnerlichte Sozialrollen nachhaltig abändern? Glaubt man tatsächlich, ein Ethikseminar sei eine Art kulturelle Reset-Taste? Ein normatives Update? Ganz offensichtlich. Und diese treuherzige Haltung ist gefährlich. Denn sie offenbart eine naive und zugleich verquere Vorstellung von Kultur und ihrer Prägekraft.

Über Jahrzehnte verinnerlicht
 

Kultur, so denkt man offensichtlich in Deutschlands Regierungsbehörden, ist etwas, was man von heute auf morgen ablegen oder verändern kann. Kultur, so scheint man zu glauben, ist etwas Austauschbares, etwas, das man erklärt bekommt und an das man sich dann hält. Kultur, so die offizielle Lesart, ist etwas Verstandesmäßiges, das Argumenten zugänglich ist und in eine Handvoll Regeln gepackt werden kann, nach denen sich dann alle richten. So als sei Kultur im Kern eine Kopfsache und alles, was mit Emotionen und tief eingeschliffenen Verhaltensmustern zu tun hat, lediglich Folklore.

Doch Kultur ist etwas anders. Kultur ist weder mit Kunst zu verwechseln noch mit Ethik. Kultur ist eine Lebensweise. Und weil sie das ist, ist sie alles andere, nur eben keine Verstandssache. Kultur kann man nicht in einem Integrationskurs erlernen oder in einem Ethikseminar. Man verinnerlicht sie über Jahre und Jahrzehnte, von der frühesten Kindheit an. Man erfasst sie über die kindliche Sozialisation, über die Vorbilder im eigenen Elternhaus, über Rollenmuster und Rituale, über Feste und alltägliche Erfahrungen, auf der Straße, in der Kneipe, im Supermarkt.

Kultur schleift sich tief in das Unbewusste des menschlichen Verhaltens ein. Einmal ausgeprägt, ist es unendlich schwer, sich von ihr zu distanzieren. Man legt sie nicht ab wie ein altes Kleidungsstück, das man bei Bedarf durch ein anderes austauscht.

Tiefengrammatik der menschlichen Existenz
 

Ob wir es wollen oder nicht: Wir alle sind bestimmt durch die Kultur, in der wir groß geworden sind, sei sie protestantisch, katholisch, bürgerlich, hanseatisch oder schwäbisch. Kultur ist die Tiefengrammatik unserer Existenz, unseres Denkens und Handelns.

Diese Prägekraft des Kulturellen wird von den Integrationseuphorikern geflissentlich übersehen. Ihr Kulturbegriff fußt im Kern auf der idealistischen Kulturvorstellung der deutschen Klassik und der Aufklärung. In ihr ist Kultur das Schöne, Wahre und Gute, eine überhöhte Sphäre allgemeinmenschlicher Normativität, die nichts mit der Alltagskultur zu tun hat, sondern zu der man den Menschen erziehen kann und erziehen muss.

Diese abgehobene, ideale „Kultur“ hat mit der menschlichen Existenz wenig zu tun. Sie ist eine intellektuelle Konstruktion. Sie übersieht, dass die menschliche Prägung, das Ideale, Wunschbilder und soziale Rollen irrational vermittelt und zutiefst emotional eingeschrieben und wirkmächtig sind. Man kann Menschen (zum Glück) nicht einfach umerziehen und sie leichterhand in eine andere Lebenswelt und Mentalität eingliedern.

Integration durch eingefühlte Alltagskultur
 

Der gesamte Integrationsbegriff gründet auf der falschen Vorstellung, es gäbe zwei Formen der Kultur: eine zu vernachlässigende Alltagskultur und eine höhere, argumentativ zugängliche Normenkultur, die sich auf jede mögliche Alltagskultur gleichsam aufpfropfen lässt.

So funktioniert das nicht. Es ist die Alltagskultur, in der Normen und Werte eincodiert sind. Sie bestimmt das Handeln der Menschen. Sie bestimmt, was sie wertschätzen, lieben, ablehnen oder verachten. Denn die in die Alltagskultur eingewebten Werte und Normen sind an Gefühle gebunden, an Stolz und Liebe, an Abneigung und Hass. Und Gefühle ändert man nicht von heute auf morgen. Schon gar nicht in gut gemeinten Kursen und mithilfe gewitzter Pädagogik. Der Mensch ist kein Computer, auf den man eben mal ein neues Betriebssystem installiert.

Deshalb werden viele der wohlgemeinten Integrationsbemühungen scheitern. Integration kann nur dann gelingen, wenn der sich Integrierende umfassend in die neue Alltagskultur einlebt und einfühlt. Kurz: Integration ist ohne Assimilation im Grunde nicht zu haben.

Die Vorstellung, dass es ausreicht, Einwanderern aus weit entfernten Lebenswelten ein paar Benimmregeln an die Hand zu geben, muss scheitern. Ebenso wie das Konzept der Multikulturalität, das auch nur funktioniert, wenn man unter Kultur sinnentleertes Brauchtum versteht.

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