Guy Deslisle ist ein franko-kanadischer Comic-Reporter. Aus Jerusalem berichtet er vom beinahe unmöglichen Zusammenleben der Religiösen
Ein Jahr lang, von Sommer 2008 bis Sommer 2009, hat der frankokanadische Comiczeichner Guy Delisle in Jerusalem gewohnt; ein Jahr lang ist er als zeichnender Flaneur durch die Stadtviertel, Straßen, Cafés und die Gotteshäuser der Heiligen Stadt gewandert. Er hat den Tempelberg besucht und die Grabeskirche, er war an der Klagemauer und an der Betonmauer, die Israel von den palästinensisch regierten Gebieten trennt. Er ist nach Ramallah gereist und hat mit arabischen Studenten gesprochen; auch eine von Siedlern organisierte Bustour durch die Wüste hat er nicht ausgelassen.
Vor allem aber hat er versucht, in dieser für ihn fremden Welt den normalen Alltag eines Hausmanns zu organisieren. Seine Frau Nadège arbeitet im Gaza-Streifen für die Organisation «Ärzte ohne Grenzen». Guy Delisle sitzt unterdessen in ihrer Wohnung im Ostteil Jerusalems, bringt die beiden Kinder zur Kita und zur Schule, führt den Haushalt – und scheitert zum Beispiel fortwährend daran, dass die Geschäfte, in denen er einkaufen will, gerade wieder wegen irgendeines religiösen Feiertages geschlossen sind. Denn so viele Religionen stoßen in Jerusalem aufeinander, dass immer bei irgendwem Feiertag ist. Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss den Zorn der Strenggläubigen fürchten – gleich ob Juden, Araber oder Christen.
Was finden die Menschen bloß an all diesen Kulten? Dem Atheisten Delisle erscheinen die Religionen vor allem als endloser Reigen befremdlicher Beschränkungen: Hier dürfen Männer nicht mit Frauen tanzen, dort darf kein Alkohol getrunken werden oder nur – wie bei den orthodoxen Juden – einmal im Jahr; ganz zu schweigen von den unübersichtlichen Ge- und Verboten zur Aufnahme von Lebensmitteln. Für den Außenstehenden ist es fast unmöglich vorherzusehen, wer gerade wieder und wieso in seinen religiösen Gefühlen gekränkt worden sein könnte. Als Delisle am Jom Kippur durch die menschenleeren Straßen streift, erinnert ihn Jerusalem in seiner verkniffenen Freudlosigkeit an das nordkoreanische Pjöngjang.
Auch dort hat er schon gezeichnet: Nach Berichten aus Pjöngjang, der chinesischen Boomstadt Shenzhen sowie aus Birma (vgl. Literaturen 04/09), ist «Aufzeichnungen aus Jerusalem» bereits seine vierte Comic- Reportage. In Nordkorea und China war er als Regisseur tätig; für das kanadische Fernsehen leitete er Trickfilmproduktionen in Niedriglohnländern. Nach Jerusalem und Birma ist er, wie gesagt, als Begleiter seiner Frau gekommen. Vielleicht sind diese letzten beiden Comics gerade deswegen noch lebendiger und lustiger, am Ende aber auch bitterer und berührender geworden. Denn aus der Perspektive des Hausmanns gelingt Delisle die Schilderung des Alltags noch präziser als in seinen früheren Werken. Er entwickelt das große historische und politische Drama dabei stets aus kurzen Reportage-Kapiteln heraus. In den manchmal so drollig erscheinenden Skurrilitäten der Jerusalemer Gesellschaft kommt immer wieder – und darin liegt die Größe dieses Erzählens – der Keim des alles vergiftenden Hasses zum Vorschein.











