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 > Griechisches Göttervergnügen in Irland

Salon

Banvilles RomanGriechisches Göttervergnügen in Irland

Von Verena Auffermann11. Juli 2012
Kiepenheuer & Witsch
John Banville, Irland, Unendlichkeiten, Griechische Götter, Mythologie, Götterwelten, Zeus, Hermes
Götterbote Hermes zieht in Banvilles neuem Roman die Fäden
Schrift:

Adam Godley liegt im Sterben, deshalb muss sich Hermes im Auftrag Zeus' auf den Weg machen, um die Seele des Iren abzuholen. In seinem Roman „Unendlichkeiten" macht sich John Banville einen Spaß und schickt griechische Götter nach Irland

«Und», so beginnt ein  Satz in diesem Buch, «ich bin der, der sich all das hier ausgedacht hat.» Man merkt in diesem Roman vom ersten bis zum letzten Punkt: Das hat  John Banville Spaß gemacht – einmal im Leben als Schriftsteller alle Register ziehen! Einmal im Leben die eigene Phantasie auf  Tour durch den antiken Götterhimmel schicken. Einmal im Leben die Unsterblichkeit der griechischen Götter ernst nehmen und ihnen einen Gelegenheitsjob im 21. Jahrhundert zuweisen. Hermes, Pan und Zeus in der Lotterie eines Familienromans einen Platz einräumen, das Spiel von Leben und Tod mit perfider Lust durcheinanderbringen! Einmal im Leben einen Tag vom Morgen bis zum Abend beschreiben und das klassische Versmaß mit dem hundsgewöhnlichen heutigen Umgangston vermischen. 

Der 67-jährige Ire John Banville ist als Kunsthistoriker mit den Bild- und Mythenwelten des Abendlands vertraut; als Schriftsteller ist er selbst so etwas wie ein Unsterblicher. In seinem neuen Roman «Unendlichkeiten» mischt er jetzt Realität und Mythologie. Zentrum dieses Phantasiespiels ist der im Koma liegende Mathematiker Adam Godley, der durch eine These zur Unendlichkeit berühmt geworden ist. Godley hängt am Tropf, er kann sich nicht mehr wehren, und Banville nutzt dies schamlos aus, er schickt Hermes in das verlassen an einer Bahnstrecke liegende Landhaus, um als Beauftragter von Zeus Godleys Seele abzuholen für die Reise in die Unterwelt. Bevor es aber so weit ist, lässt Banville Hermes  als distanzierten und zeitweilig feixenden Ich-Erzähler auf das  Leben der Godleys schauen.

Hermes’ erster Blick gilt Adam Junior, der mit seiner jungen schönen, blonden Frau Helen zum sterbenden Vater gerufen wurde. Adam («der arme Epigone» des sterbenden Adam) steht im Morgengrauen in seinem ausgewaschenen, zu kleinen Pyjama am Fenster und sinniert – so macht Autor Banville vor der homerischen «Morgenröte» spielerisch seinen Kotau. Adam junior will nicht hinauf ins «Himmelszimmer», er fürchtet sich vor dem Anblick seines sterbenden Vaters. «Wenn unsere Zeit heran ist», spricht Hermes in der Rolle des Erzählers, «gehen wir zusammen, er und ich, in das hinüber, was als nächstes kommt und über das zu sprechen mir verboten ist.»

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Mitspieler an diesem Schicksals-Tag sind außer den beiden Adams und der schönen Helen noch Ursula, die zweite Ehefrau des Sterbenden, die mit dem Schatten kämpft, den Daisy, Adams erste Frau, hinterlassen hat; sie hatte sich im Stile Virginia Woolfs das Leben genommen. Dann kriecht da auch noch Petra herum, die leicht irre Tochter, die einen Almanach mit allen Krankheiten der Welt anlegt, außerdem Roddy Wagstaff, des großen Godley Biograf – und natürlich Benny Grace. Manchmal lässt dieser fiese fette Typ seinen Klumpfuß sehen, und es ist klar, dass hier Pan seine Runden dreht. Man muss sich also für ein Verwirrspiel wappnen, in dessen Mittelpunkt Angst, Scham und Trauer sind.

