Kirchentag - Heerschau aller Weinerlichen und Betroffenen

„Schon die Losung 'Soviel du brauchst', ließ keinen Zweifel daran, dass auch das diesjährige evangelische Kirchentreffen einmal mehr zu einem Hochfest der Rührseligen und Empörten werden würde.“ Eine Polemik zum Kirchentag in Hamburg

Endlich vorbei: Der Evangelische Kirchentag in Hamburg
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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Aus, vorbei, endlich. Wir haben es mal wieder überstanden. Natürlich nur für zwei Jahre. Denn dann droht er wieder: der Evangelische Kirchentag. Und vermutlich wird dann alles noch schlimmer werden, noch kitschiger und noch infantiler. Denn 2015 findet die zentrale Heerschau aller Weinerlichen, Betroffenen und Empfindsamen in Stuttgart statt, also im Mekka des württembergischen Pietismus, dessen Neigung zu Gefühligkeit, Sentimentalität und moralischer Entrüstung den idealen kulturellen Nährboden für jene ökosozialistischen Erlösungsphantasien bildet, deren neuheidnischer Ausdruck der Kirchentag in so penetranter Weise ist.

Daran, dass auch das diesjährige evangelische Laientreffen einmal mehr zu einem Hochfest der Rührseligen und Empörten werden würde, ließ schon die „Losung“ der Veranstaltung kein Zweifel: „Soviel Du brauchst“. Sollte tatsächlich unter den 116.000 gemeldeten Gästen jemand so schwer von Kapee gewesen sein, dass er nicht umgehend den penetranten Subtext aus Kapitalismuskritik, Nachhaltigkeitsrhetorik und Demutsmoral verstanden haben sollte, half die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs nach, sicherheitshalber gleich in „Leichter Sprache“: Unsere Erde sei aus der Balance. Ihr mache das Angst. „So viel Müll. So viel Ungerechtigkeit. So viel Bomben. So viel Gezocke. So viel Gewissenlosigkeit.“ Und damit es auch der Letzte versteht: „So viel – was kein Mensch braucht“.

Hier wird demonstrativ eine selige Einfalt zur Schau getragen, die jede reflektierte Auseinandersetzung mit der Realität schon als moralisch minderwertig brandmarkt. Wohl gemerkt: Keiner ist für Müll oder für Ungerechtigkeit, für Bomben schon gar nicht. Aber jedem halbwegs denkenden Menschen ist klar, dass mit diesen Affekten noch gar nichts gewonnen ist. Etwa weil immer mehr Menschen auf diesem Globus ihr Recht einklagen, ebenfalls Müll zu produzieren und der von vielen so verteufelte Kapitalismus ihnen auch endlich den Wohlstand dazu verschafft. Oder weil das Leben zum Glück kein Kindergeburtstag ist, bei dem man Gerechtigkeit dadurch herstellt, dass jeder gleich viele Smarties bekommt. Und auch zu Waffen und Krieg gibt es mehr zu sagen, als dass sie böse und schlecht sind – zumindest so lange, wie sie Menschen die Möglichkeit geben, sich gegen Fremdherrschaft, Tyrannei, Folter und Mord zu wehren und sich nicht einfach zur Schlachtbank führen zu lassen.

Das alles ist wahrlich nicht neu. Doch gerade darum ist das tiefe Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten, das der Kirchentag offenbart, so erschütternd: Einfach mal gegen Krieg sein, gegen Ungleichheit und gegen Umweltzerstörung. Das tut so gut. Nicht Denken ist gefragt, sondern Bekenntnis und eine klare Richtungsanzeige – am besten nach links.

Dass der Kirchentag, ähnlich wie die Evangelische Kirche, zu einer rotgrünen Sammlungsbewegung mit ein bisschen Transzendenzdekoration verkommen ist, zeigt sich nirgendwo klarer, als in der einfältigen Kapitalismuskritik, die in diesen Kreisen präsentiert wird. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Protestanten stolz drauf waren, dass der Geist des Protestantismus auch immer der Geist des Kapitalismus war, weil beide auf die Autonomie des Individuums setzen und auf Eigenverantwortlichkeit. Protestantismus, das hieß einmal euphorische Bejahung der Moderne, der Industrialisierung, der Emanzipationskraft, die allein der Kapitalismus bereit stellt, indem er tradierte, repressive und – nicht selten katholische – vormoderne Strukturen zerschlägt. Doch mit diesem Bewusstsein an die im besten reformatorischen Sinne befreiende Kraft des Kapitalismus ist es schon lange vorbei.

Nunmehr regiert die moralisierende Einfalt der Kapitalismuskritik. So forderte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider unverblümt mehr Umverteilung mittels höherer Steuern. Das ist für den Arbeiterführer aus dem Ruhrgebiet, theologischer Glanzleistung eher unverdächtig, nicht nur eine Frage angeblicher Gerechtigkeit, sondern zugleich des Seelenheils: Schließlich bewahren höhere Steuern den Reichen davor, dass sein Herz nur noch vom Geld beherrscht wird.

