Wem gehört die deutsche Sprache, und wer hat darüber zu bestimmen? Der Staat, die Kultusminister, die Dichter, die Linguisten, die Verleger oder alle? Sollte sich die Bundesregierung demnächst entschließen, die deutsche Sprache zu privatisieren wie die Bundesbahn oder die Bundespost, dann gingen erhebliche Aktienanteile an andere Völker und Volksgruppen, die deutsch sprechen, an die Österreicher und Schweizer, an Rumänen, Italiener, Franzosen, Belgier und Luxemburger. Die Sache wird nicht einfach. Derlei Gedanken gehen einem Leser neuester Veröffentlichungen über die deutsche Sprache durch den Sinn. Gewiss gab es solche Bücher auch früher schon, aber nach dem berühmten linguistic turn des vergangenen Jahrhunderts, der die Sprache zum zentralen Thema der Philosophie, der Soziologie und der Psychoanalyse erhob, beobachten wir einen neuen turn, den wir aus Gründen, die mit diesem turn zu tun haben, als «Wende» bezeichnen wollen: eine Sprachwende zum Deutschen hin. Bemerkenswert an diesen Büchern über die deutsche oder die besondere österreichische Sprache ist zunächst die Tatsache, dass das Sprechen und Schreiben der Deutschen überhaupt wieder zu einem Thema avanciert. Innerhalb der hypermodernen elektronischen, oralen Kultur galten Forderungen nach Sprachnormierung, gutem Stil, richtigem Schreiben und Sprechen bis vor kurzem als steinzeitlich. Eben noch gaben Zeitgeistdenker den Ton an, die das Schreiben für ebenso obsolet erklärten wie richtiges Sprechen: Nicht Orthografie, sondern Mobiltelefone und Bildschirm-Oberflächen, Grafik und neue Mündlichkeit beschleunigen unsere Kommunikation. Trotz dieser Orakel ist die deutsche Sprache wieder zu einem Thema geworden. Die Fragen dazu kommen aber nicht nur aus den Mündern von Sprachwissenschaftlern oder Leitkultur-Strategen, sondern von Schriftstellern. Sprechen die Deutschen immer noch deutsch? Und was für ein Deutsch sprechen sie? Während die berufenen, nämlich professionellen Sprachwissenschaftler das Problem der Sprachnormen, die Unterscheidung von Richtig und Falsch oder gar von Gut und Schlecht aus ihrer Disziplin verbannt haben, treten immer mehr Laien auf den Plan, um eben diese Unterschiede wieder zu diskutieren. Das ist gut so. Den Studienräten ist im Fortschrittsrausch der vergangenen Jahrzehnte die rote Tinte getrocknet; sie hatten in ihren Pflichtkursen über Sozio-Linguistik einst gelernt, dass es keine eingeschränkten Sprachkompetenzen gibt, sondern dass Leute, die Sprachstandards nicht einhalten können, durchaus über gleichwertige Ausdrucksmöglichkeiten verfügen. Das Defizit ist eine Differenz: Das mussten sie nachbeten. Spracherziehung galt einer ganzen Epoche als pure Machtausübung, um soziale Unterschiede zu stabilisieren. Aus diesem sozio-linguistischen Schlaf sind aber nicht die Sprachwissenschaftler aufgewacht, sondern Autoren, die sich einen kindlichen Blick bewahrt haben und sagen, dass der Kaiser nackt ist, oder in unserem Falle: dass Schüler, die schlecht schreiben, schlecht schreiben. Wir verdanken dem PISA-Schock eine Wiedergeburt der alten studienrätlichen Sorge um die deutsche Sprache. Sie ist in vielerlei Hinsicht berechtigt. Nicht die Ausländer bringen die deutsche Sprachkultur in Gefahr, sondern die Deutschen selbst. Seit langem ist bekannt, dass Sprach- und Schreibkompetenz mit Schulerfolg direkt zusammenhängen. Und die Internet-Kommunikation verlangt gleichfalls wieder Schreibkompetenz. Medien dienen zwar auch der Verblödung, aber tatsächlich sind sie Evolutionskräfte. Dafür spricht auch, dass Bastian Sicks sprachkritische «Zwiebelfisch»-Kolumne bei «Spiegel-Online» eine so große Resonanz erfuhr. Viele dieser Texte mit witzigen und klugen Anregungen sind nun als Buch erschienen – unter dem Titel «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod» – und tragen dazu bei, dass eine Diskussion über den Sinn von Sprachnormen wieder möglich wird. Sick vermutet, dass «die meisten von uns ein völlig intaktes Sprachgefühl haben und wissen, an welcher Stelle sie welches Wort zu gebrauchen haben». Nur die Werbesprache, das unverständliche Politiker-Deutsch und schlechter Journalismus brächten Verwirrung in dieses Gefühl. Es ist natürlich romantischer Glaube, dass das Volk über das richtige Sprachgefühl verfüge, nicht aber Bürokraten, Kaufleute und Journalisten. Offensichtlich kommt Sprachkritik nicht ohne Sündenböcke aus. Dabei ist es die so genannte Sprachgemeinschaft selbst – und als ganze –, die die Verantwortung trägt.
Verhunzt wird Deutsch durch die Deutschen
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Verkehrsregeln
Ich geb' dir konkret Deutsch!
von 29. Oktober 2009
Manfred Schneider
Foto: Dittmeyer
Ich geb' dir konkret Deutsch!
Die neuen Sprachreiniger sorgen sich um Fremdwörter, die neue Rechtschreibung und hören auf das Sprachgefühl des Volkes. Aber wem gehört die deutsche Sprache?
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