Die Hilflosigkeit der Familienmitglieder, sich dem Sterbenden zu nähern und ihm ihre Liebe, Wut oder Skepsis mitzuteilen, nutzt Banville, um die menschliche Psyche herrlich respektlos vorzuführen. Denn Hermes ist ein Spötter.  Vom Namen Adam bis zum Hund Rex, der die Rolle von Odysseus’ Hund Argos übernimmt, bis hin zu den lässig beigemischten pragmatischen Weisheiten – «Tun, Tun ist das Leben …, und ich dachte immer, Denken wäre das Entscheidende» – ist hier vieles anspielungsreich und doppeldeutig: Die Sprachlust ist das Vergnügliche an diesem Buch. Mit Witz wird Godleys letzter Lebens-Tag der Erdenschwere enthoben, während die Götter das Tun jedes Einzelnen mit respektlosen Kommentaren beschreiben, in denen sie das Profane des Lebens bestaunen. Und so bekommt das Irdische als das Vergängliche eine schöne Leichtigkeit. Ursula sitzt mit der Nagelschere in der Hand am Sterbebett,  Petra wirft sich in einem ödipalen Akt aufs Leintuch des Vaters, bereit  zu einem nur vorgestellten Liebesspiel. Und der alte Adam selbst hat auch so seine Phantasien.

Was soll das, könnte man fragen: Alles hier ist versponnen, typisch irisch, außerdem hat es schon Kleist in seinem Stück «Amphitryon» aufs Beste durchgespielt! Doch Banville  hat  sein Göttervergnügen mit Blick auf eine nicht ganz normale Familie eingefädelt, um etwas über die Gelassenheit der «Unsterblichen» auszusagen. Mit dem Tod eines Patrons, eines Gelehrten, einer Respektsperson, so abgehoben zu verfahren, ist ein literarischer Spaß. Banville nutzt das homerische Personal, verwickelt Helen(a) in ein Liebesspiel mit «Paps» und borgt  sich die «rosenfingrige Morgenröte» aus dem antiken Repertoire – an diesem verhangenen irischen Sommertag stellt Banville Thanatos und Eros einander gegenüber. Über den Tod zu schreiben aber ist eine Kunst, und sie ist John Banville hier überzeugend gelungen.

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"Die Sprachlust", schreiben Sie, verehrte Verena Auffermann, sei "das Vergnügliche an diesem Buch."
Es freut mich, dass der Roman Ihnen Vegnügen bereitet hat. Ich nehme freilich an, es ist Ihnen bekannt, dass dieser wahrlich bemerkenswerte Stilist unserer Sprache in kaum nennenswertem Maße mächtig ist. Da Sie nun aber aus "Unendlichkeiten" zitieren, nicht aus "The Infinities", wie daa Buch im Original heißt, muss ich annehmen, dass Ihre Kritik sich auf die deutsche Übersetzung bezieht, als deren Urheberin ich mich Ihnen in aller Bescheidenheit vorstellen darf. Seit 15 Jahren bin ich die deutsche Stmme dieses Autors, seit insgesamt 35 Jahren die zahlreicher anderer englischsprachiger Autorinnen und Autoren von William Shakespeare und Johm Donne über Jonathan Swift, John Keats, Percey B. Shelling, Herman Melville, Henry James, Edgar A. Poe, William B. Yeats, A. A. Milne, F. S. Fitzgerald, bis hin zu MWilliam Gibson, M uriel Spark, David F. Wallace, Mark Z. Danielewski und eben John Banville. Über 135 Bücher habe ich seither übersetzt und meine Kenntnisse an zahllose Studentinnen und Studenten weitergegeben, habe Virträge, Workshops und Seminare in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Grobritannien, Irland, Island und den USA gehalten und bin sogar einige Male mit Preisen geehrt worden. Doch all das scheint nicht genug zu sein, um eine namhaftebund von mir im übrigen geschäzte Literaturkritikerin wie Sie zu einem Einschub von ein paar kurzen Wörtern wie etwa "übersetzt von Christa Schuenke" zu veranlassen.
Über die katastrophale Vergütumg literarischer Übersetzer erfuhr die Öffentlichkeit früher bisweilen in den Medien. Inzwischen nur mehr selten. Die einzige Lobby, die wir Übersetzer schöner Literatur haben, sind die Kritiker, verehrte Verena Auffermann. Weil Menschen wie Sie die Leistungen von Menschen wie mir und meinen vielen exzellenten Kolleginnen und Kollegen dieser paar Worte nicht würdigen, nicht nur, aber auch deshalb können unsere Verleger weiterhin erklären, die Qualität einer Übersetzung sei für sie Rezeption (sprich: den Verkauf) eines Buches ganz unmaßgeblich. Briefe begeisterter LeserInnen zeigen mir, dass dem nicht so ist. Nicht ganz.
Ich danke Ihnen dennoch für Ihre freundliche Kritik, auch wenn diese den Eindruck vermittelt, John Banville habe deutsch geschrieben - eine Wirkung, die mein Vergnügen an Ihrem Text leider erhebliich schmälert.

Freundliche Grüße,
Christa Schuenke

  • Antworten
Christa Schuenke12.07.2012 | 18:15 Uhr

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