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Joan Didions „Blaue Stunden“Angst vor der Einsamkeit

Von Claudia Fuchs13. Mai 2012
picture alliance
Joan Didion, Blaue Stunden, Ullstein, Roman, Alter, Abschied, Tod, Verlassenheit
Warum bleibt man am Ende des Lebens verlassen?
Schrift:

Die amerikanische Star-Essayistin Joan Didion denkt über ihr Leben nach. An dessen Ende steht: Verlassenheit

Die schwebende Dämmerung, wenn das Ende der Sommertage undenkbar scheint, ist für Joan Didion «das Gegenteil sterbenden Glanzes» – aber auch dessen Vorbote. Amerikas scharfsinnigste Essayistin hat mit 76 Jahren ein schmales, hellsichtiges Buch über das Verblassen des Glanzes geschrieben, über Alter, Abschied und Tod. Joan Didion und ihr Ehemann John Gregory Dunne waren das intellektuelle amerikanische Glamour-Paar der 1960er- und 1970er-Jahre. Ihre kritischen Analysen der US-Gesellschaft waren gefürchtet, ihre Partys selbst in Filmkreisen legendär. Als Vertreterin des «New Journalism», einer Mischung aus subjektiver Reportage und Literatur, repräsentierte Joan Didion mit ihren geschliffenen Texten die Hochkultur der Westküste.

1966 adoptiert das perfekte Paar «das perfekte Baby», wie Didion ihre Adoptivtochter Quintana nennt, und das Unheil nimmt seinen Lauf. «Es gab Autos, einen Swimmingpool, einen Garten. Es gab Agapanthus-Lilien mit leuchtend blauen Strahlenkränzen, die auf langen Stielen schwankten» – so beschwört Didion ein vergangenes Familienglück in Los Angeles, wo Quintana ihre Teenagerjahre verbrachte. Als Kleinkind teilt sie das Nomadenleben ihrer Eltern, in Luxushotels von wechselnden Babysittern betreut, allein im Strandhaus in Malibu auf die Eltern wartend, die unter Privatleben die Anwesenheit eines Kindes verstehen.

Bildergalerie: Literaturen: Die beste Belletristik der Buchmesse Leipzig 2012

Didion schreibt nachts und geht um drei Uhr mit einem Drink ins Bett. «Putz dir die Zähne, kämm deine Haare und sei still, ich arbeite», zitiert die verwaiste Mutter Jahrzehnte später Quintanas Liste von «Mamas Sprüchen». Von Ärzten mit hilflosen Diagnosen wie «Affektlabilität» versehen, steht Quintanas Leben im Zeichen zunehmender Alkoholabhängigkeit, und Joan Didion ist ratlos: «War ich das Problem? War ich immer das Problem?» In konzentrischen Kreisen nähert sie sich dem Abgrund der Erkenntnis. Dazwischen das Aufleuchten alter Fotos, der Nachklang von Kindersätzen und Songtexten, die dieses Buch zugleich zum Sittengemälde von Hollywood in Zeiten der Studentenunruhen machen.

Gequält von Verlassenheitsängsten fand Quintana keinen Platz in der symbiotischen Künstler-Ehe ihrer Adoptiveltern. Doch dann wird sie psychisch stabiler, arbeitet als Fotoredakteurin, heiratet. Als ihre Eltern gesundheitliche Einbrüche erleiden, ist sie ihre Stütze. Bis die Tochter im Jahr 2005, zwanzig Monate, nach dem Vater stirbt.

Joan Didion schreibt ohne Selbstmitleid, mit grimmigem Humor und einem unbestechlichen Wissensdrang. Sie stellt sich letzte Fragen, die schon in ihrem Bestseller «Das Jahr des magischen Denkens» anklangen, und erkennt: Die Angst kommt nicht vom Verlorenen. Sie «kommt von dem, was noch verloren gehen kann». Wer dieses Meisterwerk der Essayistik liest, ist dafür ein wenig besser gewappnet.

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