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 > „Wir haben die Theorien an die Wand gefahren“

Salon
DBC Pierre

„Wir haben die Theorien an die Wand gefahren“

Interview mit Peter Finlay 16. Oktober 2011
picture alliance
Berlin, Siegessäule, Engel, Abendstimmung, Sonnenuntergang
Berlin inspirierte DBC Pierre zu seinem neuen Roman „Das Buch Gabriel“

Alle politischen Ideologien sind gescheitert, die Menschheit befindet sich in einem Schwebezustand, sagt Buchautor DBC Pierre. Über seinen neuen Roman und einen Besuch im Gefängnis.

Seite 1 von 3

Unter dem Pseudonym DBC Pierre veröffentlichte der gebürtige Australier Peter Finlay 2003 seinen Debütroman „Jesus von Texas“, für den er den Booker Prize erhielt. Er wuchs in Mexiko City auf, lebte in Spanien, England, der Karibik und zuletzt in Irland. DBC steht für „Dirty but Clean“ –  dreckig, aber sauber. Der Name ist Programm: Seine jungen Jahre nach dem Tod des Vaters zeichnen eine Achterbahnfahrt aus Drogen, Spielschulden und Gesetzesbrüchen.

Herr Finlay, Ihr neues Buch trägt den Titel „Das Buch Gabriel“. Das weckt biblische Assoziationen.  Nun ist Ihr Protagonist, Gabriel, aber alles andere als ein Engel. Er ist ein Drogensüchtiger, der gleich auf der ersten Seite beschließt, sich umzubringen und seinem Leben mit einem bombastischen Bacchanal ein Ende zu setzen. Was hat das zu bedeuten?

Gabriel versinnbildlicht den Zustand unserer Gesellschaft. Er ist in einem Schwebezustand vor dem totalen Kollaps, bewegt sich in einer Art Limbus, der christlichen Vorhölle. Er weiß, es ist hoffnungslos und beschließt all dem ein Ende setzen, sagt sich aber: „Es muss ja nicht sofort sein.“

In der Bibel ist der Erzengel Gabriel der Bote Gottes. Verkündet in Ihrem Buch ein Junkie den Untergang unserer Zivilisation?

Sehen Sie, irgendwann war für mich klar: Wir befinden uns in einer Moderne zwischen den Ideologien. Erst haben wir den Faschismus hinter uns gelassen, dann den Kommunismus und wie es aussieht, verlieren wir jetzt auch den modernen Kapitalismus. Wir stehen vor einem großen Nichts, die nächste Ideologie steht noch aus.
All diese Theorien sind ausgestorben – der Mensch ist es in den vielen Tausend Jahren nicht. Wir haben die Theorien an die Wand gefahren (wörtlich: „We fucked them up“),  weil wir zu undiszipliniert sind und uns gegenseitig nicht trauen können. Wir schaffen es nicht, unser System zu beherrschen.

Aber was kommt nach dem Kapitalismus?

Das Problem ist, eine Wirtschaft brauchen wir definitiv. Die Frage ist nur: Dient sie der Gesellschaft und ernährt sie sie, oder geht es weiter wie bisher und die Märkte spalten die Menschen in extrem Arm und extrem Reich?

Ein Großteil Ihres neuen Buches spielt in Berlin. Wie sind Sie auf Berlin gekommen?

Ursprünglich sollte Berlin in dem Buch gar nicht vorkommen. Als ich anfing zu schreiben, befand sich die Wirtschaft in ihren Boomjahren. Aber ich habe irgendwie gespürt, dass das nicht so weitergeht. 

Erwuchs daraus ein Konzept?

Ich habe das Buch nicht geplant. Vielmehr habe ich gelernt, wie mein Protagonist gelernt hat. Als ich mit dem Buch über Gabriel anfing, war zum zweiten oder dritten Mal in Berlin. Etwas an diesem Ort hat Aspekte in meiner Weltanschauung verschoben, die bis dahin mein ganzes Leben lang gültig waren – in vielen unterschiedlichen Bereichen. Ich traf sehr interessante Leute, zum Beispiel  einige Jungs von der Band Rammstein oder etwa einen verrückten Fotografen.  Jeder Mensch, den ich kennengelernt habe, brachte mich auf die nächste Ebene, die Dinge zu begreifen. So kristallisierte sich für mich auch heraus, dass unser Zustand dem Warten im Limbus gleicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was DBC Pierre an Berlin reizt.

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Da kann einem ja wirklich mulmig werden bei dieser Verliebtheit in Werltuntergangsszenarien und dem sich übertrunpfen im >schlimm, schlimmer am schlimmsten|<.
Hoffentlich ist diese Zeitgeistattitüde bald mal ausgestanden und es werden die mehr gehört, die besonnen und reflekiert die Welt betrachten, und eher nach Lösungen für Probleme suchen als sich am Pinseln düsterer Gemälde zu ergötzen, nur weil einem nicht dauernd die gebratenenen Tauben ins Maul fliegen und der letztlich doch eher kleinkarierte Wünsche nach Sicherheit, Ruhe und Wohlgenährheit immerdar befriedigt werden.
Oder leben wir doch noch inm Mittelalter - gedanklich?

  • Antworten
Carlo Siemers13.10.2011 | 20:58 Uhr

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