Das besorgt Sie als Kriminalpsychiater?
Naja, für uns ist das insofern ein sehr reales Problem, als wir es
relativ viel mit ehemaligen Heimkindern zu tun bekommen. Bei denen
war es schon Zuhause chaotisch, meist alleinerziehende Mütter mit
wechselnden Partnern, was schon schwierig genug ist, aber in Heimen
geht das Kind dann unter in der Anonymität, es verliert seinen
Namen und seine Individualität. Es kann sich eigentlich nur Respekt
und Aufmerksamkeit verschaffen, in dem es sich durchschlägt und den
dicken Larry macht. Oft genug endet das in Kriminalität. Und ich
kann mir nicht vorstellen, dass das in den Kitas ganz anders ist.
Wenn man sich mal anschaut, was da wirklich los ist, stellt man
fest, wie überidealisiert das immer beschrieben wird. Kleinkinder
benötigen nicht viele Beziehungen, sondern enge und gute.
Beschäftigen Sie sich durch Ihre Arbeit eigentlich mit
der Frage nach Gut und Böse?
Normalerweise gehört das nicht zu meinem Beruf. Aber die Frage
drängt sich manchmal schon auf. Es gibt immer wieder Taten, die
selbst mich noch entsetzen. Wie dieser Fall im Westerwald, wo ein
Försterhaus überfallen wurde, und die Einbrecher alle vier Bewohner
umgebracht haben, einen 10jährigen Jungen vor den Augen seines
Vaters. Das hat mich zutiefst erschüttert, das übersteigt für mich
Psychologie und Juristerei und ist ein moralischer Skandal.
Also eine böse Tat?
Eine böse Tat.
Trennen Sie denn zwischen Tat und Täter? Oder saßen Sie
schon einmal vor einem Menschen, von dem Sie sagen mussten: Der ist
böse?
Die meisten lassen das ja nicht so raus. Aber bei der Begutachtung
komme ich hinter die Fassaden, und bei manchen Menschen ist es dort
eben so stockfinster und auf Zerstörung ausgerichtet, dass es mir
schon mal kalt den Rücken runter läuft. In Bayern gab es einen
Mann, der bei seinen Banküberfällen völlig grundlos fünf Menschen
ermordet hat. Der saß seit Jahrzehnten im Gefängnis, wirkte
äußerlich kalt und förmlich. Aber sobald er über seine Taten
sprach, blühte er auf, war voller Energie und berichtete, als wäre
es gestern geschehen. Diese Morde waren sein Lebenselexier. Diese
Vernichtungskraft ist mir – das kann ich nicht anders sagen –
zutiefst unheimlich.
Können solche Begegnungen einem altgedienten
Kriminalpsychiater wie Ihnen noch wirkliche Angst
machen?
Es ist sehr selten, aber in bestimmten Situationen durchaus. Bei
der Begegnung mit Menschen, die derartig von einer starken
Vernichtungsbereitschaft ausgefüllt sind, als wären Kleidung und
Haut nur noch die Hülle dafür. Die kaum verhüllte, offensive Absage
an unsere moralischen Kriterien, die es bei sehr wenigen Tätern
gibt, kann einem Angst machen. Das wird nicht besser, wenn
man als Gutachter in manchen Haftanstalten mit den Leuten alleine
in eine Zelle gesperrt wird. Zusammen mit einem wegen Mordes
verurteilten Muskelmann, der immer noch voller Rachefantasien war,
und mir vorwarf, ich würde ihm mit meiner Einschätzung die Schlinge
um den Hals legen. Ich musste an ihm vorbei zur Tür, dann 30 Meter
durch einen leeren Gang und hoffen, dass sich schnell irgendwo ein
Beamter finden lässt, der uns die Türe aufschließt. Der Mann hätte
in der Zwischenzeit alles Mögliche mit mir anstellen können,
niemand hätte es gehört. Man versucht in solchen Momenten natürlich
keine Angst zu zeigen, weil man den nicht auf dumme Gedanken
bringen will. Aber das klappt nicht immer.
Erkennen Sie inzwischen eigentlich Mörder? Gibt es
irgendetwas, was Ihnen nach all Ihrer Erfahrung sagt: Mit diesem
Menschen würde ich meine Frau, mein Kind nicht alleine
lassen?
So nicht. Aber Camus hat einmal gesagt: Mit dreißig ist jeder für
sein Gesicht verantwortlich. Ich finde schon, dass man manchen
Tätern nach einigen Jahren ansieht, dass sie schlimme Sachen hinter
sich haben und auch schuldig geworden sind. Das ist jetzt eine sehr
gewagte These und gilt natürlich nicht für alle, sonst wären wir
fein raus. Aber die Verrohung und der Verlust an Selbstachtung, die
meist mit solchen Taten einhergehen, zeichnen ein Gesicht häufig
doch. Man sieht: Da ist etwas kaputt gegangen. Vielleicht ist es
die Enttäuschung darüber, dass das Leben nie wieder richtig
hinkommen kann.
Seite 3: „Die Menschheitsgeschichte beginnt mit dem Brudermord“











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