Zwischen Märchenhaftigkeit und Naturalismus: Charlotte Brontës Klassiker «Jane Eyre» in einer stilvollen Neuverfilmung
Unvergesslich ist die Hollywood-Fassung mit Joan Fontaine. In Cary Fukanagas höchst geglückten Film spielt nun die etherische Mia Wasikowska die Rolle der Jane Eyre
„Die Waise von Lowood": Der frühere deutsche Roman- und Filmtitel wollte Charlotte Brontës Romanheldin Jane Eyre einfach nicht herauslassen aus dem Fluch ihrer tragischen Kindheit – als handele das Buch nicht gerade von der bewussten Abkehr einer mittellosen jungen Frau von ihrem vorgezeichneten Weg: Zunächst in Träumen, dann in der intellektuellen Emanzipation und schließlich in einer wenn auch tragischen Liebe. Und doch betonte dieser deutsche Titel auch bereits die verführerische Grundstimmung einer Erzählung, die sich nur im Untertitel als „Autobiographie" tarnte: eine betörende Märchenhaftigkeit, die dem sachlichen Erzählton und der sozialreformatorischen Lesart nie im Wege stand.
Die Odyssee des Waisenmädchens konnte 1848 mit genug Schauermotiven aufwarten, um sich auch als typisch-viktorianische Gothic Novel zu qualifizieren: Da ist das verwunschene Landschlösschen und unter seinem Dach eine Verrückte und ein Hausherr von Lord-Byron-hafter Eigensinnigkeit: Ebenso arrogant wie charismatisch, lasterhaft und dennoch einnehmend genug, die Liebe der Protagonistin zu wecken.
In der berühmtesten Verfilmung, der Hollywood-Version von 1943, spielte Orson Welles die Rolle unvergesslich an der Seite von Joan Fontaine. Und Regisseur Robert Stevenson kreierte dazu derart malerisch-romantische Bildräume, dass man sich nicht wundern muss, dass er später nur noch für Walt Disney arbeitete. Nach dem Genuss des schwarzweißen Klassikers kann man auf weitere „Jane-Eyre"-Verfilmungen eigentlich getrost verzichten. Bis man diese hier gesehen hat.










