Die Öffentlichkeit kennt Joachim Fest hauptsächlich als den Mann, der sich von Albert Speer an der Nase herumführen ließ, als Verfasser einer überaus erfolgreichen Hitler-Biografie und Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», der die Thesen Ernst Noltes publizierte, woraufhin der Historikerstreit begann. Dem Aufarbeitungsgewerbe war er nie ganz geheuer. Es schien etwas Anrüchiges an ihm, zumindest für das juste milieu der alten Bundesrepublik, das zwar die Figur des Außenseiters im Einzelfall nahezu kultisch verehrte – im täglichen Leben aber zum Gruppenzwang neigte und sehr darauf achtete, ob einer den erforderlichen Stallgeruch an sich trug. Das hat Fests Erfolg keinen Abbruch getan, erst recht nicht, als nach dem Untergang des Kommunismus der Zeitgeist sich neu kostümierte.
Eine fremde Erscheinung ist Joachim Fest dennoch geblieben, eine Figur aus einer anderen Welt. Von einer solchen handeln seine Kindheits- und Jugenderinnerungen, deren Reiz zuerst darin besteht, dass sie zum Nachdenken, nicht zum Einfühlen einladen. Es geht nicht ums Wiedererkennen, sondern um die Darstellung des Verlorenen.
Im April 1933, kurz vor der Einschulung Joachim Fests, wurde sein Vater, bis dahin Rektor einer Berliner Volksschule, fristlos beurlaubt, weil er der Zentrumspartei und dem «Reichsbanner» angehört hatte, dem Bund deutscher Kriegsteilnehmer, die sich gegen die Feinde der Weimarer Republik stellten. So bot er keine Gewähr, «jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat einzutreten». Jede weitere berufliche Tätigkeit, so informierte ihn der «Staatskommissar zur Wahrnehmung der Geschäfte des Bezirksbürgermeisters» von Berlin-Lichtenberg, sei ihm fortan untersagt. Im Oktober entließ man ihn endgültig, unter Zubilligung einer Pension von weniger als 200 Mark sowie Kindergeld für die drei Söhne und zwei Töchter. Während Millionen Deutsche von der «nationalen Revolution» profitierten, bedeutete sie für Familie Fest den «Absturz in die ‹Povertät›».
«Wir sind keine kleinen Leute»
Anfang 1936 belauschten Joachim Fest und sein älterer Bruder Wolfgang einen Streit ihrer Eltern. Die Mutter, von Jahren der Einschränkung und Aussichtslosigkeit zermürbt, bat ihren Mann, über einen Eintritt in die NSDAP nachzudenken: Dies würde doch nichts ändern. Verstellung und Unwahrheit seien «immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen». Der Vater beharrte auf seinem Trotz, seiner Verweigerung listiger Anpassung: «Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!» Das ist ein elitärer Anspruch alten Zuschnitts, dessen Spitze nach einem Jahrhundert unter dem Diktat der Gleichheitsideologien fast unverständlich geworden ist. Das höchst lebendige Ressentiment gegen «die da oben» unterstellt, diese würden das leichte, genussreiche Leben für sich selbst reklamieren und es anderen vorenthalten wollen. Johannes Fests Satz «Wir sind keine kleinen Leute» besteht dagegen auf den Verpflichtungen, die besondere Begabungen, Vermögen oder Positionen mit sich bringen. Bestimmte Lizenzen, mögen sie anderen gewährt sein, sind von vornherein ausgeschlossen.
In diesem Sinn wurde Joachim Fest erzogen. Sein Vater vereinbarte Unvereinbares, war Republikaner, Preuße, Katholik und Bildungsbürger. 1936 richtete er in der Familie einen zweiten Abendtisch ein. Sobald die «Kleinen» im Bett waren, wollte er offen sprechen: «Ich will mich der herrschenden Verlogenheit wenigstens im Familienkreis nicht unterwerfen.» Seinen älteren Söhnen Wolfgang und Joachim diktierte er einen Satz aus dem Matthäus-Evangelium: «Etiam si omnes – ego non!» Daher der Titel dieser Erinnerungen: «Ich nicht».
Er habe, schreibt Fest, dies zunächst als ein Abenteuer und eine Bevorzugung erfahren. Ausführlich schildert er seine Entdeckung der Welt von Berlin-Karlshorst aus: Bücher, Opern und Menschen. Diese Bildungsgeschichte vermeidet die Introspektion. Sie vollzieht sich in Begegnungen, in der Darstellung des Naheliegenden. Als sei er beim alten Fontane in die Schule gegangen, vergegenwärtigt Fest Milieu und Atmosphäre durch Gesten, Portraits, physiognomische Beschreibungen und vor allem durch Gespräche. Dass er auf diese Weise Erlebtes und Gehörtes überblendet, manches vereindeutigt oder zu stark betont, versichert der Autor selbst. Aber er folgt dem Authentizitätswahn nicht, von dem so viele Kindheitsgeschichten leben. Daher ist er auch nicht gezwungen, dramatische Effekte zu setzen, grell auszuleuchten. Das belanglos Scheinende, das Durchschnittliche, menschlich Übliche erhält hier Bedeutung durch die Form.
«Nur kein genre sentimental!»
Das Berliner Leibniz-Gymnasium muss Fest verlassen, nachdem er mit seinem Taschenmesser eine Hitler-Karikatur ins Pult gekratzt hatte. Er kommt auf ein Internat in Freiburg, wird zum Flakhelfer ausgebildet, später zur Wehrmacht eingezogen, pendelt zwischen der reglementierten Welt des Alltags und der freien der Kunst, des unabhängigen Denkens, des Eigensinns eines jungen Mannes. Es gleicht einem Wunder, dass dies lange gut zu gehen scheint. Dem Gebot der Familie «nur kein genre sentimental!» folgend, macht Fest nicht viel her von den gestohlenen Jahren, den inneren Spannungen.
Beherrscht berichtet er auch von der Nachricht, durch die das angefeindete, bedrängte, aber im Zusammenhalt doch bewährte Glück der Familie unwiderruflich zerstört wurde: vom Tod seines Bruders Wolfgang.












