Beim Autor Dirk Schümer sind solche Vorsichtsmaßregeln gänzlich überflüssig. Weder hetzt er den Leser durch die Geschichte, noch entlädt er über ihm ein Thesengewitter. Sein Buch übersetzt den Bewegungsmodus des Wanderns ins Literarische. Scheinbare Nebensachen wie zum Beispiel Socken oder Kopfbedeckungen werden wichtig und erhalten dieselbe Aufmerksamkeit wie die großen, mit dem Wandern verbundenen Themen der Geschichte, also zum Beispiel die Romantik, die Jugendbewegung und die erzwungenen Wanderungen der Vertriebenen und Flüchtlinge. Der Wanderer verweilt mal hier, mal da. Gelten seine Gedanken eben noch nassen Füßen oder verschwitzter Wäsche, fliegen sie bald weit zurück in die Frühzeit der Menschheit zu den Anfängen des aufrechten Gangs oder zu letzten Fragen des Lebenssinns. Sie setzen sich aber nicht fest, sie bohren sich nirgends hinein, denn der Wanderer wandert ja weiter. Und idealerweise wird dieses Wandern so selbstverständlich, dass die Gedanken zur Ruhe kommen. Dirk Schümer, Feuilleton-Korrespondent der FAZ, ist kein Wander-Apostel, der seine Mitmenschen zur Umkehr bewegen will, auch kein Ideologe, der sich als Barfußkämpfer der Moderne entgegenwirft. Er spricht glaubwürdig von eigenen Erfahrungen und darüber, wie das Wandern zu einem «Fixpunkt» seines Lebens geworden ist. Wo immer dieser Autor vorübergehend sesshaft wird, ein fertig gepackter Rucksack mit dem Nötigsten steht bei ihm griffbereit. Dahinter stecken allerdings nicht Phantasien von der großen Flucht, vom großen Aufbruch, vom Lauf zu sich selbst oder was sonst noch zum ideologischen Überbau des neuen Wanderns gehört. Schümer geht es beim Wandern nicht um außeralltägliche Grenzerfahrungen. Er macht es zum Teil seines Alltags und sucht nicht das Abenteuer, sondern die angenehm anregende Mischung aus Abwechslung und Gewohnheit beim Zu-Fuß-Gehen. Anstatt auf Extremtouren ist dieser Wanderer lieber in wohltemperierten Revieren unterwegs. Diese Abneigung gegen alles Aufgeregte und Steile führt hier manchmal zu einem fast altväterlichen Erzählduktus, obwohl Schümer, was die Wanderstilistik angeht, alles andere als ein Traditionalist ist. Jacken und Pullover aus High-Tech-Fasern oder Nordic-Walking-Stöcke werden hier nicht verdammt; der Autor rät gar dringend zum Gebrauch dieser Loden und Bergstock weit überlegenen Ausrüstungsgegenstände – aber eben nicht, um zu neuen Ufern aufzubrechen, sondern um das bekannte Terrain bequemer beschreiten zu können. Schümer rettet das Wandern vor der Überhöhung. Das ist sein Verdienst. Dirk Schümer
Wolfgang Büscher ging zu Fuß von Berlin nach Moskau und einmal um Deutschland herum. Hape Kerkeling absentierte sich auf dem Jakobsweg nach Santiago di Compostela und war «dann mal weg». Manuel Andrack lief «ohne Stock und Hut» in den deutschen Mittelgebirgen herum. Und alle haben sie über ihre Fußwege außerordentlich erfolgreiche Bücher geschrieben. Fast könnte man davon sprechen, dass in jüngster Zeit das Wanderbuch als literarische Gattung neu begründet worden ist. Die dem Menschen natürliche Fortbewegungsart des gemächlichen, aber ausdauernden Zu-Fuß-Gehens gilt in Zeiten rasender Beschleunigung zunehmend als Generalkur gegen die körperlichen und geistigen Malaisen der digitalen Moderne. In ihr liegt ein Versprechen der Ganzheitlichkeit, des Zusammenführens von Leib, Seele, Natur, Geschichte und Landschaft. Wenn also der Titel eines weiteren Wanderbuches eine «kurze Geschichte des Wanderns» verspricht, stellt man sich auf einen kulturhistorischen Parforceritt ein und überprüft als Leser noch einmal den festen Sitz der Brille.
High-Tech-Fasern statt Loden
Zu Fuß. Eine kurze Geschichte des Wanderns
Malik, München 2010. 208 S., 16,95 €
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Im wohltemperierten Revier
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Dirk Schümer ist am liebsten zu Fuß unterwegs und rettet eine Kulturtechnik vor ihrer Überhöhung
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