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Die Bloggerkonferenz re:publicaKein Ort für Kulturpessimisten

Interview mit Jakob Augstein15. April 2011
Jakob Augstein: „Die re:publica ist die Manifestation eines Kulturwandels“
Jakob Augstein: „Die re:publica ist die Manifestation eines Kulturwandels“
Schrift:

Cicero Online traf den Journalisten und Verleger der Wochenzeitung „Der Freitag“ Jakob Augstein auf der re:publica und sprach mit ihm über die Zukunft des klassischen Journalismus, picklige Nerds und kulturpessimistische Rückwärtsgewandtheit.

Seite 1 von 2

Herr Augstein, schaue ich mir das Veranstaltungsprogramm der diesjährigen re:publica an, entdecke ich Veranstaltungen, die sich mit sehr Community-spezifischen Themen beschäftigen. Da geht es beispielsweise um Modeblogs, Dezentrales Clustern oder Design Thinking. Das sind nicht gerade gesellschaftsrelevante Themen.
Die Einschätzung kann ich so nicht teilen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das überhaupt notwendig und auch gewünscht ist. Diese Veranstaltung ist das große Klassentreffen der Bloggerszene. Hier kommen Menschen zusammen, die sich für Bürgerjournalismus, Community Building, Whistleblowing, neue Kommunikationstechnologien interessieren und sich hier austauschen. Diese Veranstaltung hat für mich eine Art Messecharakter. Ich finde nicht, dass man erwarten kann, dass sich die Leute hier mit den Gegenwartsproblemen der deutschen Innenpolitik beschäftigen. Das wäre verfehlt.

Oftmals ist aus der Bloggerszene das Argument zu vernehmen, Blogs würden zu einer Demokratisierung der Medienlandschaft beitragen. Täuscht der Eindruck, dass die Szene letztlich nur ein Spiegel der jetzigen Machtverhältnisse darstellt? Die herrschenden Meinungen, die sich sowieso artikulieren, kommen über die neuen Medien doch nur noch verstärkt zum Zuge.
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich denke, dass die Bloggerszene in ihrem Kern etwas Anarchisches hat. D.h. sie würde, wenn man sie fragen könnte, wahrscheinlich sagen, dass sie derartige Relevanzkriterien gar nicht erfüllen möchte. Es liegt doch nicht in der Zuständigkeit der Blogger zu klären, wie beispielsweise die Energiewende auszusehen hat. Das ist nicht deren Job. Was hier auf dieser Veranstaltung geschieht, ist doch die Manifestation eines Kulturwandels. Die Leute wollen einerseits an ihren Computern kommunizieren und partizipieren. Andererseits wollen Sie hinaus ins richtige Leben und sich untereinander kennenlernen. Die Leute, die Sie hier antreffen, sind ja nicht die kontaktgestörten Nerds, die dick und picklig pizzaessend in ihre Tastatur krümeln. Es sind Leute, die Freude haben an Auseinandersetzung, die sich streiten, diskutieren. Für einen Kulturpessimisten ist das hier wirklich der falsche Ort.

Die Leute hier erfüllen wirklich nicht das Klischeebild eines Nerds, eines Computerfreaks. Es sind gutgekleidete Menschen, die sich präsentieren und artikulieren können.
Ja. Wir haben es hier mit einer jungen Generation zu tun, die mit den Medien und neuen technischen Möglichkeiten komplett anders aufwächst, als es beispielsweise bei mir der Fall war. Diese Generation kommt dann logischerweise auch in der Bewertung des Verhältnisses zwischen klassischem Journalismus und Bloggerjournalismus zu anderen Ergebnissen. Das muss sich unsereiner erst mühsam erarbeiten. Ehrlich gesagt, gibt es Kollegen von mir, kaum älter als ich, die sich das nicht mehr erarbeiten können. Für die ist das Internet immer nur ein Raum des Chaos, der Entgrenzung, der schlechten Manieren, der vertanen Zeit. Sie können nicht verstehen, dass das Internet für die jüngeren Generationen kulturell etwas anderes bedeutet.

