«Nicht alles, was wahr ist, gehört zur Gruppe der Tatsachen.» So lautete der erste Satz eines Roman-Entwurfs von Christa Wolf, aus dem später die Erzählung «Unter den Linden» wurde. Als sie den Satz schrieb, im Jahr 1967, bedeutet er eine direkte Kampfansage. Jeder kann sie hören, dem noch die Standardfloskel der DDR-Oberen im Ohr hängt: Das ist Fakt! Ebenso könnte er aber auch als Motto über dem Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Charlotte Wolff stehen, eine dauerhafte Mahnung.
Es handelt sich hier nicht um einen «großen» Briefwechsel, immerhin aber doch um einen kleinen großen. Rührend ist er allemal. Denn so wahr es ist, dass – wie der Titel des Buches sagt – beider Kreise sich berühren, so bedürftig sind sie doch im Grunde beide, beide «transzendental obdachlos». Christa Wolfs Sommerhaus in Mecklenburg brennt ab (da wird die Wirklichkeit zur politischen Metapher), und Charlotte Wolffs Wohnungen sind längst verbrannt oder waren ihr nur «wie Bahnhöfe», Zwischenstationen zwischen Aufbrüchen und Fluchten. Ihr sei es recht so, schreibt sie, denn «ich bin nur bei mir zu Haus». Der Briefwechsel kam in den frühen 80er Jahren dadurch zustande, dass Christa Wolf sich in Charlotte Wolffs Autobiografie bei der imaginären Begegnung der Günderrode mit Kleist in «Kein Ort. Nirgends» zitiert fand. Das störte sie auf: «Sie werden verstehen, daß ich Ihnen schreiben muß.»
Als Jüdin im heute polnischen Riesenburg geboren, studierte Charlotte Wolff erst Medizin in Freiburg, genoss dann mit allen Fasern «das Paradies für Homosexuelle», das tolerante Berlin der 20er Jahre. Im letzten Augenblick gelang ihr die Flucht vor den Nazis nach Paris. Hatte sie schon in Berlin mit Else Lasker-Schüler an einem Kaffeetisch gesessen und war bei Walter Benjamin und Franz Hessel ein- und ausgegangen, so hatte sie auch in Paris alsbald Zugang zur Künstler-Avantgarde. Schließlich blieb sie in London hängen und brachte sich mit ihrer Handlesekunst durch, weil sie als Ärztin nicht praktizieren durfte.
«Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit» – der Titel von Charlotte Wolffs Autobiografie formuliert das Credo der zwanziger Jahre, dasjenige ihrer Erotik, der Begegnungsphilosophie und der Expressionisten: Jede Begegnung löst ein Chaos aus, aus dem wir neu geboren werden. Charlotte Wolff ist so etwas wie eine überlebende Expressionistin, in ihrer androgynen Schönheit eine Figur der zwanziger Jahre par excellence. Nicht so sehr in ihren Texten wie in ihrer Handlesekunst war sie eine expressionistische Künstlerin, obschon sie hervorragende Portraits – von Benjamin bis Virginia Woolf – verfasste.
Jenseits des Ost-West-Problems
Am Ende ihrer Autobiografie begibt sie sich auf zwei Berlinreisen zu feministischen Gruppen. Aber nicht so sehr die Begegnungen mit den Frauen geben ihr Deutschland wirklich zurück. Das gelingt erst Christa Wolf. Durch sie hat Charlotte Wolff, wie sie im Briefwechsel schreibt, die deutsche Sprache zurückgewonnen, kann sie wieder eine Liebesbeziehung zu ihr eingehen.










