In Jeffrey Eugenides’ Roman „Die Liebeshandlung“ wird eine schon totgesagte Erzählform wieder quicklebendig: der viktorianische Liebesroman. Eine Rezension
„Ich fasse es nicht, dass du verheiratet bist!“ Das bekommt Madeleine im New York der achtziger Jahre von einer Freundin zu hören: wie altmodisch, wie rückschrittlich! Für etwas altbacken könnte womöglich auch das Unterfangen von Jeffrey Eugenides selbst gehalten werden: Er widmet seinen neuen Roman „Die Liebeshandlung“ einer Campus-Romanze. An der Brown University, einem Elite-College im Osten der USA, schwärmt Mitchell, ein grüblerischer Student der Religionswissenschaften, für die Literaturstudentin Madeleine, wunderhübsch und noch unverheiratet. Sie wiederum verliert ihr Herz an den charismatisch-unnahbaren Leonard, Student der Biologie und Philosophie.
Die Turbulenzen um Liebes-, Heirats- und Lebensglück, das Bemühen der drei Studenten, einen Weg in das Leben nach der Uni zu finden, entfalten sich auf üppigen sechshundert Seiten. Mitchells Versuch, seinem vergeblichen Schwärmen für Madeleine als Weltreisender auf der Suche nach religiöser Erfüllung zu entfliehen, Leonards Kampf gegen die manische Depression, Madeleines Versuch, selbstlos bei ihm zu bleiben – das ist ein Handlungs-Aufgebot, mit dem Eugenides dem dreibändigen viktorianischen Liebesroman, dem „triple-decker“, eine tiefe Reverenz erweist. Aus der Nähe betrachtet, erscheint diese ehrerbietige Berufung auf die Literaturgeschichte allerdings weniger nostalgisch, sondern als Teil einer faszinierenden erzählerischen Strategie.
Ein Ausgangspunkt dieser Strategie ist es, Madeleine, eine Verehrerin der Literatur des neunzehnten Jahrhunders, in ihrem letzten Studienjahr eine Abschlussarbeit über den „marriage plot“ schreiben zu lassen: über den Dreh- und Angelpunkt der großen englischen Liebesromane von Jane Austen oder George Eliot, die um die alles entscheidende Frage kreisten, wer wen am Ende unter welchen Umständen heiraten wird. In ihrer Arbeit stellt Madeleine fest: „Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war es mit dem marriage plot vobei.“ In seinem Roman, für den „die Liebeshandlung“ immerhin titelgebend war, probiert Jeffrey Eugenides denn auch zum Glück gar nicht erst, an diese Tradition anzuknüpfen.
Selbst seine Romanfiguren wissen, dass jegliches Nacheifern zwecklos wäre. Doch gibt gerade dieser Hinweis auf die Unmöglichkeit, heute noch eine Liebes- und Heiratsgeschichte zu erzählen, der Geschichte um die drei Studenten ihre Besonderheit und Größe. Ihr hoffnungslos hoffnungsvolles Sehnen nach Liebe spiegelt sich in der Sehnsucht des Erzählers, vielleicht doch noch über dergleichen schreiben zu können.
Seite 2: Liebe im Semiotikseminar










