Krömer vs. Matussek

Kunst kommt von Können, nicht von Kotzen

Kurt Krömer verleumdet in seiner neuen Samstagabendsendung eingeladene Gäste und bedient Vorurteile. Damit ist die Grenze der Kunstfreiheit erreicht

Kurt Krömer und Matthias Matussek
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Das letzte Mal, als ich etwas von dem Komiker Kurt Krömer hörte, starrte er mich an. Sein Gesicht prangte auf einem riesigen Plakat in der S-Bahn-Station. Er schaute ernst. Daneben stand zu lesen, „Ich bin Jude – wenn du was gegen Juden hast.“ Darunter wurde erklärt: „Mein Name ist Kurt Krömer, und ich zeige Gesicht: für Respekt, für ein weltoffenes Deutschland und für deine Würde.“ Das ist vier Monate her.

Nun höre ich: Der Mann, der sich Kurt Krömer nennt, hat einen Journalisten, weil dieser ein Journalist ist, ein „hinterfotziges Arschloch“ genannt. Der Mann, der sich Kurt Krömer nennt, teilt also, durchaus populistisch, das Vorurteil über einen schlecht beleumundeten Berufsstand. Einmal soll ihn eine Journalistin, sagte Krömer in einem Interview, aufgrund eines „Lacoste-Shirts“, das er trug, als „Voll-Yuppie“ dargestellt haben. Solchen „echten Schwachsinn“ will das Arbeiterkind aus Neukölln sich nicht bieten lassen. Seitdem ist es verboten, über Krömers private Klamotten zu schreiben. Sonst gibt er keine Interviews.

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Außerdem höre ich, derselbe in der Aufzeichnung der „Krömer Late Night Show“ bepöbelte Journalist, Matthias Matussek vom „Spiegel“, musste sich dort mehrfach als „Puffgänger“ titulieren lassen. Krömer übertrug die angeblich übliche Praxis – „macht doch jeder“ – auf das Sexualverhalten des Journalisten. Obwohl Matussek zuvor explizit gesagt hatte, er, Matussek, teile diese Vorliebe nicht. Krömer aber ließ nicht davon ab, das Verneinte ins Gegenteil zu drehen. Matussek will jetzt auf gerichtlichem Weg erreichen, dass sein Auftritt vor der Ausstrahlung herausgeschnitten wird. Die ARD hingegen beruft sich auf die Kunstfreiheit. Der Mann, der sich Krömer nennt, mache ein „satirisches Format“. Aber darf Kunst alles? Ist in der Satire alles erlaubt?

Auch der bildende Künstler Jonathan Meese beruft sich derzeit vor Gericht auf die Kunstfreiheit. Er zeigte öffentlich den Hitler-Gruß, will die Geste aber als künstlerische Tat der Kunstfigur „Jonathan Meese“ verstanden wissen, die mit dem Staatsbürger Meese nichts zu tun habe. Krömer hingegen heißt zwar Alexander Bojcan, beharrt aber darauf, es gebe „keinen Unterschied“, Krömer sei „keine Kunstfigur, sondern eher ein Clown“.

Clowns jedoch wissen wie der Plakat-Krömer und ganz im Gegensatz zum Fernseh-Krömer, dass Respekt und Würde am Anfang aller Kunst stehen. Der Fernseh-Krömer ist ein Dauerpöbler mit Fistelstimme, der Vulgarität als Anarchie ausgibt. Wenn er – gewiss abgesprochen – den Rapper Sido eine „alte Cracknutte“ nennt, bedient er werbefreundlich das Image, das Rapper pflegen. Wenn der Fernseh-Krömer seinen Gästen aus Politik oder Show derbe über den Mund fährt, erfüllt er ebenfalls die Verabredung: Ich quäle dich ein bisschen, Renate Künast, dafür kommst du total locker rüber.

Seine „Show“ passt perfekt in die mediale Verwertungskette. Jedes hinausgeplärrte „Spinnt ihr alle, oder watt?“ adelt die Gäste, die sich diesen Quark antun. Mit Kunst hat das insofern zu tun, als der Fernseh-Krömer sich für einen komischen Künstler hält und er einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gefunden hat, der Proletentum als Ausdruck von Jugendkultur abfeiert.

Kunst darf sehr viel, glücklicherweise. Fast alles muss ihr erlaubt sein. Sie kann nur in Freiheit gedeihen, deren Raum wiederum wächst, wo immer Kunst sich austobt. Kollateralschäden wie – um einen weiteren Kunstscharlatan zu nennen – Hermann Nitsch, der Tiere auf der Bühne schlachtet, sind unvermeidlich. Die Grenze wäre erreicht, wenn Nitsch Menschen schlachtete. Und die Grenze ist da erreicht, wo ein Fernsehkomiker privat für Respekt und Würde wirbt, in seiner Show aber populistisch Vorurteile bedient und einen Gast verleumdet. Natürlich, wer zum Vorstadtproll sich begibt, darf keine Schonung erwarten, kein Kulturgespräch, kein Plauderstündchen. Krömers Programm ist der Rundumschlag, das Trommelfeuer der Beleidigung. Gerade so hat er vermutlich gute Chancen, 2017 das Rededuell vor der Bundestagswahl zu moderieren.

Nie aber kann es statthaft sein, einem anderen Menschen mehrfach ein Etikett anzuheften, das dieser explizit verneint. Satire meint das Aufbrechen, nicht das Bestätigen von Vorurteilen. Kunst kommt von Können, nicht von Kotzen. Pardon.

Mit Krömer kam es nun so, wie es ein anderes Mitglied der geschmähten Kritikerkaste voraussah. Benjamin Henrichs schrieb 2007 in der „Süddeutschen Zeitung“, der Fernseh-Krömer könne, „für ein paar Augenblicke jedenfalls, ziemlich unheimlich werden.“ Dann erkenne man „im netten Mann von nebenan den aggressiven Schwerneurotiker, den gut getarnten Amokläufer (...). Gut jedenfalls, wenn wir ihn nicht im Treppenhaus treffen!“

 

 

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