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In der einfältigen Gedankenwelt des zeitgenössischen Linksprotestantismus ist der Arme der Gute und der Reiche der Böse. Gleichheit soll herrschen, Nachhaltigkeit und ein Ende des Wachstumswahns. Exekutiert werden soll das alles durch einen starken Staat. Vorbei das Vertrauen auf Autonomie, Individualität, Emanzipation und unternehmerischen Wagemut. Es regiert eine geradezu neokatholische Sehnsucht nach der starken Institution und dem entmündigenden Fusel barmherziger Gaben.

Da ist es nur konsequent, wenn Kirchentagspräsident Gerhard Robbers „neue Konsense“ für unsere Gesellschaft fordert. Denn nichts trifft das nach Harmonie gierende Gemüt des Kirchentagjüngers ärger, als Dissens und Meinungsverschiedenheiten. Dass eine pluralistische Gesellschaft keine Konsense braucht, sondern lediglich eine handvoll Regeln, da Konsense latent den Pluralismus bedrohen und somit die Freiheit der Individuen – dieser Gedanke ist den nach Eintracht Dürstenden fremd.

Wäre jedoch der Kirchentag lediglich die Hauptversammlung der Rührseligen und Harmoniesüchtigen, die ergriffen Kerzchen über die Elbe schaukeln lassen, man könnte ihn als Folkloreveranstaltung abtun. Doch hinter der süßlichen Rhetorik verbirgt sich ein moralischer Fundamentalismus, der der plüschigen Konsenssehnsucht eine totalitäre Dimension verleiht. Denn der Konsens, der hier angestrebt wird, ist nicht der Versuch, den kleinsten gemeinsamen Nenner disparater Meinungen, Lebensentwürfe und Ideale zu finden. Einen Konsens anzustreben, bedeutet hier, die eigene Weltsicht durchzusetzen, also die Uneinsichtigen und Widerstrebenden zu bekehren und all jene zu missionieren, die nicht geneigt und nicht willens sind, die heilige Dreifaltigkeit aus Antikapitalismus, Pazifismus und Ökologismus anzubeten. Dass hier das Politische in einer nicht zu akzeptierenden Art und Weise religiös überhöht wird, fällt dabei schon gar nicht mehr auf.

Diese radikale Politisierung ist die Kehrseite einer massiven Erosion theologischer Inhalte und Fragestellungen – und damit auch Ausdruck einer Hilflosigkeit. Und die hat nachvollziehbare Gründe: Es ist keine neue Einsicht, dass die Vorstellungswelt und das Vokabular einer antiken Erlösungsreligion, wenn überhaupt, dann nur unter größten Mühen in die Welt unserer Moderne zu übertragen sind. Doch nichts scheut man so sehr, wie die intellektuelle Anstrengung – und die schmerzlichen Konsequenzen, die eine schonungslos kritische, rationale Sichtung des christlichen Traditionsbestandes mit sich bringen würde. Da ist es sehr viel einfacher, angebliche politische Implikationen der Botschaft Jesu fröhlich auf gegenwärtige Gesellschaftsprobleme zu übertragen, so als ob Jesus von Nazareth sich zumindest indirekt zu Atomkraft, Solarenergie oder biologischem Landbau geäußert hätte.

Die Kirchentagsbewegung ist das Abbild einer Kirche, die sich nicht nur in ihrem Selbstverständnis, sondern auch in ihrer Sprache und Selbstdarstellung schon lange von dem Ideal nüchternen, rationalen Denkens entfernt hat, das für den modernen Protestantismus seit der Aufklärung charakteristisch war. Statt den Menschen intellektuelle Inspiration und theologische Reflexionsanreize zu vermitteln, präsentiert sich eine moralisch hochgerüstete Politkirche, die gefühlte soziale Schieflagen oder globale Missstände anklagt, die dringenden theologischen Fragen, die auf dem zeitgenössischen Christentum lasten, jedoch aus den Augen verloren hat. Statt die argumentative und theologische Auseinandersetzung mit den inhaltlichen, sprachlichen und bildlichen Beständen christlicher Tradition zu suchen, macht sich ein schwärmerischer Antiintellektualismus breit, der wissenschaftliche Rationalität gerne durch händchenhaltende Gemeinschaftserlebnisse ersetzt. Das Ergebnis ist ein aufgekratzter Moralismus, der sich in eine larmoyante Betroffenheitsrhetorik hineinlamentiert, die vorzugsweise aus antikapitalistischen Floskeln, feministischer Theorie und ökopazifistischem Politjargon besteht.

Doch Religion, das wusste schon der große protestantische Theologie Friedrich Schleiermacher, ist weder Metaphysik noch Moral, sondern das Bewusstsein eines endlichen Einzelnen für die Unendlichkeit.

 

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