Konzertabbruch in der Kölner Philharmonie - Die gefährliche Seite der Bürgerlichkeit

Am vergangenen Sonntag musste ein Konzert des iranischen Cembalisten Mahan Esfahani in der Kölner Philharmonie abgebrochen werden. Die englische Anmoderation und die Modernität des vorgetragenen Stückes riefen Pfiffe aus dem Publikum hervor. Das weckt ungute Erinnerungen

Deutsche Grammophon/Bernhard Musil

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist sowie Autor und wohnt in Berlin. Seine Bücher, „Das Demokratische Weinbuch“ und „Der kulinarische Notfallkoffer“, sind beim Mondo Verlag Heidelberg erschienen. Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Die Außenwahrnehmung Kölns war lange Zeit eher positiv besetzt. Dem Bild der rheinischen Karnevalsmetropole mit ausgeprägter Toleranz für schwul-lesbischen Lifestyle konnten selbst gelegentliche Berichte über die Bau- und Korruptionsskandale des berüchtigten „Kölschen Klüngels“ und Eskapaden des mächtigen einheimischen Klerus wenig anhaben.

Doch seit einiger Zeit sorgt die Domstadt für regelrechte Horrormeldungen. Es begann am 17.Oktober mit der fast tödlichen Messerattacke eines bekennenden Rassisten auf die „zu flüchtlingsfreundliche“ CDU-Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl, Henriette Reker. Und nach der Silvesternacht gingen bis dahin unvorstellbare Bilder und Berichte um die Welt: Ein enthemmter Mob – darunter viele Migranten aus Nordafrika – hatte Hunderte von Frauen mitten in der Stadt und unbehelligt von der Polizei bestehlen und massiv sexuell bedrängen können.

„Sprechen Sie gefälligst Deutsch!“
 

Ein Mob der anderen Art – deutsch und in Abendgarderobe gewandet – machte dann am vergangenen Sonntag von sich reden. Nicht alkoholisiert auf der Domplatte oder vor einer Flüchtlingsunterkunft, sondern in der Kölner Philharmonie. Das national und international renommierte Ensemble „Concerto Köln“ bot ein Programm mit Orchesterwerken von Johann Sebastian Bach und seinem Sohn Carl Philipp Emanuel sowie kleineren Werken einiger moderner Komponisten. Solist war der iranische Cembalist Mahan Esfahani. Schon bei seiner englischsprachigen Anmoderation für das sicherlich gewöhnungsbedürftige Werk „Piano Phase“ des Minimal-Music-Pioniers Steve Reich wurde der Musiker aus dem Publikum lautstark angepöbelt („Sprechen Sie gefälligst Deutsch!“). Die Aufführung des Stückes selbst musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden, erzwungen durch lautstark johlende und pfeifende Besucher. „Wovor habt ihr Angst?“ fragte der fassungslose Musiker die Nicht-Zuhörer und erwähnte, dass er aus einem Land komme, in dem derartige Musik von den Machthabern verboten sei. Doch er wurde weiter niedergebrüllt.

Nun ist die Biedermeier-Mentalität vieler regelmäßiger Konzertbesucher kein neues Phänomen. Es gibt ein weit verbreitetes Verständnis „deutscher Hochkultur“ und „klassischer Musik“, das vielleicht bei Bach beginnt, bei Mozart, Schubert, Schumann und Beethoven weitergeht und bei Brahms, Wagner und Mahler, aber spätestens bei Richard Strauss endet. Es erfordert Mut und Beharrlichkeit seitens der Intendanten und künstlerischen Leiter, diesem Publikum moderne Komponisten, die tradierte Hörgewohnheiten radikal in Frage stellen, oder historische Außenseiter wie Arnold Schönberg „zuzumuten“. Wenn sie es nicht täten, würde das gesamte Musikgeschehen alsbald in eine tödliche, museale Starre verfallen.  

Grundlagen der Kulturgeschichte
 

Ungewohntes kann verstörend wirken, soll es auch. Die gesamte Musikgeschichte ist von Komponisten geprägt, die sich in ihrer Zeit gegen erhebliche Widerstände durchsetzen mussten, da sie „gültige“ musikalische Prinzipien über den Haufen warfen. Auch sind lautstarke Missfallensbekundungen und Schmähkommentare bereits aus dem 18. und 19. Jahrhundert überliefert. Den NS-Ideologen war es dann vorbehalten, den Begriff der „entarteten Kunst“ zu etablieren, der sich in der Musik nicht nur auf jüdische Komponisten, sondern auf alles „Undeutsche“ bezog.

Man sollte glauben, dass ein aufgeklärtes Bürgertum diese Grundlagen der Kulturgeschichte kennt. Dass es bereit ist, (nicht nur) in Konzertsälen die Ohren zu öffnen und dem Neuen mit Neugier zu begegnen. Und sich ein Urteil zu bilden, das natürlich auch lauten kann, dass man mit dieser oder jener Musik nichts anfangen kann oder sie sogar als unangenehm empfindet. Man sollte erwarten, dass Kulturstätten wie die Kölner Philharmonie und Konzertreihen von Ensembles wie „Concerto Köln“, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Zuhörern neben der Pflege des Kulturerbes auch Einblicke in neue oder weitgehend unbekannte Entwicklungen anzubieten, ein Hort für Toleranz oder auch produktive Konfrontation sind. Doch am Sonntag wurde die Kölner Philharmonie „zu einem Ventil der gefährlichen Bürgerlichkeit, jener Biedermeier, die nur einen Anlass zur Brandstifterei suchen“, so der Musikwissenschaftler und Publizist Axel Brüggemann am Dienstag im Klassikmagazin crescendo.

Das „Volk“ begehrt auf
 

Es fällt schwer zu glauben, dass die Pöbelei gegen einen iranischen Musiker und die unverschämte Anmaßung, die Aufführung eines Werkes zu verhindern, nicht im Kontext des derzeitigen gesellschaftlichen Klimas in Deutschland stehen. Natürlich hat der Kölner Mob in Abendgarderobe nicht „Wir sind das Volk“ oder „Ausländer raus“ gebrüllt – aber in gewisser Weise genau das gemeint: Das „Volk“ – diesmal in Gestalt einiger Konzertbesucher – fühlt sich ermächtigt zu bestimmen, was in deutschen Konzerthallen gespielt werden darf und was nicht. Das „Volk“ verlangt von einem in England lebenden iranischen Musiker, ein Werk gefälligst auf Deutsch anzukündigen. Und dieses „Volk“ verweigert angesichts vermeintlich drohender „kultureller Überfremdung“ die Einhaltung einfachster Höflichkeits- und Anstandsregeln. Dazu noch mal Brüggemann: „Sollten die Bürger, die ihre Ohren zuhalten und ihre Mäuler aufreißen in Zukunft bestimmen, was an deutschen Philharmonien gespielt wird und welche Musik auf der Müllhalde des Entarteten landet, erreichen sie damit nur eines: das Ende jener Kulturnation, die Deutschland gerade deshalb geworden ist, weil seine Künstler immer wieder in die Welt gezogen sind, um mit offenen Ohren und offenen Augen neue Eindrücke in unsere Museen, Theater und Konzerthäuser zu bringen.“

Umso ermutigender die Reaktion des Intendanten der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort. Der kündigte einen Tag nach den skandalösen Vorfällen an, das Stück von Steve Reich erneut aufzuführen. Für das Kölner Kulturbürgertum könnte dies zum dringend notwendigen Lackmustest werden. Wobei nicht vergessen werden sollte: Köln kann derzeit überall in Deutschland sein.

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