Javier Marías ist ein Großmeister des spanischen Romans. Nun schreibt er mit "Die sterblichen Verliebten" zur Abwechslung einen Thriller, in dem er die Schwierigkeit reflektiert, als Lebender mit dem Tod umzugehen. Dabei bleibt jedoch auch einiges auf der Strecke
Viele Spanier frühstücken regelmäßig in einem Café. Der Aufwand ist gering, der Abwasch entfällt, zudem geht es schnell. Wie alle Gewohnheiten bringt auch diese Wiederholungen mit sich: dieselben Kellner, meist der gleiche Tisch, oft dieselben Gäste. María, Mitte dreißig und in keiner festen Beziehung lebend, liebt dieses Ritual aber vor allem deshalb, weil sie auf diese Weise Tag für Tag ein Ehepaar hat beobachten können, das ihr, kurz gesagt, «gute Laune machte», bevor sie, eine Lektorin für Gegenwartsliteratur, in ihren Verlag ging, «wo sie sich mit ihrem größenwahnsinnigen Chef und seinen lästigen Autoren herumschlug». Saßen die beiden mal nicht da, fehlte ihr etwas. Sie schienen ihr das perfekte Paar, die Frau kaum vierzig, der Mann vielleicht zehn Jahre älter, nicht unbedingt reich, aber sicher wohlhabend.
«An einem Morgen Ende Juni blieben die beiden aus.» Und damit kommt die durchaus schleppende Handlung dieses als Novelle konstruierten Thrillers langsam in Gang. Der Mann nämlich, Miguel Desverne, ist auf offener Straße von einem «Gorilla» – so heißen in Madrid die Penner, die davon leben, Autofahrer in einen freien Parkplatz zu lotsen – mit einem scharfen Messer erstochen worden. Ein Zufall. Das Motiv des geistig verwirrten Täters bleibt unklar, spielt letztlich aber auch keine Rolle.
María hatte seinerzeit ein Bild des Toten in der Zeitung gesehen, war aber nicht auf die Idee gekommen, dass es sich hier um ihren Café-Besucher handeln könnte. Wenig später erfährt sie vom Geschehenen und trifft kurz darauf die Frau des Ermordeten erstmals wieder. María spricht sie an: «Ich kannte Sie nur vom Sehen, aber mir fiel auf, wie gut Sie sich verstanden haben. Sie waren mir beide ungemein sympathisch.» Kaum hat sie diese Sätze ausgesprochen, merkt sie, dass sie damit die Frau «ebenfalls getötet, alle beide in die Vergangenheit gesetzt hatte, nicht nur den Verstorbenen».
Es sind solche genauen Beobachtungen und die sich daran anschließenden Reflexionen, die Marías’ Roman (wenigstens in seiner ersten Hälfte) weit über das übliche Thriller-Niveau hinausheben, ebenso wie seine Überlegungen zum Unterschied zwischen Liebe und Verliebtheit – dies hätte, unprätentiös und unmittelbar verständlich, so etwas wie ein philosophischer Roman werden können, vor allem über die Schwierigkeit, als Lebende mit dem Tod umzugehen.
Der engste Freund des Ermordeten, ein gewisser Javier, den María bei der Witwe kennen und bald darauf auch lieben lernt, empfiehlt ihr eines Nachts die Lektüre der Balzac-Novelle «Oberst Chabert». Dieser Soldat war in einer der berühmten napoleonischen Schlachten schwer verletzt, wie leblos auf dem Feld zurückgelassen und für tot erklärt worden. Als er es Jahre später endlich nach Paris zurück schafft – seine Frau hat unterdessen wieder geheiratet und Kinder bekommen –?, da wünscht er sich tatsächlich, dass er nie aus dem Grab gestiegen wäre. «Die Toten tun schlecht daran zurückzukehren, und tun es doch fast alle»; werden den «Lebenden zu Ballast».
Die Balzac-Geschichte zeigt durchaus Parallelen zu Marías Roman. Doch begnügt sich der Autor leider damit, nur einige der Motive aufzugreifen. Damit verschenkt er die Möglichkeit, seinen Roman aus der platten Handlungsspannung in literarische Hochspannung zu versetzen. Zwar ahnt Maria, dass ihr Geliebter Javier nicht nur sein Versprechen erfüllt, das er dem Ermordeten gegeben hat, sondern dass die Witwe Luisa, die ihn seit jeher geliebt hat, darauf wartet, dass ihre Zeit kommt. Maria stellt sich sogar vor, wie es wäre, wenn Luisa tot wäre. Doch lässt Marías es damit nicht genug sein: Er will mehr als ein Kammerspiel (die handelnden Personen sind an einer Hand abzuzählen), er will die große Oper. Und das ist deshalb schade, weil die enorme Spannung, die er im ersten Teil aus seinem Stoff heraus entwickelt hat, diesen von nun an dominiert.
Es darf hier nicht verraten werden, was diesen Suspense-Effekt schließlich ausmacht. Aber es ist auf jeden Fall schade, dass sich der große Roman, der sich hier zu entwickeln schien, in einem Thriller mit absehbarem Ausgang verläppert: Das Kalkül hat sich durchgesetzt, die Weisheit ist auf der Strecke geblieben. Und natürlich wird dieses Buch ein Erfolg werden.
Javier Marías: "Die sterblich Verliebten. Roman". S. Fischer, Frankfurt a. M. 2012, 430 Seiten, 19,99 Euro.