Ist das vielleicht auch Ausdruck eines aufkeimenden Konkurrenzgefühls? Läuft der klassische Journalismus Gefahr überflüssig zu werden, wenn Informationen nicht mehr über den klassischen Weg, über Journalisten an die Öffentlichkeit gelangen, sondern auf direkterem Wege über Blogs und Whistleblowing-Plattformen?
Ja, aber das ist eine vollkommen überflüssige Sorge. Gerade das vergangene Jahr mit Wikileaks hat ja gezeigt, dass im Kern diese neuen Formen von Kommunikation und Journalismus kompatibel sind mit den klassischen Formen. Sie sind durchaus anschlussfähig. Wikileaks ist doch von sich aus auf Guardian, New York Times, Spiegel zugegangen und hat eine Kooperation angeboten. Und die Zusammenarbeit hat im Ergebnis doch sehr gut funktioniert. Das sollte für uns alle ein ermutigendes Zeichen sein, dass die neuen und die alten Medien an der größten Story seit Erfindung der Zeitung – wenn ich das mal überhöhen darf – zusammengearbeitet haben.

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Ein interessantes Interview. Allerdings gibt es hier durchaus Ansatzpunkte, die man diskutieren könnte; z.B.: (1) "Ich denke, dass die Bloggerszene in ihrem Kern etwas Anarchisches hat." Es gibt durchaus Studien und Beiträge (vgl. Beck 2008), in denen betont wird, dass selbst "ein anarchistisches Ideal" nie zu verwirklich ist, da der Mensch (also die Blogger) immer im Rahmen autonomer Selbstverantwortung und kollektiven Vereinbarungen handeln.
(2) Auch die ideell normativ anmutende Auffassung von Herrn Augstein, die Funktionen des Journalismus wären "Herrschaftskontrolle, Machtkontrolle, Kritik" sind realistisch betrachtet zu hinterfragen. Eine Grundsatzfrage der Medienwissenschaften ist das Verhältnis des Journalismus zu seinen externen Umwelten (oder Systemen, wie Luhmann sagen würde) und schnell zeigt sich, wie beeinflussbar redaktionelle Inhalte von zum Beispiel der Drohung des Entzugs von Anzeigen sind. Natürlich unterstütze ich die oben genannten Funktionen des Journalismus (auch ich bin damit groß geworden), aber es sollte zumindest in einer Fußnote erwähnt werden, dass es doch zahlreiche Variablen gibt, die jene Funktionen relativieren. Leider.

Grüße

  • Antworten
Christian Salzborn18.04.2011 | 00:00 Uhr

@Herrn Salzborn: Augsteins Antworten halte ich für Selbstverständlichkeiten. Sie erheben aber sicher nicht den Anspruch auf vollständige und umfassende Beurteilung der Aufgaben des Journalisten. Hingegen finde ich die Fragen eher gestellt, im Sinne von »Pappkameraden«-Fragen. Aber ich lobe ausdrücklich, dass so was in CICERO erscheint.

  • Antworten
Reinard Schmitz18.04.2011 | 00:00 Uhr

Dezentrales Clustern ist ein gesellschaftlich relevantes Thema, denn diese Organisationsstruktur ist die ideale Arbeitsform für das, was wir bisher in Bürgerinitativen, Arbeitskreis und ähnlichem gemacht haben.

Bester Gruß
Stephan Urbach

  • Antworten
Stephan Urbach18.04.2011 | 00:00 Uhr

Das Internet ist langweilig geworden. Augstein verbreitet nur Klischees. Augstein in Cicero, warum tue mich mir das ueberhaupt an? Augstein redet mit Leuten, die Klischees lieben. Was geht es ihn an, was Blogger machen? Und seit wann regiert das Presserecht im Netz? Presse=Papier. Und was soll "Pressemoral" sein? Genau von dieser "Moral" befreit uns das Netz und das soll auch so bleiben. Augstein luegt oder er ist sehr dumm!

  • Antworten
Fritz Teich23.04.2011 | 00:00 Uhr

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