Identitätsdebatte

Die Denkfehler der Rechten und der Linken

Kolumne Grauzone: Die Integration tausender Flüchtlinge stelle die deutsche Identität auf die Probe, ist oft zu hören. Doch was heißt das überhaupt: Identität? Und ist die Sorge um das Deutschtum berechtigt − oder undemokratisch?

Wenn schon Fußballfans nicht mehr wissen, ob sie sich noch mit ihrem Verein identifizieren können...
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Es geht mal wieder um des Deutschen Lieblingsthema: seine Identität. Darüber, ob er, also der Deutsche, überhaupt eine haben darf und wenn ja, wie diese bitteschön aussehen soll: europäisch, verfassungspatriotisch, kulturell, gar multikulturell oder doch eher ethnisch?

Ganz offensichtlich ist die Sache heikel, das sieht man an der Galligkeit, mit der die Debatte mitunter geführt wird. Und an dem erhobenen Zeigefinger. So bedauerte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer jüngst in einem Interview, dass aktuelle „Probleme heute im Gewand von Identitätsthemen auftauchen“. Denn anscheinend sind diese undemokratisch: „Die Identitätspolitik kehrt zurück, und die Demokraten schweigen“, beklagte Fischer.

Nun sind Fischers allergische Reaktionen nicht ganz unverständlich. Dafür muss man sich nur auf einschlägigen Seiten völkischer oder sich selbst „identitär“ nennender Grüppchen umschauen. Dort wird Identität flux gleichgesetzt mit der ethnokulturellen Kontinuität und den historischen Erbbeständen einer Gemeinschaft.

Nur Eigenschaften können identisch sein
 

Aber kann eine Gemeinschaft eigentlich mit sich selbst identisch sein? Oder mit ihrer Vergangenheit? Können Einzelne mit einer Gruppe identisch sein? Und überhaupt: Was heißt das überhaupt: Identität? Und was hat das mit Demokratie zu tun?

Identität ist eine vertrackte Sache. Denn auf den ersten Blick bezeichnet sie eine Unmöglichkeit: Die Identität von zwei Dingen, die eben zwei Dinge sind und somit nicht identisch. Es war der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der das Problem auf den Punkt brachte: „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist ein Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ Ende der Durchsage.

Aber bedeutet das, dass Identität ein sinnloser Begriff ist? Natürlich nicht. Man muss sich nur von der Idee verabschieden, Dinge oder Sachverhalte seien irgendwie identisch. Anders sieht es jedoch mit Eigenschaften aus. Eigenschaften können natürlich identisch sein. Zwei Autos etwa können identisch sein hinsichtlich ihrer Modellreihe, ihrer Farbe und Ausstattung. Das bedeutet nicht, dass die beiden Autos identisch sind, aber sie haben identische Eigenschaften.

Gemeinschaften schaffen sich ihre Identität erst
 

Allerdings sind menschliche Gemeinschaften keine Autos. Gemeinschaften sind Konstrukte, die nur in den Köpfen ihrer Mitglieder bestehen. Deshalb haben Gemeinschaften auch keine Attribute. Nur ihre Mitglieder, also die Individuen, haben Eigenschaften. Und an diesem Punkt wird es interessant – und politisch.

Denn Menschen konstituieren Gemeinschaften anhand von gemeinsamen – wenn man will: identischen – Eigenschaften. Welche Eigenschaften dabei herausgestellt werden, ist vollkommen willkürlich. Aber offensichtlich messen Menschen Tradition, Sprache, Brauchtum und geografischer Herkunft dabei eine wichtigere Rolle zu als der Schuhgröße.

Unglücklicherweise suggeriert unsere Sprache, dass es die Gemeinschaft ist, die festlegt, welche Eigenschaft jemanden zu ihrem Mitglied macht. Aber das ist natürlich Unfug. Gemeinschaften sind keine Subjekte. Es sind die Individuen, die anderen Individuen Eigenschaften zusprechen und sich deshalb zu ihnen zugehörig fühlen. Gruppenidentität gibt es nicht. Sie existiert nur in den Köpfen der Individuen und bezieht sich auf die Eigenschaften anderer Individuen.

Wenn also von „deutscher Identität“ die Rede ist, so meint das nicht, dass die Deutschen mit sich selbst, mit Deutschen der Vergangenheit oder einem imaginierten Deutschtum identisch sind – das alles wäre logischer Unfug. Es meint ganz einfach: Es gibt Menschen, die sich aufgrund gewisser Eigenschaften als deutsch begreifen und so eine Gemeinschaft bilden.

Die Sorge um die eigene Identität
 

Aus diesem einfachen Grund ist der gesamte „identitäre“ Diskurs ein großer Humbug, ganz einfach weil er Kollektiven Eigenschaften zuspricht, die diese nicht haben können. Allerdings fühlen sich Individuen mit anderen Individuen verbunden, weil sie eine gemeinsame Sprache haben, in der gleichen Kultur groß geworden sind, die gleichen Rituale pflegen oder die gleichen Landschaften als Heimat begreifen. Das ist ihr Recht und macht unter anderem das aus, was man – reichlich schief – persönliche Identität nennt. Sie zu diskreditieren, ist gedankenlos. Vor allem aber handelt es sich um einen großen Etikettenschwindel.

Denn wer die Sorge der Menschen um ihre Identität kritisiert, meint im Grunde nicht die Identität an sich, sondern kritisiert, dass sich die Menschen eine falsche Identität gewählt haben.

Der Ansicht kann man natürlich sein. Nur ist es absurd, die damit verbundenen Anliegen als undemokratisch zu etikettieren. Es gibt keine undemokratische Sorge um die eigene Identität, allenfalls undemokratische Mittel, dieser Sorge Ausdruck zu verleihen. Das aber ist ein großer Unterschied. Etwas mehr gedankliche Sorgfalt wäre manchmal angebracht, insbesondere in Zeiten wie diesen.

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